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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • VIERTES BUCH
    • Viertes Kapitel
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Viertes Kapitel

In jenem Jahre, wo ich in meiner Vaterstadt zu lehren begonnen hatte, hatte ich mir auch einen Freund erworben, der mir durch die gleiche Richtung seiner Studien sehr lieb war und gleich mir in der Blüte der Jugend stand. Er war mit mir als Knabe aufgewachsen, mein Schul- und Spielkamerad war er gewesen. Dessenungeachtet war unser Verhältnis doch nicht so ausgebildet, wie es die wahre Freundschaft verlangt, die nur die wahre sein kann, wenn du die dir anhangenden Seelen vereinst in der Liebe, die in unseren Herzen durch den heiligen Geist ausgegossen ist, der uns verliehen. Dennoch aber war sie so süß, seit sie uns durch glühenden Eifer in gleichem Studium gleichsam zusammengeschweißt hatte. Vom wahren Glauben hinweg, der in dem Jüngling noch nicht feste Wurzeln geschlagen hatte, von dem er noch nicht ganz durchdrungen war, verführte ich ihn abseits zu jenen abergläubischen undverderblichen Irrlehren, um welcher willen meine Mutter mich beweinte. Schon irrte er mit mir im Geiste und meine Seele konnte nicht ohne ihn leben. Aber siehe, du, mein Gott, der du verfolgst, die dich fliehen, du Gott, des die Rache ist und der du zugleich bist der Quell der Barmherzigkeit, der du uns bekehrest zu dir auf oft wundervolle Weise, siehe, du nahmst ihn hinweg aus diesem Leben, da unsere Freundschaft kaum ein Jahr gewährt hatte, sie, die mir so süß war über alle Wonnen meines Lebens.

Wer kann deine großen Taten aufzählen, die er an sich allein nur erfahren? Was tatest du damals, mein Gott, und wie unergründlich ist die Tiefe deiner Gerichte? Lange lag er im Fieber, ohne Bewußtsein, schon im Todesschweiß. Und da man die Hoffnung aufgab, so ward er getauft, bewußtlos wie er war, ohne daß ich mich darum bekümmerte, der ich voraussetzte, daß das. was er von mir empfangen, sein Leben eher zu erhalten vermöchte, als was ohne sein Wissen an ihm geschah. Ganz anders aber ist es gekommen, er erholte sich und ward gesund. Sobald ich aber mit ihm sprechen konnte, ob er in den Spott über die Taufe, die er bewußtlos empfangen hatte, von deren Empfang er aber unterrichtet war, mit einstimmen würde, da entsetzte er sich vor mir wie vor einem Feinde und ermahnte mich mit wundersam heftigem Freimut, solcher Reden mich zu enthalten, wenn ich sein Freund sein wolle. Wohl war ich betroffen und in Verwirrung gebracht, aber ich hielt meine Gemütsbewegung zurück, auf daß er baldigst genese, um mit Wiedererlangung seiner Kräfte geeignet zu sein zur Besprechung dessen, was ich im Sinne hatte. Da aber entrissest du ihn meiner Torheit, auf daß er bewahrt bliebe bei dir zu meinem Troste. Nach wenigen Tagen wiederholte sich das Fieber und er verschied, da ich gerade abwesend war.

Welch ein Schmerz aber war es, der mein Herz umnachtete, und überall starrte mir nur Tod entgegen. Die Heimat ward mir zur Qual und das Vaterhaus zu unsagbarem Leid; was ich mit ihm gemeinschaftlich genossen, das wandelte sich ohne ihn zu unendlicher Qual. Überall suchten ihn meine Augen, aber ich fand ihn nicht; ich haßte alles, weil ich ihn nicht hatte, weil ich mir nicht sagen konnte: "Siehe, er kommt!" wie so oft, wenn er eine Zeitlang abwesend war. Ich selbst stand vor mir wie vor einem großen Rätsel, und ich fragte meine Seele: "Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mit? " Doch die Antwort, sie blieb aus. Und wenn ich sprach: "Harre auf Gott!", da gab sie mit vollem Rechte mir kein Gehör, denn der teure Freund, den sie verloren, war wahrhaftiger und besser als das Trugbild, darauf sie harren sollte. Süß nur war mir die Träne, die ich dem Freunde ins Grab nachweinte; sie vertrat mir ihn als Erquickung meiner Seele.




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