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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • VIERTES BUCH
    • Fünfzehntes Kapitel
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Fünfzehntes Kapitel

Aber noch erkannte ich nicht das Wesentliche dieses großen Gegenstandes in deiner Schöpferkunst, o Allmächtiger der du allen Bewunderungswürdiges schaffst, und mein Geist durchforschte die einzelnen körperlichen Formen, und ich versuchte zu bestimmen, zu unterscheiden Lind mir Beispielen zu belegen, was schön an sich Lind was durch Harmonie mit anderm schicklich sei. Hierauf wandte ich mich zur Erforschung des Wesens der Seele, über meine falsche Ansicht über das Geistige ließ mich die Wahrheit nicht sehen. Die Kraft der Wahrheit trat mir vor das Angesicht, ich aber wandte den schwankenden Verstand von dein Wesenlosen auf die Umrisse, Farben und schwellende Größen. Und weil ich im Geiste solcherlei nicht sehen konnte, so glaubte ich meinen Geist überhaupt nicht sehen zu können. Da ich aber in der Tugend den Frieden liebte, im Laster aber den Zwiespalt haßte, so gab ich für jene die Einheit, für dieses den Zwiespalt als charakteristisches Merkmal an. In jener Einheit schien mir der Geist der Vernunft, das Wesen der Wahrheit und des höchsten Gutes zu liegen; in diesem Zwiespalte des vernunftlosen Lebens wähnte ich Elender, liege irgendwelche Substanz und Wesen des höchsten Bösen, das nicht bloß Substanz, sondern auch Leben in sich enthalte, jedoch nicht von dir erschaffen sei, o mein Gott, von dem doch alles ist. Und doch nannte ich jenes eine Monade, in welchem noch kein Geschlecht sich für sich geltend machte, diese aber eine Dyade, den Haß bei den Verbrechern, die Lust am Laster; ich wußte nicht, was ich redete. Ich hatte noch nicht erkannt, daß das Böse kein selbständiges Wesen noch unser Geist das höchste unwandelbare Gut sei.

Denn so wie Gewalttaten entstehen, wenn die Geistesbewegung sündlich ist, in welcher ein heftiger Trieb und diese Bewegung sich anmaßend und wüst gebärdet, Schandtaten aber, wenn die Leidenschaft der Seele maßlos ist, welche fleischliche Lüste gierig genießt, so beflecken Irrtümer und falsche Meinungen das Leben, wenn die Vernunft selbst verderbt ist. So war die meinige, da ich nicht wußte, daß sie durch ein ander Licht erleuchtet werden müßte, um an der Wahrheit teilzuhaben, weil sie nicht die wesentliche Wahrheit selbst ist. Denn du erleuchtest meine Leuchte, Herr, der Herr mein Gott macht meiner Finsternis Licht, und aus deiner Fülle haben wir alle genommen; du bist das wahrhafte Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen, denn bei dir ist keine Veränderung noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. Zu dir strebte ich empor und ward hinweggestoßen von dir, auf daß ich den Tod kostete, weil du den Hoffärtigen widerstehest. Und was gibt es Hoffärtigeres, als in unfaßlicher Torheit zu behaupten, an Wesen dir gleich zu sein? Denn da ich wandelbar war und, wie dies schon daraus hervorgeht, daß ich weise zu werden wünschte, um besser zu werden, so wollte ich doch lieber dich für wandelbar halten als glauben, daß ich nicht sei, was du bist. So ward ich zurückgestoßen, und du widerstandest meinem stolzen Nacken, und ich träumte von körperlichen Gestalten und klagte, selbst Fleisch, das Fleisch an - ein Wind, der dahinfährt und kam nicht wieder zu dir. Und ich ging in der Irre und irrte in dem, das nicht ist, weder in dir, noch in mir, noch in den Körpern, noch in dem von deiner Wahrheit ins Leben Gerufenen, sondern das von meiner eitlen Spekulation nach Eindrücken der Körper gebildet wurde. Und ich sprach zu den Kleinen, deinen Gläubigen, meinen Mitbürgern, von welchen ich in meiner Unwissenheit hinweggeirrt war in albernem Geschwätz: "Warum irrt die Seele, die Gott schuf?" Aber ich wollte nicht, daß man mir darauf sagte: "Warum irrt also Gott? " ich behauptete deshalb lieber, dein unwandelbares Wesen wäre gezwungen, ehe ich bekannte, daß mein wandelbares Wesen freiwillig abgewichen sei und nun zur Strafe irre.

Sechs- oder siebenundzwanzig Jahre war ich ungefähr alt, als ich jene Schrift verfaßte und mich mit jenen sündlichen Trugvorstellungen beschäftigte, die meines Herzens Ohr betäubten; wollte ich, o süße Wahrheit, auf deine innere Melodie horchen, nachsinnend über das Schöne und Schickliche, begehrte ich festzustehen und dich zu hören und mich zu freuen hoch über des Bräutigams Stimme, da vermochte ich es nicht; durch die Stimmen meines Irrtums ward ich fortgerissen in die Außenwelt und durch das Gericht meines Stolzes fiel ich in den Abgrund. Du ließest mich nicht hören Freude und Wonne, daß die Gebeine fröhlich wurden, die noch nicht zerschlagen waren.




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