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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • FÜNFTES BUCH
    • Zehntes Kapitel
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Zehntes Kapitel

So hast du mich denn von jener Krankheit hergestellt und hast gesund gemacht den Sohn deiner Magd, damals fürs erste leiblich, damit er am Leben bliebe und du ihm ein besseres und sichereres Heil verliehest. Auch in Rom knüpfte ich Verbindung an mit jenen betrogenen und betrügenden Heiligen, nicht nur mit den sogenannten "Zuhörern", zu denen auch der gehörte, in dessen Hause ich krank lag und gesundete, sondern auch mit denen, die man die "Auserwählten" nennt. Denn mir schien es noch, als ob wir es nicht wären, die da sündigten, sondern in uns sündige eine andere Natur; und es erfreute meinen Stolz, schuldlos zu sein und, wenn ich irgend etwas Böses getan hatte, mich nicht zur Tat bekennen zu müssen, damit du meine Seele heilest, denn sie hat an dir gesündigt; sondern ich pflegte sie zu entschuldigen und etwas anderes anzuklagen, was mit mir war, ohne daß ich es war. Aber mein Ich war das Ganze, meine Gottlosigkeit hatte mich aber feindlich entzweit. Und eben darin beruhte meine Sünde, die um so unheilbarer war, je weniger ich mich für den Sünder hielt, und es war eine fluchwürdige Ungerechtigkeit, daß ich lieber wollte, daß du, allmächtiger Gott, in mir zu meinem Verderben überwunden würdest, als daß ich von dir zu meinem Heile überwunden würde, Denn noch hattest du meinem Mund keine Wache gesetzt und eine Türe der Schweigsamkeit meinen Lippen, daß mein Herz nicht abwäge und boshafte Worte vorbrächte, um die Entschuldigungen bei Verständigungen zu entschuldigen mit Menschen, die gottlos handeln; deshalb war ich noch mit ihren Auserwählten vereint.

Schon aber verzweifelte ich, durch jene falsche Lehre Nutzen zu erlangen, und selbst das, womit ich beschlossen hatte, zufrieden zu sein, wenn sich nichts Besseres fände, hatte alle Anziehungskraft für mich verloren. Auch hatte ich schon den Gedanken gehabt, daß jene Welt weiser, die sogenannten Akademiker immer noch klüger gewesen seien als die übrigen, weil sie lehrten, man müsse an allem zweifeln, und sich dafür entschieden hatten, daß der Mensch die Wahrheit zu erkennen überhaupt nicht imstande sei. Denn das schien mir klar ihre Meinung gewesen zu sein nach der allgemeinen Ansicht, denn noch erkannte ich nicht ihre Intentionen. Ohne Hehl suchte ich meinen Gastfreund von zu großem Vertrauen abzubringen, das er, wie ich bemerkte, zu den Fabeln hatte, von denen die Schriften der Manichäer strotzen. Indessen blieb ich mit ihnen noch in freundschaftlicherem Verkehr als mit denen, die nicht jener Sekte angehörten. Doch auch sie verteidigte ich nicht mehr mit demselben Feuer; der freundschaftliche Verkehr mit ihnen, von denen Rom ziemlich viel birgt, machte mich lässiger, etwas anderes zu suchen, zumal da ich an deiner Kirche verzweifelte, o Herr des Himmels und der Erden, du Schöpfer des sichtbaren und unsichtbaren Alls, Wahrheit finden zu können, von der mich jene abgewendet hatten. Für häßlich hielt ich den Glauben, du habest die Gestalt des menschlichen Fleisches und werdest begrenzt von den körperlichen Umrissen unserer Glieder. Aber weil ich, wenn ich über meinen Gott denken wollte, nichts zu denken wußte als körperliche Massen, so war dies die größte und fast einzige Ursache unvermeidlichen Irrtums.

Deshalb glaubte ich auch, es gäbe auch eine ähnliche Substanz des Bösen, die eine häßliche und ungestalte Masse habe, entweder eine plumpe, welche sie Erde nennen, oder eine dünne, feine, wie der Luftkörper ist, und von welcher sie sich einbildeten, daß er als böser Geist durch die Erde krieche. Und weil meine Frömmigkeit, so gering sie auch war, mich zu glauben zwang, der gute Gott habe keine böse Natur geschaffen, so bestimmte ich zwei sich feindliche Massen, beide unendlich, aber die böse im engem Sinne, die gute im weitern. Aus dieser verderblichen Grundlage ergaben sich die übrigen Gottlosigkeiten. Denn da mein Geist sich in den Glauben der Kirche zurückzuversetzen versuchte, fühlte ich mich abgestoßen, weil der kirchliche Glaube nicht so beschaffen war, wie ich meinte. Es erschien mir frömmer, wenn ich dich, mein Gott, dessen Erbarmen gegen mich ich bekenne, mir überall unendlich dächte, obgleich ich mich gezwungen sah, auf der einen Seite, wo sich dir die Masse des Bösen entgegensetzt, dich mir begrenzt vorzustellen, als wenn ich glaubte, du seiest auf allen Seiten, nach Art der menschlichen Gestalt, begrenzt. Besser schien es mir, zu glauben, du habest nicht das Böse erschaffen, das mir in meiner Unwissenheit nicht bloß eine Substanz, sondern auch körperlich zu sein schien, da ich mir den Geist nur als einen feinen Körper denken konnte, der sich durch den Raum ausgieße, als zu glauben, die Natur des Bösen wäre durch dich so gestaltet worden, wie ich sie mir vorstellte. Selbst von unserm Erlöser, deinem Eingebornen, glaubte ich, daß er aus dein Stoff deiner lichthellsten Masse zu unserm Heile herausgestaltet worden, so daß ich von ihm nichts glaubte, als was ich mir nach meiner eitlen Ansicht vorstellen konnte. Ich meinte, eine solche Lichtnatur könne nicht von Maria geboren sein, ohne mit dem Fleischlichen vermischt und dadurch befleckt zu werden. Diese Vermischung aber wäre ohne Befleckung nicht möglich, weil ich alles Fleisch für böse hielt. Ich fürchtete mich also davor, an einen im Fleisch Gebornen zu glauben, um nicht an einen im Fleisch Befleckten glauben zu müssen Hier werden mich deines Geistes Kinder milde belächeln in feindlicher Weise, wenn sie lese meine Bekenntnisse lesen, aber so war ich.




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