Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek
Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

IntraText CT - Text

  • SECHSTES BUCH
    • Drittes Kapitel
zurück - vor

Hier klicken um die Links zu den Konkordanzen auszublenden

Drittes Kapitel

Ich seufzte nicht mehr betend nach deiner Hilfe, sondern mein Geist strengte sich an zu forschen und sehnte sich unruhig nach Besprechung mit anderen. Den Ambrosius hielt ich nach weltlichem Maßstabe für einen glücklichen Mann, da ihm selbst Leute von der höchsten Machtbefugnis ihre Ehrenbezeigungen erwiesen, nur seine Ehelosigkeit schien mir schwer durchführbar. Was für Hoffnungen er in sich trug, wie er gegen die Versuchungen seiner eigenen Vortrefflichkeit kämpfte, welchen Trost er hatte in den Widerwärtigkeiten und weich köstliche Freude seines Herzens verborgener Mund von deinem Brote kostete, das konnte ich nicht ahnen, denn ich hatte es selbst nicht erfahren. Auch wußte er nichts von meinen Unruhen noch von dem Abgrunde meiner Gefahr, weil ich ihn nicht nach Wunsch fragen konnte, da die Scharen geschäftiger Leute, deren Schwachheit er aufhalf, von seinem Ohr und Munde mich trennten. Die wenige Zeit, die er nicht mit ihnen zusammen war, erfrischte er den Körper mit der nötigen Nahrung oder labte am Lesen den Geist. Und wenn er las, schweiften die Augen über die Seiten und das Herz erforschte den Sinn, er selbst aber schwieg. oft, wenn wir gegenwärtig waren, denn jeder hatte Zutritt, auch pflegte der Kommende nicht angemeldet zu werden, sahen wir ihn schweigend lesen, und nie anders; lange Zeit saßen wir schweigend da - denn wer hätte es gewagt, eine solche Vertiefung zu stören? -, dann gingen wir in der Vermutung, daß er die kurze Spanne Zeit, die ihm zu seiner geistigen Erholung zu Gebote stand, feiernd von dem Lärmen der Unruhe fremder Angelegenheiten ungestört verbringen wolle. Auch vermied er vielleicht die Lautlosen deshalb, damit er nicht genötigt wäre, den in höchster Aufmerksamkeit in Spannung befindlichen Zuhörern ein minder klar -geschriebenes Buch auszulegen oder sich auf schwierige Fragen einzulassen und durch diese Verwendung seiner Zeit mehr, als er wollte, von seinen Büchern abgezogen zu werden, obgleich wohl noch außerdem der Umstand hinzukam, daß er seine Stimme schonen mußte, die sehr leicht heißer wurde, und er schon deshalb mit vollem Rechte still für sich las. In welcher Absicht aber er es auch tat, er tat wohl daran.

Soviel aber stand fest, daß ich niemals Gelegenheit fand, von seinem Herzen, deinem heiligen Orakel, zu erfahren, was ich wünschte; ein kurzes Gehör erlangte ich zuweilen. Meine innere Aufregung aber verlangte nach einer ruhigen Aussprache mit ihm, nie aber fand sich Zeit dazu. An jedem Sonntage aber hörte ich ihn das Wort der Wahrheit lauter auslegen, und ich überzeugte mich mehr und mehr, daß alle jene Knoten schlauer Verleumdungen, die jene unsere Betrüger gegen die heiligen Schriften knüpften, gelöst werden konnten. Als ich nun vollends erfuhr, daß die Lehre, wie der Mensch von dir nach deinem Bilde geschaffen sei, von den geistlichen Söhnen, die du aus Gnade durch der Mutter Kirche wiedergeboren werden ließest, nicht so verstanden werden dürfe, als ob du nach ihrer Vorstellung in ihren Gedanken von menschlicher Gestalt begrenzt seiest, obgleich ich kaum dunkel ahnte, wie das Wesen des Geistes beschaffen sei, da errötete ich vor Freude, daß ich nicht den echten Kirchenglauben, sondern Hirngespinste fleischlicher Gedanken angebetet hatte. Verwegen und gottlos aber war ich darin, daß ich das, was ich hätte durch Forschen erst zu beurteilen lernen sollen, angeklagt hatte. Du aber, Erhabenster und Nächster, Verborgenster und Gegenwärtigster, der du keine Glieder, weder größere noch kleinere, hast, sondern der du überall ganz und unbegrenzt bist, du bist freilich nicht jene Körperform, die ich mir einbildete; dennoch schufst du den Menschen nach deinem Bilde, und siehe, er ist vom Raume begrenzt vom Kopf bis zu den Füßen.




zurück - vor

Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek

Best viewed with any browser at 800x600 or 768x1024 on Tablet PC
IntraText® (V89) - Some rights reserved by Èulogos SpA - 1996-2007. Content in this page is licensed under a Creative Commons License