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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • SECHSTES BUCH
    • Viertes Kapitel
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Viertes Kapitel

Da ich also nicht wußte, wie dieses dein Ebenbild beschaffen ist, so hätte ich anklopfen und die Frage vorlegen sollen, was zu glauben sei, und nicht höhnend widerlegen sollen, als glaube die Kirche so. Um so mehr nagte die Sorge an meinem Herz, was ich als sicher annehmen solle, je mehr ich mich schämte, so lange durch die Verheißung der Gewißheit getäuscht und betrogen und in knabenhafter Unbesonnenheit und Irrtum so viel Ungewisses als gewiß in die Welt ausgeschwatzt zu haben. Denn daß es falsch war, ward mir erst später klar. Sicher war jedoch, daß das, was von mir einst für sicher gehalten wurde, unsicher war, als ich deine Kirche mit blinden Beschuldigungen anklagte, von welcher ich zwar noch nicht mit Gewißheit wußte, daß sie Wahres lehre, jedoch daß sie nicht das lehre, was ich mit schwerer Anklage belegt hatte. So zerfiel ich mit mir, und ich freute mich, mein Gott, daß deine einige Kirche, deines Einigen Leib, in der mir als Kind Christi Name beigelegt wurde, keinen Geschmack habe an kindischen Albernheiten, daß sie in ihrer Dogmatik dich, den Schöpfer des Alls, nicht in einen Raum, wenn auch in den erhabensten, so doch überall begrenzten - in den Menschenleib einschloß.

Auch freute ich mich, daß mir nicht mehr zugemutet wurde, die Schriften des Alten Testaments, das Gesetz und die Propheten mit dem Auge zu lesen, mit welchem sie mir früher unsinnig erschienen, als ich deine Heiligen beschuldigte, so zu denken, in Wahrheit aber dachten sie nicht so. Mit Freude hörte ich den Ambrosius in seinen Volkspredigten sagen, eine Regel, die er aufs dringendste empfahl: "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig." Er enthüllte, was nach dem Buchstaben Verkehrtes zu besagen schien, indem er den mystischen Schleier hinwegnahm, erklärte es nach dem Geiste und äußerte dabei nichts, was bei mir Anstoß erregte, wenn ich auch die Wahrheit des von ihm Vorgetragenen noch nicht verstand. Denn ich suchte mein Herz vor jedem Beifall zu wahren, aus Furcht, in die Tiefe zu fallen, und durch die Ungewißheit ward ich noch mehr gequält, denn ich wollte mich von der Wahrheit der unsichtbaren Dinge so gewiß überzeugen, als ich überzeugt war, daß sieben und drei zehn seien. So unsinnig war ich aber doch nicht, daß ich geglaubt hätte, selbst das lasse sich nicht begreifen; gleich diesem aber wünschte ich auch das andere zu verstehen, sei es nun etwas Körperliches und meinen Augen Abwesendes, sei es etwas Geistiges, an das ich nur denken konnte, wie ich an körperliche Dinge dachte. Durch den Glauben konnte ich geheilt werden, durch den mein geläuterter Geist zu deiner immer bleibenden, in keiner Hinsicht irrenden Wahrheit gelenkt worden wäre. Aber wie der, welcher einem schlechten Arzt in die Hände gefallen ist, auch einem guten sich anzuvertrauen fürchtet, so war es auch mit der Krankheit meiner Seele der Fall, die nur durch den Glauben geheilt werden konnte, und aus Furcht, solches zu glauben, verschmähte sie die Heilung und leistete deinen Händen Widerstand, der du die Heilmittel des Glaubens bereitetest, der du sie über die Krankheiten des Erdkreises verbreitet hast und ihnen so große Kraft verliehen.




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