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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • SECHSTES BUCH
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Elftes Kapitel

Am meisten aber erfaßte mich Verwunderung, da ich mit Kummer mich erinnerte, welch lange Zeit doch vom neunzehnten Jahre meines Lebens verstrichen sei, wo ich in brennendem Eifer die Wahrheit gesucht hatte mit dem Vorhaben, wenn ich jene gefunden hätte, die eitle Hoffnung auf alle nichtigen Leidenschaften aufzugeben und alle lügnerischen Torheiten; und siehe, schon war ich im dreißigsten Jahre und haftete noch an demselben Unrate, voll Gier nach dem flüchtigen und zerstreuenden Genusse der Gegenwart, und das war mein tägliches Wort: Morgen werde ich es finden, es wird sich mir klar darbieten und ich werde es festhalten; siehe, Faustus wird kommen und mir alles erklären. ihr großen Akademiker! So ist also nichts Sicheres für das Leben zu ergreifen. Nun dann laßt uns fleißiger suchen und nicht verzweifeln.

Schon erscheint mir nicht mehr sinnlos, was mir früher so in den Büchern der Kirche erschien; es kann anders und vernünftig verstanden werden. So will ich meine Schritte lenken auf die Bahn, auf die mich als Kind schon die Eltern stellten, bis ich durchschauliche Wahrheit finde. Wo aber soll ich suchen? Wann soll ich sie suchen? Es fehlt mir nicht Ambrosius, es mangelt mir nicht an Schriften zum Lesen. Wo aber suchen wir die Bücher selbst? Woher und wann sie anschaffen? Von wem sie nehmen? Die Zeit muß eingeteilt, die Stunden müssen bestimmt werden für das Heil der Seele. Eine große Hoffnung ist uns aufgegangen, indem der Kirchenglaube nicht lehrt, was wir dachten und ihm falsch vorwarfen. Seine Lehrer halten es für sündhaft, an einen in Menschengestalt beschlossenen Gott zu glauben, und wir zweifeln noch daran anzuklopfen, auf daß auch das übrige uns kundwerde. In den Vormittagsstunden nehmen mich meine Schüler in Anspruch, was tun wir in den übrigen Stunden? Warum betreiben wir da nicht (was uns nottut)? Aber wann sollen wir denn da unseren Gönnern aufwarten, deren Gunst wir bedürfen? Wann bereite ich mich vor auf die Vorlesungen, welche die Schüler bezahlen? Wann sollen wir uns erholen von der Abspannung des Geistes und den Sorgen, die auf uns lasten?

Weg mit dem allen, verwerfen wir es als eitel und nichtig, wenden wir uns einzig und allein der Erforschung der Wahrheit zu. Das Leben ist voll Elends, die Stunde des Todes ungewiß. Wenn er uns plötzlich überschliche, wie müßten wir aus diesem Leben scheiden? Wo könnten wir erlernen, was wir hier vernachlässigt haben? Müßten wir nicht weit eher die Strafe dieser Vernachlässigung büßen? Wie wenn der Tod all unser Streben mit dem Bewußtsein abschnitte und endigte? Also auch das ist die Frage. Doch ferne sei, daß es also sei.

Es ist etwas und nicht zwecklos, daß ein so außerordentlich hohes Ansehen des christlichen Glaubens sich über den ganzen Erdkreis verbreitet. Nimmermehr würde Gott so Großes und Mächtiges für uns vollbringen, wenn mit dem Tode des Körpers auch das Leben der Seele sich endigte. Was zaudern wir denn da, die Hoffnung auf das Zeitliche aufzugeben und uns voll und ganz dem Suchen nach Gott und dem ewigen Leben zu weihen? Doch warte: denn auch die Dinge dieser Welt haben ihren Reiz und gewähren süßen Genuß; nicht leicht ist es, das Trachten nach ihnen aufzugeben; schmerzlich ist es dagegen, zu ihnen zurückzukehren. siehe, wie wenig gehört z. B. dazu, eine Ehrenstelle zu erlangen. Und was verlangt man mehr? ich habe eine Menge angesehener vornehmer Freunde; lege ich mich nur recht darauf und betreibe es recht eilig, so kann mir selbst ein Landvogtamt gegeben werden; man kann ein Weib mit großem Vermögen heiraten, damit sie nicht die Ausgaben über das Maß vermehre, und es wird das rechte Maß und Ziel des Verlangens erfüllt sein. Viele große Männer, die der Nachahmung wert sind, widmeten sich trotz ihrer Ehe dem Studium der Weisheit.

Als ich so sprach und solche Winde (der Eitelkeit) ihr Spiel mit mir trieben und mein Herz hierhin und dorthin rissen, verstrich die Zeit und noch zauderte ich, mich zum Herrn zu wenden, und ich verschob es von einem Tag zum andern, in dir zu leben, verschob es aber nicht, in mir täglich zu sterben. Ich liebte das Leben der Seligen und fürchtete es in seinem Sitze, und ich floh vor ihm, während ich es suchte. Denn ich glaubte, ich würde gar zu elend werden, wenn ich des Weibes Umarmungen entbehren müßte, und dachte nicht an das Heilmittel deiner Barmherzigkeit, das mich von meiner Schwachheit zu heilen vermochte, weil ich es noch nicht aus Erfahrung kannte, und meinte, die Enthaltsamkeit wäre ein Werk eigener Kraft, von der ich wußte, daß sie mir fehlte, da ich in meiner Torheit so weit ging, nicht zu wissen, was da geschrieben stand: ich kann nicht anders züchtig sein, es gebe mir's denn Gott. Gewiß hättest du mir's gegeben, wenn das Seufzen meines Herzens zu deinem Ohr gedrungen wäre und wenn ich in festem Glauben alle Sorge auf dich geworfen hätte.




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