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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • SECHSTES BUCH
    • Zwölftes Kapitel
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Zwölftes Kapitel

Wohl suchte mich Alypius von der Heirat abzuhalten, der immer und immer mir wiederholte, daß ein Leben in ungestörter, der Liebe zur Weisheit gewidmeter Muße, nach der wir uns ja schon lange sehnten, mit der Ehe unvereinbar sei. Er selbst lebte schon damals in fast beneidenswerter Keuschheit; in seinen ersten Jünglingsjahren hatte er die Liebe genossen, aber er war nicht in ihren Banden geblieben; jetzt schmerzte es ihn uni so mehr, und er verachtete das Laster und lebte seitdem ganz züchtig. ich aber widerstand ihm, indem ich ihm die Beispiele solcher Männer anführte, die, obwohl verheiratet, doch sich der Weisheit befleißigt und Gottes Gnade erworben hätten und in treuer Liebe an ihren Freunden festgehalten hätten. Ich aber war freilich weit entfernt von der Seelengröße jener Männer und gebunden von der krankhaften Sinnenlust nach todbringendem Genusse; ich schleppte meine Kette und fürchtete mich, sie zu lösen, und da mir schon die Wunde geschlagen war, so verschmähte ich die Worte dessen, der mir wohlmeinend riet, wie die Hand dessen, der mich lösen wollte. Außerdem aber sprach auch die Schlange selbst durch mich zum Alypius und umstrickte ihn und legte ihm durch meine Rede Schlingen auf seinen Weg, durch welche ihm die Füße, die auf ehrbaren Wegen frei wandelten, verwickelt werden sollten.

Denn während er sich über mich wunderte, wie ich, auf den er nicht wenig hielt, so tief von der Macht der Wollust gefesselt sein könnte, daß ich versicherte, wenn wir darüber sprachen, kein eheloses Leben führen zu können, und ich mich dann damit verteidigte, wenn ich seine Verwunderung sah, daß ich sagte, es sei ein großer Unterschied zwischen der von ihm hastig und heimlich genossenen Lust, deren er sich ja kaum noch erinnern und die er leicht und ohne Schwierigkeit verachten könne, und den Freuden meines fortgesetzten Umganges, zu welchen nun noch der Ehrenname der Ehe hinzukäme, er solle sich nicht wundern, wenn ich dieses Leben nicht verachten könne, da begann er selbst nach der Ehe Verlangen zu tragen, keineswegs freilich von dem Reize der Wollust besiegt, sondern aus Neugier. Er wünschte zu wissen, wie er mir sagte, was denn das sei, ohne das mir das Leben,. welches jenem so recht gefiel, nicht als ein Leben, sondern als Strafe erschien. Ein von dieser Fessel freier Geist staunte über meine Sklaverei, und da er darüber staunte, wandelte ihn selbst die Lust an, den Versuch zu machen und sich in die Sklaverei zu stürzen, die er so angestaunt hatte, weil er mit dem Tode einen Bund eingehen wollte; denn wer sich gern in Gefahr gibt, der verdirbt darinnen. Keinen von uns zog ja das an, oder nur schwach, was an der Ehe ehrwürdig ist in der Pflicht, den Hausstand zu leiten, Kinder zu zeugen und zu erziehen. Mich, den Gefesselten, quälte größtenteils nur die gewohnte heftige Begier, meine unerforschliche Fleischeslust zu befriedigen; jenen zog Neugier zur Fessel. So waren wir, bis du, o Höchster, der du unsere Asche nicht verließest, dich der Elenden erbarmtest und uns auf wundersame und verborgene Weise zu Hilfe kamst.




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