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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • NEUNTES BUCH
    • Viertes Kapitel
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Viertes Kapitel

Endlich kam der Tag, an welchem ich auch in der Tat von meinem Berufe erlöst werden sollte, wie ich es ja im Geiste schon war. Und es geschah. Frei wie mein Herz hattest du auch meine Zunge gemacht; freudig pries ich dich und ging mit all den Meinen auf das Landgut. Wie ich mich dort mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte, die deinem Dienst geweiht waren, aber die Schule des Stolzes noch ausschnauften, wie beim Ausruhen, davon legen die Schriften Zeugnis ab, welche die Unterredungen mit den Anwesenden und mir selbst in deiner Gegenwart enthalten; wie ich aber mit dem Nebridius, der ja abwesend war, verkehrte, davon zeugt unser Briefwechsel. Warm aber würde die Zeit zureichen, alle deine großen Wohltaten, die du mir erwiesen hast in jener Zeit, zu erwähnen, besonders da ich zu andern größern eile? Meine Erinnerung ruft mir mein damaliges Ich ins Gedächtnis, und es ist süß für mich, Herr, dir zu bekennen, durch welchen innerlichen Stachel du mich vollends gezähmt und wie du die Berge und Hügel meiner Gedanken erniedrigt und, was krumm war und uneben, geebnet hast, wie du auch selbst den Alypius, den Bruder nach meinem Herzen, dein Namen deines Eingeborenen, unseres Herrn und Erlösers Jesu Christi, unterworfen hast, dem er anfangs in unserer literarischen Tätigkeit keinen Platz einräumen wollte. Er wollte sich lieber am Duft der Zedern, die der Herr schon zerbrochen hatte, als an dein heilbringenden Kraute der Kirche, dem Heilmittel wider die Schlange, laben.

Wie pries ich dich, o mein Gott, da ich die Psalmen Davids las, die Lieder des Glaubens, die Töne der Gottesfurcht, die mit ihrem Schall den Geist der Aufgeblasenheit vertreiben; ich las sie als Katechumen, noch ein Neuling in der wahren Liebe zu dir, da ich auf dem Landgute mit Alypius, der auch Katechumen war, der Ruhe lebte und die Mutter uns anhing in stiller Weiblichkeit, mit festem Glauben und der Sicherheit, die das Alter verleiht, mit der mütterlichen Liebe, in christlicher Frömmigkeit. Wie pries ich dich bei diesen Lobgesängen, wie ward ich durch sie zu dir begeistert und entflammt, sie, wenn es möglich gewesen, dem ganzen Erdkreise als heilsames Mittel wider des Menschen Stolz zu verkündigen! Und doch werden sie auf dem ganzen Erdkreis gesungen, und keiner ist, der sich vor deiner Hitze verbirgt. Von welch heftigem und großem Schmerze ward ich wider die Manichäer ergriffen und von ebenso großem Mitleid gegen sie, daß sie jene göttlichen Geheimnisse, jene Heilmittel nicht kannten und heillos der Arznei widerständen, durch welche sie gesunden könnten! Ich wünschte nur, daß sie damals ohne mein Wissen in meiner Nähe gewesen wären und mein Angesicht geschaut hätten und meine Stimme gehört, wenn ich in jener Ruhezeit den vierten Psalm las, und wie dieser Psalm auf mich wirkte: Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst; sei mir gnädig und erhöre mein Gebet. Sie hätten es hören sollen, wenn sie es ohne mein Wissen hätten hören können, damit sie nicht meinten, ich hätte um ihretwillen also gesprochen; sie hätten es hören sollen, was ich unter jenen Worten sprach. Denn ich hätte es gewißlich nicht gesprochen noch hätte ich es so gesprochen, wenn ich gewußt hätte, daß ich von ihnen gehört würde, noch würden sie es so aufgenommen haben, als wenn sie es hörten, wie ich mit mir und für mich in deiner Gegenwart in vertrauter Andacht meiner Seele redete.

Denn ich erschauderte fürchtend und zugleich erglühte ich hoffend in jubelnder Freude zu deiner Barmherzigkeit, o Vater. Und alles dies leuchtete aus meinen Augen, sprach aus meiner Stimme, wenn dein guter Geist zu uns gewendet spricht: Liebe Kinder, wie lange soll meine Ehre geschändet werden; wie habt ihr das Eitle so lieb und die Lügen so gerne? Denn ich hatte einst die Eitelkeit lieb und suchte die Lüge. Und du, Herr, hattest erhöhet schon deinen Heiligen und ihn erwecket von den Toten und gesetzt zu deiner Rechten, von wannen er niedersendet den verheißenen Geist der Wahrheit; und er hatte ihn bereits gesandt und ich wußte es nicht. Er hatte ihn gesandt, weil ich schon erhöhet war, auferstehend von den Toten und auffahrend gen Himmel. Vorher aber war der Geist noch nicht verliehen, weil Jesus noch nicht verherrlicht war. Und es ruft der Prophet: Wie lange soll meine Ehre geschändet werden? Wie habt ihr das Eitle so lieb und die Lüge so gerne? Erkennet doch, daß der Herr seine Heiligen wunderlich führet. Er ruft: Wie lange? Er ruft: Erkennet! Und ich hatte so lange in Unwissenheit das Eitle so lieb und die Lügen so gerne. Und ich hörte und zitterte, denn es ward zu solchen gesagt, wie ich wußte, daß ich gewesen war. Denn die Gebilde, die ich für Wahrheit hielt, sie waren nur Eitelkeit und Lüge. Und oft stieß ich laute und schwere Klagen aus, wenn ich schmerzlich bewegt daran zurückdachte. Wenn es doch die vernommen hätten, welche noch jetzt die Eitelkeit lieben und die Lügen so gern haben. Sie wären vielleicht erschüttert worden und hätten es von sich geworfen, und du würdest sie erhören, wenn sie dich anriefen; denn er starb eines wirklichen Todes im Fleisch für uns, der uns bei dir vertritt.

Ich las: Zürnet ihr, so sündiget nicht. Wie ward ich erschüttert, mein Gott, der ich bereits gelernt hatte, mir über das Vergangene zu zürnen, auf daß ich fortan nicht mehr sündigte. Und mit Recht zürnte ich mir, denn keine fremde Natur aus dem Geschlechte der Finsternis sündigte an mir, wie die sprechen, welche sich nicht selbst zürnen können, und die sich den Zorn häufen auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes. Meine Güter, sie lagen nicht mehr in der Außenwelt noch suchte ich sie mit Fleischesaugen im Sonnenlichte. Denn die ihre Freude in der Außenwelt finden, die werden leicht eitel und verlieren sich in das Sichtbare und Zeitliche, an dessen Vorstellungen sie mit hungrigem Denken lecken. O wenn sie doch der Hunger ermattete und sie riefen: Wer wird uns die wahren Güter zeigen, Und wir wollen sagen und sie mögen es vernehmen: Herr, erhebe über uns das Licht deines Angesichtes. Denn wir selbst sind nicht das Licht, das alle Menschen erleuchtet, sondern wir werden von dir erleuchtet, daß wir, die wir weiland in Finsternis waren, ein Licht in Finsternis waren, ein Licht in dir sind. O könnten sie im Innern das Ewige schauen; weil ich dies geschmeckt, ergrimmte ich, daß ich es ihnen nicht zeigen konnte, weil sie mir ein Herz zubrächten, das in ihren auf die Außenwelt gerichteten Augen war und sprächen: Wer wird uns die wahren Güter zeigen? Denn erst, da ich mir in meines Herzens Tiefe zürnte, als ich zerschlagen war, als ich meinen alten Menschen als Schlachtopfer darbrachte und durch begonnenes Sinnen auf meine Erneuung meine Hoffnung auf dich gründete, da erst begannst du mir süß zu werden und erfreutest mein Herz. Und ich schrie auf, da ich dies Wort las von außen und in meinem Innern seine Wahrheit erkannte; nimmer wollte ich reich werden an irdischen Gütern, Zeitliches verschlingend und selbst von ihm verschlungen, da ich in der ewigen Einfalt andere Früchte, andern Wein und anderes Öl gefunden hatte.

Und ich rief bei dem folgenden Verse mit lauter Stimme meines Herzens: O in Frieden! O in dir selbst will ich schlafen und ruhen! Denn wer mag wider uns sein, seit da geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg? Und du bist der ganz Unwandelbare, und in dir ist die Ruhe, die alle Mühseligkeiten vergißt, denn nicht ein anderer neben dir und nicht um vieles andere zu erlangen, das doch nicht ist, was du bist, sondern du Herr allein hast meine Hoffnung fest gegründet. Ich las es und erglühte, und ich fand nicht, was ich mit den tauben Toten, deren einer ich gewesen bin, machen sollte, eine Pest, ein rauher Beller, blind gegen die Schriften, die da süß sind von himmlischem Honig und deinem Lichte erleuchtet, und ich verzehrte mich über diese Feinde der heiligen Schrift. -Wie soll ich alles dessen gedenken, das in jenen Tagen der Ruhe in mir vorging? Aber ich habe weder vergessen noch will ich verschweigen die Zucht deiner Geißel und die wunderbare Schnelligkeit deines Erbarmens. Damals züchtigtest du mich mit Zahnschmerzen, und da sie so schlimm wurden, daß ich nicht sprechen konnte, kam es in mein Herz, die Anwesenden zu ermahnen, für mich zu dir, dem Gott jeglichen Heils, zu beten. Ich schrieb es auf ein Wachstäfelchen und gab es ihnen, daß sie es lesen sollten. Und als wir das Knie zum Gebet gebeugt hatten, da schwand der Schmerz. Aber welch ein Schmerz und wie schnell verging er! Ich erschrak; offen bekenne ich es dir, mein Herr und mein Gott, denn ähnliches hatte ich seit meiner Jugend nicht erfahren. Und ich erkannte in meines Herzens Tiefe deinen Wink und pries in des Glaubens Freude deinen Namen. Und dieser Glaube ließ mich nicht sicher und sorglos sein über die Sünden meiner Vergangenheit, die mir damals noch nicht durch die Taufe vergeben waren.




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