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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • ZEHNTES BUCH
    • Sechzehntes Kapitel
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Sechzehntes Kapitel

Wie nun, wenn ich die Vergessenheit meine, erkenne ich da ebenso, was ich nenne? Woher sollte ich es erkennen, wenn ich mich nicht daran erinnerte? Nicht den Klang des Namens meine ich, sondern das, was er bezeichnet; hätte ich dies vergessen, so könnte ich freilich nicht die Bedeutung des Klanges verstehen. Daher, wenn ich mich an das Gedächtnis erinnere, so steht es selbst vor sich selbst: erinnere ich mich an die Vergessenheit, so ist das Gedächtnis und die Vergessenheit dabei; das Gedächtnis, durch welches, die Vergessenheit, deren ich mich erinnere. Aber was ist die Vergessenheit, wenn nicht ein Ermangeln des Gedächtnisses? Wie also ist diese Vergessenheit nun gegenwärtig, daß ich mich ihrer erinnern kann, da mir doch, wenn sie gegenwärtig, das Erinnern schwindet? Halten wir das, dessen wir uns erinnern, im Gedächtnis fest, könnten aber, wenn wir uns der Vergessenheit nicht erinnerten, auch nicht, wenn wir sie nennen hörten, wissen, was ihr Name bedeute, so folgt, daß +Vergessenheit« im Gedächtnis festgehalten wird. Sie ist also gegenwärtig im Gedächtnis, so daß wir sie nicht vergessen, wenn sie aber gegenwärtig ist, vergessen wir. Oder ergibt sich hieraus, daß sie nicht an sich im Gedächtnis ist, wenn wir uns ihrer erinnern, sondern nur die Vorstellung von ihr? Denn wäre die Vergessenheit selbst gegenwärtig, so würde sie nicht ein Erinnern, sondern ein Vergessen bewirken. Und wer wird dies endlich ergründen? Wer es erfassen, wie das ist?

Ich arbeite gewißlich daran, o Herr, und mache mir Arbeit in mir selber: ich bin mir geworden zum Acker der Mühsal und allzu großen Schweißes. Doch haben wir jetzt nicht die Zonen des Himmels zu ergründen noch der Gestirne Entfernung auszumessen noch nach der Erde Gewicht zu fragen: ich bin es, der sich seiner erinnert, ich, die Seele. Es ist nicht sehr zu verwundern. wenn das mir fernliegt, was ich nicht bin. Was aber ist mir näher, als ich mir selbst bin? Und siehe, die Kraft meines Gedächtnisses wird nicht von mit begriffen, da ich doch nicht sagen werde, ich selbst liege nicht im Bereich desselben. Denn was soll ich sagen, wenn mir gewiß ist, daß ich mich der Vergessenheit erinnere? Oder soll ich sagen daß das, dessen ich mich erinnere, nicht in meinem Gedächtnis sei? Oder soll ich sagen, die Vergessenheit sei deshalb in meinem Gedächtnis, damit ich nicht vergesse? Beides ist ganz sinnlos. Was ist nun das dritte? Wie soll ich sagen, daß nur das Bild der Vergessenheit in meinem Gedächtnis festgehalten werde, nicht die Vergessenheit selbst, wenn ich daran denke? Wie kann ich dies sagen, da, wenn sich von einer Sache das Bild im Gedächtnis einprägt, es vorher nötig ist, daß die Sache selber vorhanden ist, von welcher sich diese Vorstellung einprägen kann. Denn so erinnere ich mich Karthagos, so aller der Orte, in denen ich gewesen bin, so der Gestalten der Menschen und des übrigen sinnlich Wahmehmbaren, so selbst des Wohlergehens und des Schmerzes des Körpers. Als das gegenwärtig war, nahm von ihnen die Bilder das Gedächtnis, damit ich sie gegenwärtig sähe und im Geiste bewegte, indem ich mich jener und der abwesenden erinnerte. Wenn also durch ihr Bild, nicht durch sie selbst im Gedächtnis behalten wird die Vergessenheit, so mußte sie selbst einmal gegenwärtig sein, um ihr Bild aufzufassen. Als sie aber da war, wie verzeichnete sie ihr Bild im Gedächtnis, da sie ja durch ihre Gegenwart selbst das ins Gedächtnis Eingezeichnete auslöscht? Und doch bin ich gewiß, so unbegreiflich und unauseinandersetzbar es auch ist, daß ich mich auch selbst der Vergessenheit erinnere, durch welche alles, dessen ich in ich erinnere, ausgelöscht wird.




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