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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • ZEHNTES BUCH
    • Dreiundzwanzigstes Kapitel
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Somit steht es also nicht fest, daß alle glücklich zu sein wünschen, denn die, weiche an dir nicht ihre Freude haben wollen, der du allein das selige Leben bist, wollen überhaupt das selige Leben nicht. Oder wollen es doch alle? Aber da das Fleisch gelüstet wider den Geist und den Geist wider das Fleisch, also daß sie nicht tun, was sie wollen, so verfallen sie auf das, was sie vermögen, und begnügen sich damit, weil sie das, was sie nicht vermögen, nicht so innig verlangen als nötig, um vermögend zu werden. Denn ich frage alle, ob sie nicht lieber sich der Wahrheit als des Irrtums freuen wollen, und sie tragen so wenig Bedenken, sich auf Seite der Wahrheit zu stellen, als sie nicht anstehen zu sagen, daß sie selig werden wollen. Denn das selige Leben ist die Freude an der Wahrheit. Das nämlich ist die Freude an dir, der du die Wahrheit bist, Herr, mein Licht, meines Angesichts Hilfe, mein Gott. Dies selige Leben wollen alle, dies Leben, das allein selig ist, wollen alle, die Freude an der Wahrheit wollen alle. Ich lernte zwar viele kennen, die betrügen wollten, aber keinen, der betrogen werden wollte. Wo also lernten sie dies selige Leben kennen, wenn nicht dort, wo sie die Wahrheit kennenlernten? Denn sie lieben sie auch selbst, weil sie nicht betrogen werden wollen. Und indem sie das selige Leben lieben, so ist es nichts anderes als die Freude an der Wahrheit, überall heben sie auch die Wahrheit; und nicht würden sie dieselbe lieben, wenn es nicht irgendwelche Kunde davon in ihrem Gedächtnis gäbe. Warum also freuen sie sich ihrer nicht? Warum sind sie nicht selig? Weil sie stärker auf anderes versessen sind, was größere Macht hat, sie elend zu machen, als das sie zu beseligen vermag, dessen sie sich nur schwach erinnern. Bis jetzt nämlich ist noch ein schwaches Licht in den Menschen; sie mögen wandeln, wandeln, daß sie die Finsternis nicht überfalle.

Warum aber erzeugt die Wahrheit Haß, warum gilt ihnen der Mann als Feind, der ihnen die Wahrheit sagt, während doch das ewige Leben geliebt wird, das nichts anderes ist als Freude an der Wahrheit; weil nur so die Wahrheit geliebt wird, daß, wer etwas anderes liebt, daß das, was er liebt, die Wahrheit sei; und weil sie nicht getäuscht werden wollen, wollen sie sich nicht überführen lassen, daß sie betrogen sind. Daher hassen sie deshalb die Wahrheit, was sie als Wahrheit lieben. Sie lieben nur die aufklärende Wahrheit und hassen die strafende. Denn sie wollen nicht getäuscht werden und wollen doch täuschen, und darum lieben sie die Wahrheit, wenn sie sich offenbart, und hassen sie, wenn dieselbe sie selbst anzeigt. Darum wird sie ihnen vergelten, so daß sie die, welche sich nicht von ihr aufdecken lassen wollen, trotzdem aufdeckt und doch selbst dabei verborgen bleibt. So, auch so will der menschliche Geist blind und matt, schändlich und unanständig sich verbergen, will aber nicht, daß ihm etwas verborgen sei. Aber es wird ihm vergolten werden, daß er vor der Wahrheit nicht verborgen bleibe, sondern die Wahrheit vor ihm. Und doch, solange sie so elend ist, will sie lieber an dem Wahren sich freuen als an dem Falschen. Selig also wird der sein, der ohne beschwerliche Störung an der Wahrheit selbst, durch welche alles wahr ist, Freude findet.




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