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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • ZEHNTES BUCH
    • Fünfunddreißigstes Kapitel
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Dazu kommt noch eine andere vielfach gefährlichere Gestalt der Versuchung, denn außer der fleischlichen Lust, welche in der Ergötzung aller Sinne und ihrer Vergnügungen ist und die denen, welche ihr dienen und sich von dir entfernen, Untergang bringt, ist in der Seele vermittels derselben Sinne des Körpers noch eine andere, die sich zwar nicht fleischlich ergötzen will, sondern leerer Fürwitz, der sich mit dem Namen Erkenntnis und Wissenschaft beschönigt und das Fleisch zu seinem Werkzeuge macht. Das ist nämlich die Neugier und die Augen übernehmen dabei unter den Sinnen die Führerschaft; von deinem heiligen Wort ist sie Augenlust genannt worden. Es bezieht sich dies Wort auf das Sehen vermittels der Augen im eigentlichen Sinne. Wir wenden das Wort auch auf andre Sinne an, wenn wir sie dazu benutzen, daß sie etwas erkennen sollen. Wir sagen zwar nicht: Horch, was schimmert, oder rieche, wie es glänzt, oder schmeck, wie es leuchtet, oder greif, wie es strahlt - man sagt bei allem, es werde gesehen. Aber wir sagen nicht nur: Sieh, was leuchtet, was allein die Augen wahrnehmen können, sondern auch, sieh, was tönt, sieh, was riecht, sieh, was schmeckt, sieh, was hart ist. Und darum wird diese Hauptwahmehmung der Sinne, wie schon gesagt, Augenlust genannt; ,denn das Sehvermögen, bei welchem die Augen die erste Rolle spielen, eignen sich auch die übrigen Sinne nach der Analogie an, wenn sie einen wissenschaftlichen Gegenstand erforschen.

Daraus wird aber deutlich erkannt, was die Sinne zum Vergnügen und was sie aus Neugier treiben, denn Vergnügen bringt das Schöne, das Wohllautende, das Angenehme, Geschmackvolle und Weiche; die Neugier aber tut das dem Entgegengesetzte, um es zu versuchen, nicht um sich dadurch Mühe aufzubürden, sondern aus Lust, es zu erfahren und kennenzulemen. Was gibt es denn für ein Vergnügen, einen zerfleischten Leichnam zu sehen, vor dem man zurückschaudert; und doch laufen sie da, wo er liegt, zusammen, um ihn zu beklagen und sich zu fürchten. Sie fürchten, es im Schlafe zu sehen, gerade als hätte sie jemand gezwungen, es wachend zu sehen oder als hätte sie irgendein Ruf besonderer Schönheit dazu verführt. So ist's auch bei den übrigen Sinnen, was zu verfolgen zu weit führen würde. Infolge dieser krankhaften Begier werden im Theater wunderbare Effektstücke aufgeführt. Von da aus geht man weiter, die Geheimnisse der Natur, die außer uns liegt, zu ergründen, was zu wissen nichts nützt und nichts anderes ist als Neugier der Leute. Eher findet es sich aus, daß man etwas mit demselben Zwecke einer falsch angewendeten Wissenschaft durch magische Künste zu erreichen sucht. Da versucht man selbst in der Religion Gott, indem man Zeichen und Wunder fordert, die man nicht für sein Wohl begehrt, sondern lediglich, um einen Versuch damit zu machen. Wie viel würde ich in diesem so großen Walde, voll von Nachstellungen und Gefahren abgeschnitten und von meinem Herzen entfernt haben, wie du es mir geboten, Gott meines Heils; und doch, wann wage ich einmal es zu sagen, sobald so viel von Derartigem mein tägliches Leben umgibt, wann wage ich einmal es auszusprechen, mich in Zukunft von nichts Derartigem beeinflussen zu lassen und mich nicht solch eitler Sorge preiszugeben? Wohl kann mich das Theater nicht mehr hinreißen noch beschäftige ich mich mit der Gestirne Lauf, noch sucht meine Seele' eine Antwort bei den abgeschiedenen Geistern; alle gottlosen Gebräuche verwünsche ich. Und doch: mit wie vielen listigen Einflüsterungen versucht mich der Feind, von dir, Herr mein Gott, dem ich in Demut und Einfalt dienen soll, ein Zeichen erbitten zu sollen! Aber ich beschwöre dich bei unserm König, bei unsrer schlichten und keuschen Heimat, dem himmlischen Jerusalem, daß, wie diese Einwilligung dazu mir schon fern liegt, sie also mir immer ferner liegen möge. Wenn ich aber dich bitte für jemandes Heil, so ist das ein durchaus anderes Ziel meiner Bestrebung; und du gibst mir, daß ich tue, was du willst, und wirst geben, daß ich dir gern folge.

Und doch in wie viel höchst geringfügigen und verächtlichen Dingen wird unsre Neugier täglich auf die Probe gestellt; und wer kam zählen, wie oft wir fehlen? Wie oft dulden wir gewissermaßen anfangs nur fade Schwätzer, um ihnen in ihrer Schwäche nicht zu nahe zu treten, dann aber wenden wir ihnen uns gerne zu! Den Hund, der hinter dem Hasen herläuft, beachte ich schon nicht, wenn dies im Zirkus geschieht, aber auf dem Felde, wenn ich zufällig darüber hinweggehe, stört er mich vielleicht in einem wichtigen Gedanken und er lenkt den Gedanken an eine Jagd auf sich, nicht körperlich, aber doch im Geiste jage ich ihm nach. Und wenn du mich bei der bereits gezeigten Schwäche nicht schnell ermahnst, daß ich aus diesem Anschauen durch eine andere Betrachtung zu dir mich erhebe, oder es ganz verachte und darüber hinweggehe, so schaue ich gedankenlos hin. Wie, wenn meine Aufmerksamkeit, während ich zu Hause sitze, eine Eidechse in Anspruch nimmt, welche Fliegen fängt, oder eine Spinne, die sie umwickelt, wenn sie in ihr Netz geraten? Geht es mir da nicht ebenso, obwohl die Tiere klein sind? Gehe ich dann dazu über, dich, den wunderbaren Schöpfer und Ordner aller Dinge, zu loben? Nein, nicht dadurch werde ich getrieben, meine Aufmerksamkeit darauf zu richten. Ein anderes ist es dabei, sich schnell wieder zu fassen, ein anderes, dabei überhaupt nicht zu straucheln. Und von solchen Dingen ist mein Leben voll, und meine einzige Hoffnung ist dein sehr großes Erbarmen. Da unser Herz ein Magazin von Dingen der Art wird und Haufen reichlicher Eitelkeiten in sich trägt, so werden dadurch unsre Gebete unterbrochen und gestört, und vor deinem Angesicht, während wir mit der Stimme des Herzens vor dein Ohr dringen, wird eine so große Sache durch das Einschleichen jener nichtigen Gedanken abgeschnitten. Werden wir auch hier zwischen Verwerflichem scheiden, oder wird etwas anderes uns zu der Hoffnung zurückbringen, wenn nicht dein Erbarmen, nachdem du begonnen hast, uns zu wandeln.




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