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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • ZEHNTES BUCH
    • Siebenunddreißigstes Kapitel
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Siebenunddreißigstes Kapitel

Durch solche Versuchungen werden wir täglich versucht, o Herr; ohne Aufhören werden wir versucht. Der tägliche Versuchsofen ist die menschliche Zunge. Du legst uns auch auf diesem Gebiete Enthaltsamkeit auf. gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst. Du kennst darüber das Seufzen meines Herzens und die Ströme meiner Augen. Und nicht leicht fasse ich, inwieweit ich rein bin von dieser Pest, und sehr fürchte ich meine verborgenen Fehler, welche deine Augen kennen, die meinigen aber nicht. In allen anderen Arten der Versuchungen besitze ich eine Fähigkeit, mich zu erforschen; aber in dieser fast gar nicht. Denn bei der Fleischeslust und bei der Neugier sehe ich, wie weit es mir möglich ist, meinen Sinn zu zügeln, sobald ich dieser Dinge entbehre, sei es infolge meines Willens oder ihrer Abwesenheit. Dann nämlich frage ich mich, wie sehr oder wie wenig es mir schwerfällt, sie nicht zu haben. Auch die Reichtümer, welche deshalb begehrt werden, damit man einer von diesen drei Begierden oder zweien von ihnen oder allen diene, können, wenn der Geist nicht ausspüren kann, ob er, in ihrem Besitz, dieselben verachte, aufgegeben werden, damit er sich bewähre. Ist es denkbar, daß man, um des Lobes zu entbehren und darin die Probe abzulegen, was man vermag, ein schlechtes Leben führt, der Art verwerflich und ungeheuerlich, daß niemand einen kennenlernen würde ohne Verachtung? Läßt sich ein größerer Unsinn sagen oder denken? Aber wenn das Lob der Begleiter eines guten Lebens und guter Werke zu sein pflegt, so soll man weder den Begleiter noch das gute Leben selbst verlassen. Nicht eher aber empfinde ich, ob ich mit Gleichmut oder nur ungern seiner entbehren kann, ehe er nicht abwesend ist. Was also soll ich dir in bezug auf diese Art der Versuchung, mein Herr, gestehen? Was anderes, als daß ich durch Lob ergötzt werde, aber noch mehr durch die Wahrheit selbst als durch Lob? Denn wenn mir es überlassen würde, ob ich lieber, verrückt und in allen Dingen irrend, von allen Menschen getadelt werden wollte oder nicht verrückt und in der Wahrheit feststehend mich von allen tadeln ließe, so weiß ich, was ich wählen würde. Ich wünschte aber, der Beifall eines anderen möchte selbst meine Freude über irgendein Gutes, das ich habe, nicht vermehren. Aber doch, ich gestehe es, er mehrt sie nicht nur, sondern der Tadel vermindert sie auch. Und wenn mich dieses Elend in Unruhe versetzt, so schleicht sich bei mir eine Entschuldigung ein, deren Beschaffenheit du kennst, mein Gott; denn sie macht mich unsicher. Du nämlich hast uns nicht nur Enthaltsamkeit anbefohlen, das heißt, von welchen Dingen wir unsre Liebe zurückhalten sollen, sondern auch Gerechtigkeit, das heißt, wo wir Liebe erweisen Sollen, und du wolltest nicht nur, daß wir dich, sondern auch den Nächsten lieben sollen: oft glaube ich mich an der Förderung oder an der Hoffnung des Nächsten zu ergötzen, wenn ich mich an dem Lobe eines Verständigen ergötze; und wiederum sein Unglück zu beklagen, wenn ich ihn etwas tadeln höre, was er entweder nicht kennt oder was gut ist. Ich traure aber auch zuweilen über Lobsprüche, die mir zuteil werden, wenn das an mir gelobt wird, worin ich mir selbst mißfalle, oder wenn kleineres und minderwertiges Gut höher geschätzt wird, als es zu schätzen ist. Aber wiederum, woher weiß ich und weswegen berührt es mich so, weil ich nicht will, daß, der mich lobt, über mich selbst in andrer Ansicht ist als ich; doch nicht weil ich durch seinen Vorteil mich bewegen lasse, sondern weil dasselbe Gut, das mir an mir gefällt, mir noch angenehmer ist, wenn es auch einem anderen gefällt? ich werde nämlich gewissermaßen nicht gelobt, wenn mein Urteil über mich nicht gelobt wird, sobald nämlich entweder das gelobt wird, was mir mißfällt, oder das mehr gelobt wird, was mir weniger gefällt. Bin ich mir daher über diese Tatsache nicht ungewiß?

Aber in dir, der du die Wahrheit bist, sehe ich, daß mich das Lob nicht meinetwegen, sondern wegen des Vorteils des Nächsten bewegen soll. Aber ob es mit mir so ist, weiß ich nicht. Ich bin mir darin selbst weniger bekamt als du. Ich beschwöre dich, mein Gott, und zeige mir mich selbst, damit ich den Brüdern, die für mich beten, bekenne, was ich an mir als wunden Punkt entdeckt habe. Noch genauer will ich mich fragen. Wenn mich bei meinem Lob des Nächsten Nutzen bewegt, warum werde ich weniger erregt, wenn jemand anderes unrecht getadelt, als wenn ich getadelt werde? Warum werde ich von demselben Schimpfe mehr gequält, der mich trifft, als von dem, der einen anderen mit derselben Unbilligkeit in meiner Gegenwart trifft? Weiß ich auch das nicht? Ist auch das noch übrig, daß ich mich selbst verführe und mit Herz und Mund nicht das Wahre vor dir tue? jene Torheit, Herr, entferne weit von mir, daß nicht mein eigener Mund mir ein Sündenöl sei, um mein Haupt zu salben. Ich bin arm und elend, und besser bin ich, wenn ich in verborgenem Seufzen mir mißfalle und dein Erbarmen suche, bis ich Schwacher hergestellt und vollendet werde bis zu dem Frieden, von dem das Auge des Stolzen nichts weiß.




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