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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • ELFTES BUCH
    • Achtzehntes Kapitel
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Achtzehntes Kapitel

Laß mich, Herr, noch weiter fragen, meine Hoffnung, möge mein Bemühen nicht gestört werden. Wenn es also eine Zukunft und Vergangenheit gibt, so möchte ich wissen, wo sie sind. Wenn ich dies auch noch nicht vermag, so weiß ich doch, daß, wo sie auch sein mögen, sie dort nicht Zukunft oder Vergangenheit sind, sondern Gegenwart. Denn wäre die Zeit nicht auch dort noch Zukunft, so wäre sie dort noch nicht, wäre aber dort schon die Vergangenheit vergangen, so wäre sie dort nicht mehr.

Wo immer also etwas ist, so ist es nie in der Gegenwart vorhanden. Wem wir demgemäß Vergangenes der Wahrheit gemäß erzählen, so schöpfen wir zwar nicht die Dinge selbst, die vergangen sind, aus dem Gedächtnis, sondern nur Worte, die den Vorstellungen von Dingen entsprungen sind, die in der Seele gleichsam beim Vorüberziehen dem Geiste Spuren einprägten. So gehört meine Kindheit, die nicht mehr ist, der Vergangenheit an, die nicht mehr ist. Wenn ich ihrer aber gedenke, schaue ich ihr Bild in der Gegenwart, weil es noch in meinem Gedächtnisse ist. Ob nun bei der Verkündigung der Zukunft die Sache sich ähnlich verhält, so daß von Dingen, die noch gar kein Sein haben, die Bilder davon als bereits seiend sich im Geiste spiegeln, ob dem so ist, o mein Gott, ich bekenne, das weiß ich nicht. Das aber weiß ich sicher, daß wir sehr oft über unsere zukünftigen Handlungen im voraus nachdenken und daß diese Vorüberlegung der Gegenwart, die Handlung selbst dagegen, über die wir nachdenken, der Zukunft angehört, weil sie noch nicht ist; sobald wir aber mit der Ausführung jener Handlung, die wir vorüberlegten, begonnen haben, dann gewinnt sie das Sein, weil sie nun nicht mehr zukünftig, sondern gegenwärtig ist.

Wie es sich auch mit dem geheimen Vorgefühl für zukünftige, verhalten mag, was kein Sein besitzt, kann auch nicht gesehen werden. Was aber bereits ist, das ist nicht zukünftig, sondern gegenwärtig. Wenn man also von einem Schauen in die Zukunft redet, so ist dies nicht ein Schauen dessen, was noch nicht ist, sondern was bereits gegenwärtig ist, aus dem das im Geiste Aufgefaßte als zukünftig vorausgesagt wird. Diese Vorstellungen sind bereits da und die, welche dies voraussagen, schauen sie in sich als gegenwärtig. Unter so vielen Dingen möge ein beliebiges Beispiel für mich sprechen. Ich sehe die Morgenröte, ich verkündige den Aufgang der Sonne; was ich sehe, ist gegenwärtig, was ich verkünde, ist zukünftig; die Sonne aber ist in diesem Falle nicht das Zukünftige, denn sie ist bereits da, sondern ihr Aufgang selbst, der noch nicht ist, doch auch den Aufgang könnte ich nicht vorhersehen, wenn ich mir ihn nicht im Geiste vorstellte wie eben jetzt, wo ich dies sage.

Indes ist weder jene Morgenröte, die ich am Himmel sehe, der Sonnenaufgang, obgleich sie ihm vorangeht, noch jene seelische Vorstellung; ich sehe aber beide als gegenwärtig, so daß ich jene, die noch zukünftig ist, voraussagen kann. Das Zukünftige ist also noch nicht vorhanden, und was noch nicht ist, ist überhaupt nicht, und was nicht ist, kann man auch gar nicht sehen, sondern nur vorhersagen aus dem Gegenwärtigen, das bereits ist und somit gesehen werden kann.




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