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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • ELFTES BUCH
    • Dreiundzwanzigstes Kapitel
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Ich hörte éinstmals von einem gelehrten Manne sagen, die Zeit sei die Bewegung der Sonne, des Mondes und der Gestirne. Ich aber stimmte nicht bei. Denn warum sollten nicht vielmehr die Bewegungen aller Körper die Zeit sein? Oder wenn die Lichter des Himmels feierten und die Scheibe des Töpfers sich nur noch bewegte, gäbe es dann keine Zeit mehr, um die Drehungen dieser Scheibe zu messen, und sagen zu können, daß sie entweder in gleicher Schnelligkeit vollbracht würden, oder wenn die Bewegung vielleicht eine langsamere oder schnellere wäre, daß einige mehr, die andern minder langsam seien? Oder wenn wir dieses sprächen, würden wir nicht auch noch in der Zeit sprechen, oder wären in unsern Worten einige Silben nicht allein deshalb von verschiedener Länge und Kürze, weil sie bald längere, bald kürzere Zeit tönten?

Ich möchte zur Erkenntnis der Bedeutung und des Wesens der Zeit kommen, wodurch wir die Bewegung der Körper messen und zum Beispiel sagen, jene Bewegung sei doppelt so lang als diese. De= ich frage dies, weil wir nicht bloß den Zeitraum Tag nennen, wo die Sonne sich über dem Horizont befindet, danach scheiden wir Tag und Nacht - sondern auch den Zeitraum des ganzen Umlaufes vom Aufgang bis wieder zum Aufgang, demgemäß wir sagen: "So viele Tage sind verflossen", wir meinen dann die Tage mit den dazugehörigen Nächten und zählen die Nächte nicht besonders; wird nun der Tag durch die Bewegung der Sonne und ihren Kreislauf vom Morgen bis wieder zum Morgen vollendet, so frage ich danach, ob die Bewegung selbst der Tag ist oder ob es der Zeitraum ist, worin sie stattfindet, oder beides zugleich. Denn wäre das erste der Tag, so wäre er also auch Tag, wenn die Sonne ihren Lauf innerhalb einer einzigen Stunde vollendet; wäre es das zweite, so wäre dann kein Tag, wenn es von einem Sonnenaufgang bis zum andern nicht länger als eine Stunde währte, sondern vierundzwanzigmal müßte alsdann die Sonne umlaufen, um einen Tag zu vollenden.

Wäre endlich beides zugleich der Tag, so wäre es weder ein Tag zu nennen, wenn die Sonne ihren Lauf in der Zeit einer Stunde vollendete, noch auch, wenn die Sonne ausbliebe und darüber so viel Zeit verginge, als sie in der Regel braucht zur Vollendung ihres ganzen Umlaufs von einem Morgen zum andern. ich will darum jetzt nicht weiter fragen, was eigentlich ein Tag, sondern was denn die Zeit sei, mittels deren wir den Umlauf der Sonne messen und sagen, er sei um die Hälfte Zeit kürzer als gewöhnlich, wenn er in einem Zeitraume vollendet wäre, in welchem zwölf Stunden ablaufen, und wenn wir beide Zeiten vergleichen, würden wir jene die einfache, diese die doppelte Zeit nennen, wenn die Sonne zuweilen in jener einfachen, zuweilen in jener doppelten Zeit vom Aufgange bis wieder zum Aufgange liefe. Niemand sage mir deshalb, die Bewegung der Himmelskörper sei die Zeit, denn als einst die Sonne auf Eines Wunsch stillstand, damit er eine Schlacht siegreich vollende, stand wohl die Sonne still, die Zeit dagegen ging ihren Lauf, und jene Schlacht wurde geliefert und beendigt in dem Zeitraume, der für sie genügte. Ich sehe also, daß die Zeit eine gewisse Ausdehnung ist. Aber erkenne ich es, oder glaube ich es nur zu erkennen? Du wirst mich es lehren, der du das Licht und die Wahrheit bist.




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