Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek
Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

IntraText CT - Text

  • ELFTES BUCH
    • Achtundzwanzigstes Kapitel
zurück - vor

Hier klicken um die Links zu den Konkordanzen auszublenden

Achtundzwanzigstes Kapitel

Aber wie kann sich die Zukunft, die noch gar nicht ist, verringern und erschöpfen? oder wie kann die Vergangenheit, die nicht mehr ist, zunehmen, wenn sich nicht im Geiste, in dem dieses vorgeht, ein dreifaches befindet? Er erwartet, er faßt auf und erinnert sich, so daß das, was er erwartet, durch seine Auffassung, was er auffaßt, in sein Gedächtnis übergeht. Wer also leugnet, daß die Zukunft noch nicht ist? Dessenungeachtet aber ist bereits in der Seele die Erwartung des Zukünftigen. Und wer leugnet, daß die Vergangenheit keine Existenz habe? Dennoch lebt in der Seele die Erinnerung an Vergangenes. Und wer leugnet, daß die gegenwärtige Zeit der Dauer entbehre, weil sie nur ein unteilbarer Punkt ist? Aber doch währt die Wahrnehmung, durch welche das, was vergangen ist, zu sein fortfährt. Es ist die zukünftige Zeit nicht lang, weil sie nicht ist, sondern eine lange Zukunft ist nichts anderes als die lange Erwartung der Zukunft; ebensowenig ist die Vergangenheit, die nicht mehr ist, lang, sondern lange vergangen, ist nichts anderes als die lange Erinnerung des Vergangenen.

Ich will ein Lied vortragen, das ich auswendig kann; bevor ich anfange, richtet sich meine Erwartung auf das Ganze; wenn ich aber begonnen habe, dann fällt das, was ich davon vortrage, als Vergangenes dem Gedächtnis anheim; und die Dauer dieser meiner Tätigkeit zerteilt sich in das Gedächtnis dessen, was ich gesagt habe und was ich noch sagen werde; gegenwärtig ist dagegen meine Aufmerksamkeit, durch die das, was zukünftig war, hindurchgeht, um Vergangenes zu werden. je mehr nun dieses geschieht, desto mehr verkürzt sich die Erwartung und verlängert sich die Erinnerung, bis die ganze Erwartung sich erschöpft, weil die ganze Handlung völlig beendet in das Gedächtnis übergegangen ist. Und was bei dem ganzen Gedichte geschieht, das geschieht auch bei jedem einzelnen Teile und den einzelnen Silben desselben; ebenso bei einer längeren HandIung, von der das Gedicht vielleicht ein Teil ist; ebenso bei dem ganzen menschlichen Leben, dessen einzelne Handlungen nur Teile sind; ebenso bei der ganzen Menschheit, von der das Leben der einzelnen Menschen nur Teile sind.




zurück - vor

Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek

Best viewed with any browser at 800x600 or 768x1024 on Tablet PC
IntraText® (V89) - Some rights reserved by Èulogos SpA - 1996-2007. Content in this page is licensed under a Creative Commons License