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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • DREIZEHNTES BUCH
    • Vierundzwanzigstes Kapitel
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Aber was ist dies und welch ein Geheimnis ist es? Siehe, Herr, du segnest die Menschen, daß sie fruchtbar sind und sich mehren und die Erde füllen. Gibst du uns hier nicht eine Andeutung, um etwas anderes zu erkennen? Warum segnetest du nicht die Veste des Himmels noch die Lichter noch die Gestirne noch die Erde noch das Meer? Ich würde sagen, unser Herr und Gott, der du uns nach deinem Bilde geschaffen hast, ich würde sagen, du hättest diese Gaben des Segens dem Menschen eigentümlich schenken wollen, wenn du nicht in derselben Weise die Fische und Walfische gesegnet hättest, daß sie wüchsen und sich mehrten und die Wasser des Meeres füllten, und die Vögel, daß sie sich mehrten auf Erden. Ebenso würde ich sagen, diese Segnung erstrecke sich über alle Dinge, die sich durch Fortpflanzung aus sich selbst vermehren; wenn ich dieselbe auch bei den Bäumen, Pflanzen und Tieren der Erde fände. Nun ist aber weder zu Kräutern noch zu Bäumen noch zu den Tieren und Schlangen gesagt worden, wachset und mehret euch, obgleich auch alles dieses, wie die Fische, Vögel und Menschen, durch Fortpflanzung sich vermehrt und seine Art erhält.

Was soll ich also sagen, mein Licht und meine Wahrheit? "Etwa, es habe keinen Sinn, es sei ohne Absicht gesagt?" Gewiß nicht, Vater der Gottlosigkeit, fern sei es, daß dieses der Diener deines Wortes sage. Wenn ich auch nicht bekenne, was du mit diesem Worte bezeichnen willst, so werden es Bessere, das heißt Erleuchtetere, als ich bin, besser verstehen, je nach dem Maße der Weisheit, die du, mein Gott, jedem verliehen hast. Möge dir aber mein Bekenntnis vor deinem Angesichte gefallen, worin ich dir, Herr, bekenne, daß ich glaube, du hast nicht ohne Grund so gesprochen, und ich will dir nicht verschweigen, welcher Gedanke beim Lesen deines Wortes in mir aufstieg. Es ist wahr und ich sehe nicht ein, was mich abhalten sollte, die bildliche Sprache deiner Schrift so zu verstehen. ich weiß, daß auf vielfache Weise sinnlich ausgedrückt wird, was geistig einfach ist; und daß dagegen der Geist auf vielfache Weise erkennt, was sinnlich einfach ausgedrückt wird. Wie einfach ist die Liebe Gottes und des Nächsten, und durch wie viele Bilder und unzählige Sprachen und durch. wie unzählige Ausdrücke in jeder Sprache wird sie sinnlich dargestellt? Also wachsen und mehren sich die Geburten der Wasser. Beachte jeder, wer dies liest: siehe, was die Schrift nur auf eine Weise vorbringt und die Stimme zu uns spricht: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, wird das nicht vielfach verstanden, nicht durch Täuschung des Irrtums, sondern durch die mögliche Mannigfaltigkeit mehrerer wahrer Ansichten? So wachsen und mehren sich die Geburten der Menschen.

Wenn wir uns die Natur der Dinge nicht bildlich, sondern eigentlich denken, so passen die Worte, wachset und mehret euch, auf alles, was aus Samen gezeugt wird. Nehmen wir sie dagegen bildlich, wie es mir die Schrift vielmehr zu wollen scheint, die gewiß nicht ohne Absicht jenen Segen auf die Wassertiere und Menschen beschränkt; so finden wir freilich mannigfaltige Verschiedenheiten bei den geistigen und sinnlichen Geschöpfen, wie im Himmel und auf Erden, bei den gerechten und ungerechten Seelen, wie bei dem Licht und der Finsternis; bei den heiligen Schriftstellern, durch die uns dein Gesetz gegeben ist, wie bei der Veste des Himmels, die zwischen den Wassern gegründet wurde; in der Gesellschaft der verbitterten Völker, wie im Meere, bei den Neigungen heiliger Seelen, wie bei dem Trockenen; und bei Werken der Barmherzigkeit im gegenwärtigen Leben, wie bei den sonnenreichen Pflanzen und fruchttragenden Bäumen; bei den zum Nutzen gespendeten Geistesgaben, wie bei den großen Lichtern des Himmels; bei den Regungen des Gemütes zur Mäßigkeit, wie bei der lebendigen Seele, bei allem diesem finden wir Vielheiten, Fruchtbarkeit und Wachstum; aber daß dieses Wachsen und Sich-Vermehren von der Art ist, daß ein und dieselbe Sache sich auf verschiedene Weise ausdrücken lasse und daß ein einziger Ausdruck in verschiedener Weise verstanden werden kann, das finden wir nur bei den sinnlich ausgedrückten Bildern und bei den mit dem Verstande ausgelegten Dingen. Unter sinnlichen Bildern verstehen wir die Erzeugungen, die aus den Gewässern hervorgingen, da die Tiefe des fleischlichen Abgrundes sie notwendig machte; unter den mit dem Verstande ausgedachten Dingen die menschlichen Erzeugungen, weil sie die Früchte der Fruchtbarkeit der Vernunft sind. Deshalb ist nach unserer Meinung zu jeder dieser beiden Arten von dir, Herr, gesagt worden, wachset und mehret euch. Durch diesen Segensspruch nehme ich an, daß du uns die Macht und die Kraft verliehen hast, sowohl auf verschiedene Weise auszudrücken, was wir auf eine Weise verständen, als auch auf verschiedene Weise zu verstehen, was wir dunkel finden, obgleich es nur auf eine Weise ausgedrückt ist. So füllen sich die Wasser des Meeres unserer Gedanken, die nur durch die verschiedenen Bedeutungen bewegt werden; und so füllt sich auch die Erde mit menschlichen Geburten, deren Trockene im Forschen nach Wahrheit zutage tritt und welche die Vernunft beherrscht.




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