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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • VIERTES BUCH
    • Sechstes Kapitel
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Sechstes Kapitel

Was aber soll das? jetzt ist es nicht Zeit, zu fragen, sondern dir zu bekennen! Elend war ich und elend ist jedes Herz, das gefesselt ist durch Bande sterblicher Liebe. Von Schmerz wird es zerrissen bei seinem Verluste und fühlt dann das Elend erst, in dem es doch schon schmachtete, bevor es den Verlust erlitt. Das war mein damaliger Seelenzustand, da ich so bitterlich weinte und im Scholle der Bitterkeit mich barg. So war ich zwar elend, aber dennoch liebte ich das elende Leben mehr als den Freund. Denn obwohl mir eine Änderung erwünscht gewesen wäre, so wollte ich mich. trotz alledem von ihm ebensowenig trennen als von jenem. Schwerlich hätte ich das für ihn getan, was von Orestes und Pylades erzählt wird wenn es anders wahr ist -, welche füreinander oder zusammen den Tod erleiden wollten, weil jedem der Tod ein geringeres Übel war als ein Leben ohne Gemeinschaft. Aber ein mir selbst unbewußtes Gefühl trat allzu mächtig diesem entgegen: der tiefste Ekel vor dem Leben und Todesfurcht wohnten nebeneinander in meiner Seele. ich glaube, je mehr ich den Freund liebte, desto mehr haßte und fürchtete ich den Tod, der ihn mir entrissen hatte, als meinen bittersten Feind, und ich vermeinte, er würde mir plötzlich alle Menschen hinwegnehmen, da er es vermocht hatte, jenen hinwegzunehmen. So war ich, dessen erinnere ich mich. Siehe mein Herz, o Gott, siehe mein Inneres, wie es in meiner Erinnerung vorhanden! Du, meine Hoffnung, reinigst mich von der Unreinigkeit solcher Leidenschaften, läßt meine Augen zu dir sehen und ziehst meinen Fuß aus dem Netze. ja, ich wunderte mich, daß die übrigen Sterblichen noch fortlebten, da der eine, den ich wie einen Unsterblichen geliebt hatte, dahingeschieden war; am meisten freilich wunderte ich mich, daß ich, der ihm ein zweites Ich war, noch lebte, da er starb. Schön nannte mir jemand seinen Freund "die Hälfte seiner Seele". Auch ich empfand, wie meine und seine Seele nur eine einzige Seele gewesen war in zwei Körpern; deshalb war mir das Leben jammervoll, weil ich nicht leben wollte als ein halber

Mensch, und darum fürchtete ich mich auch zu sterben, auf daß der, den ich so sehr geliebt, nicht ganz sterbe.




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