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Aurelius Augustinus
Bekenntnisse

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  • ACHTES BUCH
    • Siebentes Kapitel
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Siebentes Kapitel

Dies erzählte Pontitianus; du aber, o Herr, stelltest mich mir selbst vor Augen, indem du mich von meinem Rücken entferntest, wohin ich mich gestellt hatte, weil ich mich nicht schauen wollte, und stelltest mich vor mein Angesicht, daß ich sähe, wie häßlich ich wäre, wie verwildert und verunreinigt, wie befleckt und zerschlagen. ich sah es und schauderte und hatte nicht, wohin ich hätte fliehen können vor mir. Und wenn ich mich von meinem Anblick abwenden wollte, da erzählte jener und erzählte, und du stelltest mich mir selbst wieder gewaltsam vor Augen, daß ich meine Sünde fände und haßte. Ich kannte sie, aber ich verhehlte sie mir, beruhigte mich und vergaß sie.

J mehr ich damals jene liebte, von deren heilsamen Gemütsbewegungen ich hörte, daß sie sich dir ganz zur Heilung anheimstellen wollten, desto größer war mein Haß gegen mich selbst, wenn ich mich mit ihnen verglich. Denn schon waren zwölf Jahre dahingeflossen, seit ich im einundzwanzigsten Jahre den Hortensius des Cicero gelesen hatte und durch ihn zur Erforschung der Weisheit angeregt worden war; ich hatte es stets verschoben, mit Verachtung meines irdischen Glückes mich ihr ganz und gar zu weihen, die ich nicht nur finden, sondern die ich schon durch das Forschen nach ihr höher stellen sollte als alle Schätze und Königreiche der Erde und die leiblichen Lüste, die mir auf meinen Wink dienten. Schon als Jüngling war ich elend, sehr elend; bei dem Beginn meiner Jünglingsjahre hatte ich dich um Keuschheit gebeten und gesagt: "Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, doch nicht sogleich!" Denn ich fürchtete, du möchtest mich allzu schnell erhören, mich allzu schnell heilen von der Krankheit meiner Lüste, die ich lieber bis zur Hefe genießen als erlöschen wollte. So wandelte ich auf schlimmen Pfaden in gottlosem Aberglauben, zwar nicht davon überzeugt aber ich zog ihn allem andern vor, was ich nicht mit Frömmigkeit suchte, sondern feindliclich bekämpfte.

Ich hatte geglaubt, daß ich es nur deshalb von Tag zu Tag Aufgehoben alle Hoffnung der Welt aufzugeben und dir allein zu folgen, weil sich mir nichts Sicheres darböte, um meinen Lauf dahin zu richten. So war der Tag gekommen, wo ich in meiner ganzen Blöße vor mir stand und mein Gewissen in mir schrie: Wo bist du, Sprache? Du sagtest ja, du wollest, weil die Wahrheit unsicher sei, die Bürde der Eitelkeit noch nicht abwerfen. Siehe, sicher ist sie nun, und noch drückt dich deine Bürde; jenen aber, die nicht sich also durch Forschen geschwächt haben, noch zehn Jahre und länger darüber nachsannen, wachsen Schwingen an den freieren Schultern. Ich ward innerlich zerrissen und von tiefer Scham ergriffen, als Pontitianus solches redete. Nachdem er seine Erzählung beendet und den Grund seines Kommens erledigt hatte, entfernte er sich. Und ich, wie sprach ich nicht zu mir? Mit welcher Gedankengeißel schlug ich nicht meine Seele, daß sie mir Folge leiste, da ich auf deinem Wege wandeln wollte. Wohl hatte sie Widerrede, aber keine Ausrede. Verzehrt und abgewichen waren alle Einwürfe, zurückgeblieben war nur ein gewaltiges Zagen, und wie der Tod scheute meine Seele, vom Strome der Gewohnheit fortgerissen zu werden, in dem sie langsam hinsiechte.




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