| Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek |
| Oskar Mayer Rahab IntraText CT - Text |
(Hiram ist bei dem Schrei aufgesprungen)
HIRAM: Was tust Du Weib?
Warum erschlugst Du sie?
RAHAB: Wenn sich Dein Hund gen
sinen Herren wendet
un Zähne fletscht, erschlägst Du ihn dann nicht?
HIRAM: Gib Antwort: Warum erschlugst Du sie?
RAHAB: Wärst Du nicht blind so sagest Du Dir's selbst.
HIRAM: Und bin ich blind so mach' mich sehend; rede:
RAHAB: Um Dich zu retten hab' ich
es getan,
weil ich nicht wollte, daß sie Dich hier finden,
von mir Dich zerren und zuletzt erschlagen:
weil ich Dich lieb' erschlug ich jenes Weib,
denn seit Du kamst da ward ich mir bewußt,
daß ohne Dich mein Leben weggeworfen,
und nur mit Dir es aller Wonden voll.
HIRAM: Du sagst Du liebst mich,
wie kann das sein?
In meinem Volke liebt das Weib den Mann,
dem der Vater sie übergeben hat.
Doch hab ich Dich noch nicht zur Eh' begehrt,
noch Deinem Vater vertrag'ne Geschenke übergeben.
RAHAB: (Lächlend) Ganz
anders ist's, ganz anders hier gemeint;
komm' her zu mir, hierher!
Und sie mich an, Du warst geborgen ehe Du noch sprachst
Du warst verteidigt gegen tausend Feinde
Dir alles Eigen, denn Du warst geliebt!
Faßt Du dies Hiram?
Hat noch nichts Dein Herz mit Sehnsucht und Verlangen angerührt?
Hat nie noch, da es vorüberging,
ein Weib mit ihrem Blicke Deinen Blick gefangen?
Hat in der Blütezeit der laue Wind
Dich traurig nie gemacht und froh zu gleich?
Hat nie in heißer, dunkler Nacht ein Gott Dir einen dunklen Traum gesandt;
von dunklen Augen und von dunklem Haar,
und Lippen, die auf Deinen Lippen ruh'n.
HIRAM: Mein Herz klopft wie nach
überschnellem Lauf,
mein Kopf ist wirr und meine Stirn ist heiß
als käm'ein Sandsturm.
RAHAB: Weiter, sprich nur weiter mein Geliebter!
HIRAM: Nicht Zürnen noch
Erwartung, kein Gedanke trieb je mein
Blut mit solchen Wellen durch die Pulse mir... als...
Deines Aug's in mein's gefügter Blick...
RAHAB: Sprich, Liebster sprich und sag mir was Du fühlst!
HIRAM: Ist dies Zauberei? Ein
Zauber dieser Leib?
Ein Wunder dies Gesicht? In heißen Nächten hab ich sie gesehn.
Brennende Sterne, wie ich sie sah, zum Himmel
schauend in sehnsücht'gen Nächten, Duft Deines Haares, der noch um mich war,
wenn ich aus dunkelm Traumer wachte.
RAHAB: Sag mir noch viel derlei, mein Liebster!
HIRAM: Dein Liebster, und vor
einer Stunde
noch das ein' dem andern fremd und unbekannt!
Wie kann das sein? Welche Kraft in meinem Angesicht zog Dich zu mir?
Und heiß gefahr Dich bestehn für den Fremden
und zwang Dich zu thun dieses blut'ge Werk?
Und welche Kraft in Deinem Angesicht zieht mich zu Dir,
daß meines Volkes und des Gesetzes hier vergeßen mag?
(Rahab fährt betroffen auf)
RAHAB: Des Volkes und Gesetzes
hier vergeßen...
(Sie sieht, die Hände auf Hirams Locken, über ihn weg in's Leere)
Weil Du so fremd von all den andern bist, die hier gekniet,
Und weil Dein Angesicht so anders meine Seele angerührt,
sollst Du auch anders von diesem Orte gehn.
War er absichtsvoll der Gott, der Deine Flucht hierhergewandt?
Höre wohin, dann sei bereit zu gehn.
(sie erhebt sich)
Dies Weib ist Rahab, lebt in Jericho als eine Dirne in dem Haus am Wall,
des Abends steiget sie zum Tor hinab des Mannes harrend,
dem sie ihres Schmukkes und ihrer
Schönheit willen wohl gefällt.
(sie läßt sich, ohne Hiram anzusehen, langsam auf den Teppich sinken)
HIRAM: Warum soll ich schon gehn?
Sieh, es ist Tag noch, lange noch nicht Nacht!
RAHAB: Graut Dir denn nicht von
mir?
Hörst nicht den Sinn aus meiner Rede?
HIRAM: Sinn und Wiedersinn dreh'n
sich im Kreise!
Halb versteh' ich, was Du beklagst; doch sieh:
mich kümmert nicht was war,
daß Du mein Leben in den Händen hast,
und daß mein Blut nach Deinem Blute schreit,
das ist und darum laß mich bleiben!
RAHAB: Bist Du auf Kundschaft
ausgesandt,
daß Du nicht rückkehrst und nicht Kunde bringst,
weil bei einem Weibe Du bliebst zur Nacht?
HIRAM: Ich acht' es nicht! und
liebst Du mich, so laß mich bleiben!
Dann mögen wenn die Stadt gefallen meine Brüder mit dem Schwerte
hier mich erschlagen!
RAHAB: So blieb! und sei es Anfang gleich und Ende!
RAHAB: Wo Du bist, da bin auch
ich,
und wo Du fällst, dort will ich auch liegen.
HIRAM: Wie ein Weib, ein Eheweib,
mit seinem Gatten soll.
Willst Du mein Weib sein Rahab?
RAHAB: Nein! nicht Dein Weib! Nur
für eine Nacht ein Weib.
Was bin ich, Liebster, daß ich mehr Dir wäre?
Sieh meine Schönheit ist mit Schmach vermengt als wie das Meer mit bittrem
Salz.
Sonst aber hab' ich nichts!
Weisheit und Kraft und Wißen ist dies Haar sind diese Augen,
dieser Mund! Ich selbst nach einem dürstend, der nicht kam,
hab' andre verschmachten sehn, und konnt' nicht helfen,
hätt'ich auch gewollt.
Jetzt aber hämmert dies tote Herz, und ich bin weich,
bin wie ein Kind, denn Du bist da!
HIRAM: Nicht eine Nacht, ein
Leben halt' ich Dich!
Willst Du meinem Zelte bei mir wohnen in gut und böser Zeit
und willst von hier Du weiter mit uns ziehn, wenn's uns bestimmt?
RAHAB: Ich will in Deinem Zelte
bei Dir wohnen in guter wie in böser Zeit;
auch will ich wenn es Gott bestimmt weiter von hinnen mit Euch ziehen,
immer bei Dir, liebend und treu, bis der Tod uns trennt.
HIRAM: So höre mich Jehovah Herr
und Gott!
Der Du aus Feindeshand heim zu meinen Stämmen mich retten willst
durch eines Weibes Hand, Wenn Deine Kraft
Jehovah diese Stadt und alles Mauerwerk,
das rings um aufgetürmt zerworfen hat:
Dann spare des Weibes so wie Sie sich mein erbarmte, denn die mich schonte um
der Liebe Wilen, Rahab.
RAHAB: Wenn Du mich schonst um der Liebe Wilen oh Gott! Dann soll mein Mund Di[e] preisen für Deine Gnade...
HIRAM: ...soll als mein Weib Deinen Name preisen und Deine Gnade...
HIRAM und RAHAB: Jehovah, Herr und Gott!
(Rahab führt Hiram du Gemach auf das Dach und über die Stufen auf die Brüstung des Walles. Die beiden Gestallen heben sich vom abendlichen Himmel ab.)