2. Unterwerfung des menschlichen
Willens unter den Willen Gottes,
Gebrauch der übernatürlichen Gnadenmittel
Diesem Streben stellt sich nun aber sofort die Macht
der ungezähmten Begierlichkeit entgegen, die ja auch die Hauptquelle der Sünden
gegen die heiligen Ehegesetze ist. Und da sich der Mensch seine Leidenschaften
nicht gefügig machen kann, wenn er sich nicht erst selbst Gott fügt, so wird
nach der von Gott gewollten Ordnung zunächst für das letztere Sorge zu tragen
sein. Denn es ist ein festes Gesetz: Wer sich Gott unterwirft, erfährt mit
Freuden, wie auch ihm mit Hilfe der göttlichen Gnade seine Leidenschaften
unterwürfig werden. Wer sich aber gegen Gott empört, muß die traurige Erfahrung
machen, daß der Sturm der Leidenschaften den Krieg in seinem eigenen Inneren
entfacht. Wie weise das so angeordnet ist, legt der hl. Augustinus mit
folgenden Worten dar: „So ist es recht: das Niedere muß sich dem Höheren
unterordnen. Wer will, daß das was unter ihm liegt, sich ihm unterwerfe,
unterwerfe sich erst selbst dem, der über ihm steht. Erkenne diese Ordnung an,
schaffe dir Frieden! Du Gott, dir das Fleisch. Was gibt es Gerechteres? Was
Schöneres? Du dem Höheren, dir der Niedrigere. Diene du dem, der dich
geschaffen hat, damit dir diene, was deinetwegen geschaffen worden ist. Denn
die Ordnung der Dinge kennen wir nicht, und die Ordnung empfehlen wir auch
nicht: Dir das Fleisch und du Gott! Nein: Du Gott und dir das Fleisch! Wenn du
aber das ‚du Gott’ außer acht läßt, wirst du nie das ‚dir das Fleisch’ erreichen.
Wenn du deinem Herrn nicht gehorchst, wirst du von deinem Sklaven tyrannisiert
werden.“77 Diese von der göttlichen Weisheit gewollte Ordnung der
Dinge bezeugt unter Eingebung des Hl. Geistes auch der Völkerapostel. Wo er von
den alten Philosophen spricht, die den von ihnen erkannten und erforschten
Schöpfer aller Dinge anzubeten und zu verehren sich weigerten, sagt er: „Darum
gab sie Gott den Gelüsten ihres Herzens, der Unlauterkeit preis, so daß sie
sich gegenseitig schändeten.“ Und noch einmal: „Deshalb gab sie Gott
schändlichen Leidenschaften preis.“78Denn „Gott widersteht den Stolzen, den Demütigen dagegen gibt er seine
Gnade“79ohne die, wieder nach der Mahnung des Völkerapostels, der Mensch die aufrührerische
Begierlichkeit nicht zu beherrschen vermag.80 Ihr zügelloses Ungestüm kann also unmöglich, wie es
notwendig ist, in Schranken gehalten werden, wenn nicht erst der Geist seinem
Schöpfer in Demut das Opfer gottesfürchtiger Verehrung darbringt. Es ist also
vor allem unbedingt notwendig, daß diejenigen, die zum hl. Sakrament der Ehe
hinzutreten, innerlich und aufrichtig von kindlichem und frommem Sinn Gott gegenüber
tief durchdrungen sind, von einer Gesinnung, die ihrem gesamten Leben das
Gepräge gibt und ihr Denken und Wollen mit höchster Ehrfurcht gegen Gottes
heilige Majestät erfüllt.
Sehr richtig und ganz im christlichen Sinne handeln
also jene Seelenhirten, die die Ehegatten, damit sie in der Ehe nicht von
Gottes Gesetz abweichen, in erster Linie zu den religiösen Übungen anhalten:
daß sie sich ganz Gott weihen, beharrlich um seine Hilfe flehen, die heiligen
Sakramente häufig empfangen, immer und in allem bereitwillige Hingabe an Gott
pflegen und wahren.
In schwerer Täuschung sind demgegenüber jene befangen,
die die Menschen unter Vernachlässigung der übernatürlichen Mittel durch die
Anwendung und Auswertung der Naturwissenschaften (der Biologie, der Vererbungslehre
und anderer ähnlicher) zur Zügelung der sinnlichen Triebe bringen zu können
glauben. Damit soll nicht gesagt sein, daß die sittlich einwandfreien
natürlichen Mittel gering zu achten seien. Denn einer ist der Urheber der Natur
und der Gnade, Gott, der die Güter beider Ordnungen zum Gebrauch und Nutzen der
Menschen bestimmt hat. Darum kann und soll den Gläubigen auch durch die
natürlichen Mittel geholfen werden. Nur irrt, wer meint, das genüge, um die
Keuschheit des Ehebundes sicherzustellen, oder der glaubt, es wohne den
natürlichen Mitteln eine größere Kraft inne als der übernatürlichen
Gnadenhilfe.
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