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Text
An alle
ehrwürdigen Brüder: die Patriarchen, Primas-Inhaber, Erzbischöfe und Bischöfe
des katholischen Erdkreises, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem
Apostolischen Stuhl stehen!
Wohl haben
Wir auf dem ganzen Erdkreis bereits die Durchführung einer Vielzahl von
außerordentlichen Fürbittgebeten angeordnet, um Gott die Lage der katholischen
Kirche immer mehr zu empfehlen. Dennoch möge es niemand für verwunderlich
halten, wenn Wir es zu diesem Zeitpunkt für gut erachten, den Seelen neuerdings
eine Aufgabe und Verpflichtung dieser Art fest einzuprägen.
In
schlimmen Verhältnissen, besonders wenn die Mächte der Finsternis
offensichtlich dreist dazu entschlossen waren, alles, was immer den
christlichen Namen angeht, nach Kräften der Vernichtung zuzuführen, hatte die
Kirche stets die Gewohnheit, Gott als ihren Stifter und Beschützer mit größerer
Ergebenheit und Beharrlichkeit anzurufen. Hierbei zog sie auch die Heiligen des
Himmels als Helfer hinzu, und besonders die Allerseligste Jungfrau und
Gottesgebärerin, in deren Schutz und Schirm die Kirche im höchsten Grade eine
Stütze für ihre Interessen erkennt. Und die frommen Gebete, die auf die Güte
Gottes bauen, zeitigen offenkundig früher oder später die Frucht ihrer
Hoffnung.
Ihr kennt
vollkommen die gegenwärtige Lage der Dinge, ehrwürdige Brüder. Sie ist in der
Tat für die christliche Religion kaum weniger unheilvoll und elend, als sie es
in den unheilvollsten und elendesten früheren Zeiten gewesen ist. Wir sehen,
wie bei vielen Menschen die Grundlage aller christlichen Tugenden, der Glaube,
verschwindet; wie die heilige Liebe erkaltet; wie eine durch schlechte Sitten
und falsche Anschauungen verführte und verdorbene Jugend heranwächst. Wir
sehen, wie die Kirche Jesu Christi von allen Seiten mit Gewalt und List
bekämpft wird; wie gegen das Papsttum ein rücksichtsloser Krieg geführt wird
und wie die Grundlagen der Religion selbst mit einer täglich anwachsenden
Vermessenheit erschüttert und zu Fall gebracht werden.
Wie weit
dies in jüngster Zeit bereits um sich gegriffen hat und was man darüber hinaus
noch im Schilde führt, das ist bereits zu sehr bekannt, als daß man es eigens
in Worten darlegen müßte.
In dieser
schwierigen und elenden Lage sind die Übel größer als die menschlichen
Gegenmittel. Als einzige Zuflucht ist es daher vonnöten, die Macht Gottes um
ihren Beistand anrufen.
Aus diesem
Grunde halten Wir es für notwendig, die Frömmigkeit des christlichen Volkes
dazu anzuspornen, noch eifriger und beharrlicher die Hilfe des Allmächtigen
Gottes zu erflehen. Seht, schon naht der Monat Oktober: Wir haben bei einer
anderen Gelegenheit angeordnet, daß er der Jungfrau Maria vom Rosenkranz
geweiht sein soll. Uns so mahnen wir nachdrücklich, daß jener Monat zu seiner
Gänze dieses Jahr in größtmöglichem Maß mit Andacht und Frömmigkeit begangen
werden soll.
Wir haben
ja die Erfahrung, daß in der mütterlichen Güte der Allerseligsten Jungfrau ein
Zufluchtsort bereitsteht, und wir wissen mit Sicherheit, daß wir alle unsere
Hoffnung nicht vergebens auf sie gesetzt haben. Hundertmal war sie in den
großen Bedrängnissen und Gefahren der christlichen Religion zugegen: Warum
sollte man daran zweifeln, daß sie künftig die Beispiele und Beweise ihrer
Macht und Gnade erneuern wird, wenn allgemein demütige und beharrliche
Bittgebete verrichtet werden? Wir glauben vielmehr, sie werde uns künftig umso
wunderbarer zur Seite stehen, je mehr sie mit Freude sieht, daß sie in
zunehmendem Maße und immer inniger angerufen wird.
Wir hegen
aber auch noch eine andere Absicht. Wie Ihr, Ehrwürdige Brüder, es für
gewöhnlich zu tun pflegt, werdet Ihr Euch sicher mit Uns gemeinsam gewissenhaft
im Sinne dieser Absicht bemühen.
Wollt Ihr,
daß Gott unseren Gebeten ein huldvolleres Ohr leihe? Wollt Ihr, daß er dank der
Vermittlung einer größeren Schar von Fürbittern seiner Kirche bereitwilliger
und freigebiger beistehe? Dann scheint es Uns höchst angebracht, daß die
Christenheit es sich zur Gewohnheit mache, zugleich mit der jungfräulichen
Gottesmutter auch den heiligen Josef, ihren keuschen Gemahl, mit großer Andacht
und mit kindlichem Vertrauen anzurufen. Gestützt auf gute Gründe halten Wir
dafür, daß diese Verehrung der allerseligsten Jungfrau selber erwünscht und
sehr genehm ist.
Wir
sprechen heute zum ersten Mal offiziell von dieser Andachtsform. Es ist Uns
übrigens bekannt, daß sie unter dem gläubigen Volk sehr beliebt ist und sogar
als altherkömmliche Gepflogenheit immer weitere Kreise erfaßt. Auch Unsere
Vorgänger haben in den vergangenen Jahrhunderten der Verehrung des heiligen
Josef ihre besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Sie haben diese bereits Schritt
für Schritt gefördert und weitherum verbreitet. In unserer Zeit schließlich war
dieser Andacht allenthalben ein beachtliches Wachstum beschieden, namentlich
seitdem Unser Vorgänger Pius IX. auf Wunsch einer großen Anzahl von Bischöfen
den heiligen Josef zum Schutzpatron der katholischen Kirche proklamiert hatte.1
Da es jedoch von größter Bedeutung ist, daß die Verehrung des heiligen Josef im
katholischen Brauchtum tiefer verankert wird, liegt es Uns sehr am Herzen, die
Christenheit vor allem durch die Autorität Unseres Wortes dazu aufzumuntern.
Warum wurde
denn dem heiligen Josef die besondere Ehre des Schutzpatrons der Kirche
zugedacht? Warum verspricht sich die Kirche sehr viel von seinem Beistand und
seinem Patronat? Hier die Gründe für diese Sonderstellung: Dieser heilige Mann war
der Ehegemahl Marias und der vermeintliche Vater Jesu Christi. Dieses Doppelamt
ist der Quellgrund all seiner Würde, all seiner Macht, all seiner Heiligkeit
und all seiner Verherrlichung. Allerdings ist die Würde der Mutter Gottes so
erhaben, daß etwas Größeres undenkbar ist. Der heilige Josef war jedoch durch
das Band der Ehe eng mit der allerseligsten Jungfrau vereint. Ihm war es
vergönnt, mehr als irgend jemand sonst – darüber besteht kein Zweifel – dieser
überragenden Würde nahezukommen, die Maria als Gottesmutter hoch über alle
anderen Geschöpfe hinaushebt. Denn die Ehe ist die innigste Verbindung und
Lebensgemeinschaft zweier Menschen und hat naturgemäß die Gütergemeinschaft
zwischen den beiden Gatten zur Folge. Als daher Gott den heiligen Josef zum
Gemahl der Jungfrau Maria bestimmte, gab er ihr nicht nur einen
Lebensgefährten, einen Zeugen ihrer Jungfräulichkeit und einen Beschützer ihrer
Ehre, sondern er hat ihn ganz gewiß auch, entsprechend dem eigentlichen Wesen
der Ehe, an der hohen Würde seiner Gattin teilnehmen lassen.
Noch dank
einer anderen hoheitsvollen Auszeichnung nimmt der heilige Josef eine
einzigartige Stellung unter den Menschen ein: durch den Ratschluß der Vorsehung
war er nämlich der Beschützer des menschgewordenen Gottessohnes, da er in den
Augen der Welt als dessen Vater galt. 2 Aus diesen Umstand ergab sich
für das Wort Gottes eine demütige Unterwerfung dem heiligen Josef gegenüber,
sodaß Christus in vollkommener Unterordnung seinen Befehlen gehorchte, wie es
sich für ein Kind seinem Vater gegenüber geziemt. 3
Ferner
brachte diese doppelte Ehrenstellung ganz natürlich die Verpflichtungen mit
sich, die einem Familienvater von Amts wegen obliegen. Somit war der heilige
Josef zugleich der Beschützer, der Fürsorger, der natürliche und gesetzmäßige
Sachwalter der heiligen Familie, deren Oberhaupt er war. Diese Ämter und
Befugnisse hat er auch tatsächlich ausgeübt, solange er auf Erden lebte. 4
Mit inniger Liebe und unablässiger Mühe hat er seine Ehefrau und das göttliche
Kind umsorgt. Er verdiente durch regelmäßige Arbeit ihren Lebensunterhalt. Er
entzog Jesus der tödlichen Gefährdung durch den König Herodes, indem er für ihn
eine ferne Zufluchtsstätte fand5; inmitten der Beschwerden einer
mühsamen Reise und während des bitteren Auslandsaufenthaltes bewährte er sich
zu jeder Stunde als Leidensgenosse, Beschützer und Tröster der heiligen Jungfrau
und ihres Kindes.
Diese
heilige Familie, der Josef mit väterlicher Vollmacht vorstand, war aber die
Keimzelle der Kirche. Wie nämlich die Jungfrau Maria Mutter Jesu Christi war,
so ist sie auch die Mutter aller Christen, da sie ihnen auf Kalvaria das
übernatürliche Leben der Gnade vermittelt hat, damals in der Todesstunde des
Erlösers. Desgleichen ist Jesus Christus gewissermaßen der Erstgeborene unter
den Christen, die seine Adoptivbrüder würden auf Grund seines Erlösungswerkes.
Das sind
die Gründe, die im Herzen des heiligen Erzvaters das Bewußtsein rechtfertigen,
daß ihm die Gesamtheit der Christen auf besondere Weise anempfohlen ist: die
ganze Christenheit oder die Kirche, d.h. jene gewaltige Familie, die über den
ganzen Erdkreis zerstreut ist. Als Gemahl der Jungfrau Maria6 und als
Vater Jesu Christi7 ist er der Kirche gegenüber gleichsam mit
väterlicher Vollmacht ausgestattet. Somit erweist es sich als folgerichtig und
seiner Stellung gemäß, daß der heilige Josef heute noch der Kirche Jesu Christi
seinen himmlischen Schutz angedeihen läßt, wie er einst für die Bedürfnisse der
heiligen Familie von Nazareth aufkam und sie fortwährend mit gewissenhafter
Obsorge umgab.
Es ist
leicht einzusehen, ehrwürdige Brüder, daß sich diese Erwägungen auf den Glauben
vieler Kirchenväter stützen und aus der Liturgie belegen lassen. Wir beziehen
Uns hierbei auf die Meinung, derzufolge Josef von Ägypten, der
alttestamentliche Sohn des Patriarchen Jakob, das Vorbild des heiligen Josef
ist. Jener besitzt diesem verwandte Züge, hat ähnliche Aufgaben erfüllt und
wurde durch seine ruhmvolle Stellung Vorläufer des künftigen Oberhauptes der
heiligen Familie.
Außer dem
gleichen Namen, der übrigens sinnbildliche Bedeutung hat, sind Euch noch andere
Züge bekannt, die beiden gemeinsam sind: der Josef des Alten Testamentes gewann
die Gunst und das besondere Wohlwollen seines Herrn und Meisters Pharao; ihm
war es als Verwalter der königlichen Güter zu verdanken, daß Reichtum und
Wohlstand in unermeßlicher Fülle dem hause seines Herrn beschieden waren. 8
Zudem, jener noch bedeutsamere Zug: Auf Befehl des Königs wurde er zum ersten
Minister ausgerufen; und als die Hungersnot Elend und Teuerung ins Land
brachte, wußte er mit solcher Geschicklichkeit der Not Ägyptens und der
Nachbarvölker zu steuern, daß er durch königlichen Erlaß als Retter der Welt
proklamiert wurde. 9
An diesen
Zügen erkennt man im alttestamentlichen Josef das Vorbild des heiligen Josef
aus dem Neuen Testament. Jener verhalf den Privatinteressen seines Landesherrn
zum Erfolg und leistete sodann dem ganzen Königreich außerordentliche Dienste;
diesem gebührt in seiner Eigenschaft als Behüter des Christentums der Titel
eines Patrons und Schutzherrn der Kirche, die wahrhaft das Haus des Herrn und
das Reich Gottes auf Erden ist.
Die
Menschen ihrerseits, welches auch immer ihr Stand oder ihre Herkunft sein mag,
haben Grund genug, sich vertrauensvoll in die mächtige Obhut des heiligen Josef
zu empfehlen. Die Familienväter haben im heiligen Josef das lebendigste Vorbild
väterlicher Wachsamkeit und Fürsorge; die Ehegatten besitzen in ihm ein
vollkommenes Muster der Liebe, der herzlichen Eintracht und der Gattentreue;
den jungfräulichen Menschen ist er zugleich Vorbild und Beschützer der
Reinheit. Die Menschen adeligen Standes können von ihm lernen, wie sie ihre
Würde bewahren sollen, selbst wenn sie Mißgeschick trifft. Die Reichen sollen
hier erkennen, welche Güter höher einzuschätzen und mit aller Kraft anzustreben
sind.
Ein
besonderes Anrecht auf die Hilfe des heiligen Josef haben jedoch die
Proletarier, die Arbeiter und alle Menschen in bescheidenen
Lebensverhältnissen. Ihnen vor allem soll er ein Vorbild zur Nachahmung sein.
Obwohl nämlich der heilige Josef aus königlichem Geblüte stammte10,
obwohl der der Gemahl der hehrsten und heiligsten aller Frauen ist, obwohl er
der Nährvater des Gottessohnes ist, fristet er dennoch ein Dasein voller
Beschwerden und verdient mit seiner Handwerkerarbeit den Lebensunterhalt seiner
Familie. In Wirklichkeit ist also eine bescheidene Lebenslage keineswegs
erniedrigend; ja, die Arbeit der Werktätigen, welcher Art sie auch sein mag,
ist nicht nur in keiner Weise entehrend, sie kann sogar sehr wohl, wenn sie von
tugendhafter Gesinnung beseelt ist, einen adeligen Charakter besitzen. Da sich
Josef von Nazareth mit wenigem zufrieden gab und sich mit seiner geringen Habe
begnügte, ertrug er die unumgänglichen Mühseligkeiten der Armut mit
Gelassenheit und seelischer Großmut. Ohne Zweifel ahmte er seinen Sohn nach,
der sich bereit erklärt hatte, obwohl er der Herr der Welt war, eine
untergeordnete Menschennatur anzunehmen, und sich dadurch freiwillig dem Elend
und der Not auslieferte.
Die
Betrachtung dieses Vorbildes soll den Armen und all jenen, die als Werktätige
Tag für Tag ihr Brot verdienen, neuen Mut einflößen und zur Berichtigung ihrer
Anschauungen helfen. Gewiß haben sie das Recht, mit allen erlaubten Mitteln
eine Verbesserung ihrer Lage anzustreben. Hingegen gestattet es ihnen weder die
Vernunft noch die Gerechtigkeit, die von der göttlichen Vorsehung gefügte
Ordnung umzustürzen. Und zudem sind Gewalttätigkeit, Umsturz oder Aufruhr nur
wahnsinnige Mittel, die allermeist höchstens zur Verschlimmerung der Mißstände
führen, denen man damit abzuhelfen wähnt. Mögen also die Armen sich wohl
besinnen und sich nicht auf die Versprechungen der Revolutionäre verlassen,
sondern auf das Beispiel und den Schutz des heiligen Josef sowie auf die
mütterliche Fürsorge der Kirche, die sich stets tatkräftiger um ihr Los
annimmt.
Im
Vertrauen auf den Hirteneifer der Bischöfe sind Wir der Überzeugung, daß die
gutgesinnten Christen aus eigenem Antrieb und bereitwillig unsere Erwartungen
noch übertreffen werden. Wir ordnen infolgedessen an, daß während des ganzen
Monats Oktober nach dem bereits früher vorgeschriebenen Rosenkranzgebet ein Gebet
zum heiligen Josef verrichtet werden, das euch samt diesem Rundschreiben
zugeht. Diese Anordnung gilt für alle Zeiten, Jahr für Jahr. Jenen, die das
genannte Gebet mit Andacht verrichten, gewähren Wir jedesmal einen Ablaß von
sieben Jahren und sieben Quadragenen. Ferner besteht mancherorts der heilsame
und löbliche Brauch, den Monat März dem heiligen Josef zu weihen und ihn
täglich durch eine besondere Andacht zu verehren. Wo jedoch die Einführung
dieses Brauches auf Schwierigkeiten stoßen sollte, wäre es sehr zu wünschen,
daß vor dem Josefstag in der Hauptkirche jeder Ortschaft ein Gebetstriduum
abgehalten würde. In jenen Gegenden, wo der 19. März, Fest des heiligen Josef,
kein gebotener Feiertag ist, bitten Wir die Gläubigen, dieses Fest soweit als
möglich durch Privatandachten zu Ehren des himmlischen Schutzpatrons wie einen
Feiertag zu begehen.
Als
Unterpfand der göttlichen Gnaden und als Erweis Unseres Wohlwollens erteilen
Wir euch inzwischen, ehrwürdige Brüder, Eurem Klerus und Volk von ganzem Herzen
im Herrn den Apostolischen Segen.
Gegeben zu
Rom bei St. Peter, am 15. August 1889, im zwölften Jahr Unseres Pontifikats.
Papst Leo XIII.
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