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Es folgt der Text der Enzyklika „Aeterni Patris“ von Papst Leo XIII.
Ehrwürdige
Brüder!
Gruß und
Apostolischen Segen
1 Der eingeborene Sohn des ewigen
Vaters, der auf Erden erschien, um dem menschlichen Geschlechte das Heil und
Licht der ewigen Wahrheit zu bringen, hat der Welt eine wahrhaft große und
wunderbare Wohltat erwiesen, als er bei seiner Auffahrt zum Himmel den Aposteln
gebot, daß sie hingingen und alle Völker lehrten1, und die von ihm
gegründete Kirche als gemeinsame und oberste Lehrerin aller Völker zurückließ.
Denn die Menschen, welche die Wahrheit befreit hatte, sollten in der Wahrheit
erhalten werden, und die Früchte der göttlichen Lehren, durch welche dem
Menschen das Heil geworden, wären nicht lange geblieben, hätte Christus der
Herr nicht zur Unterweisung der Geister im Glauben ein fortdauerndes Lehramt
eingesetzt. Die Kirche aber, von den Verheißungen ihres göttlichen Urhebers
getragen und in Nachahmung seiner Liebe, hat der Art ihren Auftrag erfüllt, daß
sie dahin immer strebte, darnach ganz besonders verlangte, die Religion zu
lehren und die Irrtümer beständig zu bekämpfen. Dies ist das Ziel der Arbeiten
und Wachsamkeit aller Bischöfe, dies das Ziel der Gesetze und Verordnungen der
Kirchenversammlungen, und besonders der täglichen Sorge der römischen Päpste,
denen als Nachfolger des heiligen Petrus, des Fürsten der Apostel, im Primate
das Recht und die Pflicht zukommt zu lehren und die Brüder im Glauben zu
stärken. Weil aber, wie der Apostel mahnt, durch Weltweisheit und leeren
Trug2 die Gemüter der Christgläubigen häufig getäuscht und die Reinheit
des Glaubens in den Menschen verletzt wird, darum haben die obersten Hirten der
Kirche immerdar es für ihre Amtspflicht erachtet, auch die wahre Wissenschaft
mit allen Kräften zu fördern, und zugleich mit besonderer Wachsamkeit dafür zu
sorgen, daß alle menschlichen Wissenschaften überall der Regel des katholischen
Glaubens gemäß gelehrt würden, besonders aber die Philosophie, von welcher
nämlich zum großen Teile der richtige Verstand der übrigen Wissenschaften
abhängt. Gerade hierauf haben auch Wir unter anderem in Kürze aufmerksam
gemacht, Ehrwürdige Brüder, als Wir das erste Mal durch ein Rundschreiben zu
Euch allen gesprochen; nun aber drängt uns die Wichtigkeit des Gegenstandes und
die Zeitlage, von neuem mit Euch die Art und Weise der philosophischen Studien
zu besprechen, welche sowohl dem Glaubensgute vollständig gerecht wird, als
auch der Würde der menschlichen Wissenschaften selbst entspricht.
2 Wer unsere traurige Zeitlage
aufmerksam betrachtet, und die Zustände des öffentlichen wie Privatlebens vor
seinem Geiste vorübergehen läßt, der erkennt gewiß, daß die eigentliche Ursache
sowohl der Übel, die Uns drücken, als auch jener, die wir noch befürchten,
darin besteht, daß verderbliche Lehren über die göttlichen und menschlichen
Dinge, welche schon vor längerer Zeit aus den Schulen der Philosophen
hervorgegangen sind, unter allen Klassen der Gesellschaft sich verbreiteten und
allgemeine Zustimmung fanden. Denn da es in der Natur des Menschen liegt, in
seinen Handlungen die Vernunft zur Führerin zu nehmen, so zieht der Irrtum des
Verstandes leicht auch einen Fehler des Willens nach sich; und so geschieht es
denn, daß verkehrte Meinungen, welche im Verstande ihren Sitz haben, die
menschlichen Handlungen beeinflussen und verschlechtern. Umgekehrt, wenn der
Geist des Menschen gesund ist und auf den wahren und gediegenen Grundsätzen
sicher ruht, dann werden hieraus für das öffentliche und private Wohl sehr
viele Vorteile sich ergeben. Allerdings schreiben Wir der menschlichen
Philosophie nicht einen so großen Einfluß und solches Ansehen zu, daß wir dafür
hielten, sie sei hinreichend, alle Irrtümer zu überwinden und auszurotten. Denn
wie bei der Gründung des Christentums durch das wunderbare Licht des Glaubens,
nicht durch überredende Worte menschlicher Weisheit verbreitet, sondern in
Erweisung des Geistes und der Kraft3 dem Erdkreis wieder seine frühere
Würde zurückgegeben wurde, so hoffen Wir auch besonders von der allmächtigen
Kraft und Hilfe Gottes, daß die Gemüter der Sterblichen von der Finsternis der
Irrtümer, die sie umfangen, befreit werden und zur Erkenntnis gelangen. Doch
sollen wir die natürlichen Hilfsmittel nicht verschmähen und hintansetzen,
welche durch die Güte der göttlichen Weisheit, die alles mächtig und milde
ordnet, dem menschlichen Geschlechte zu Gebote stehen; unter diesen aber ist
der richtige Gebrauch der Philosophie das vorzüglichste. Denn nicht umsonst hat
Gott das Licht der Vernunft dem menschlichen Geiste eingepflanzt; und weit
entfernt, daß das hinzugekommene Licht des Glaubens die Kraft der Vernunft
vernichte oder mindere, vervollkommnet es diese vielmehr und macht sie stärker
und zu Höherem fähig.
3 Es fordert sonach der Plan der
göttlichen Vorsehung selbst, daß wir auch die menschliche Wissenschaft zu Hilfe
rufen, um die Völker zum Glauben und zum Heile zurückzuführen, ein lobenswertes
und weises Bestreben, das nach den Zeugnissen des Altertums bei den
hervorragendsten Kirchenvätern gewöhnlich war. Jene pflegten nämlich der
Vernunft eine keineswegs geringe und unbedeutende Aufgabe zuzuschreiben, was
alles der große Augustinus ganz kurz zusammengefasst hat, indem er dieser
Wissenschaft das zuschreibt, wodurch der höchst heilsame Glaube erzeugt,
genährt, verteidigt und gestärkt wird4
4 Es ist nämlich erstens die
Philosophie im Stande, falls sie in gehöriger Weise von Verständigen betrieben
wird, den Weg zum Glauben gewissermaßen zu ebnen und zu bahnen, und die Gemüter
ihrer Schüler zur Aufnahme der Offenbarung in entsprechender Weise
vorzubereiten, deshalb sie von den Alten bald ein vorläufiger
Unterricht im christlichen Glauben5 bald eine Vorschule und Hilfe
zum Christentum6 bald eine Erzieherin zum Evangelium7 nicht
ohne Grund genannt worden ist.
In der Tat hat der barmherzige Gott bezüglich dessen, was die göttlichen
Dinge betrifft, nicht bloß jene Wahrheiten durch das Licht des Glaubens
geoffenbart, welche der menschliche Verstand aus sich nicht zu erkennen vermag,
sondern er hat auch solche kund gegeben, welche für die Vernunft nicht
vollständig unbegreiflich sind, so daß sie nach Hinzutritt der göttlichen
Autorität alsbald und ohne irgendwelche Beimischung von Irrtum von allen
erkannt werden. So ist es gekommen, daß einige Wahrheiten, die teils von Gott
zu glauben vorgelegt werden, teils mit der Lehre des Glaubens in engem
Zusammenhange stehen, selbst die Weisen unter den Heiden, bloß vom Lichte der
natürlichen Vernunft erleuchtet, erkannten, durch treffliche Beweisgründe
dartaten und verteidigten. Denn das Unsichtbare an ihm ist, wie der Apostel
sagt, seit Erschaffung der Welt in den erschaffenen Dingen erkennbar und
sichtbar, auch seine ewige Kraft und Gottheit8 Und die Heiden, welche
das Gesetz nicht haben, zeigen nichtsdestoweniger, daß das Gesetz in ihre
Herzen geschrieben sei9 Diese Wahrheiten aber, welche selbst die Weisen
unter den Heiden erkannt haben, zum Vorteil und Nutzen der geoffenbarten Lehre
anzuwenden, ist äußerst zweckmäßig, um so durch die Tatsache zu zeigen, daß die
menschliche Weisheit gleichfalls und das Bekenntnis selbst der Gegner für den
christlichen Glauben Zeugnis ablegt. Daß ein solches Verfahren nicht erst in
unserer Zeit eingeführt wurde, sondern uralt ist und von den Kirchenvätern
häufig angewandt wurde, ist allbekannt. Es erblicken sogar jene ehrwürdigen
Träger und Wächter der religiösen Überlieferungen ein Gleichnis und sozusagen
Vorbild dieses Verhältnisses in der Geschichte der Hebräer, welche beim Auszuge
aus Ägypten geboten wurde, die silbernen und goldenen Geräte der Ägypter
zugleich mit ihren kostbaren Gewändern mit sich zu nehmen, damit diese
Kostbarkeiten nun zu einem anderen Zwecke verwendet, der Religion des wahren
Gottes geweiht würden, die vordem schmählichen Gebräuchen und dem Aberglauben
gedient hatten. Deswegen lobt Gregorius10 Neocäsarea den Origines, weil
er verschiedene Sätze sinnreich den Lehren der Heiden entnommen, und gleichsam
wie Pfeile, die er den Feinden entrissen, zum Schutze der christlichen Weisheit
und zur Vernichtung des Aberglaubens mit besonderer Gewandtheit auf sie
zurückgeschleudert habe. Die gleiche Kampfesweise loben und billigen sowohl
Gregorius von Nazianz11 als Gregorius von Nyssa12 an Basilius
dem Großen; Hieronymus empfiehlt sie ganz außerordentlich an dem Apostelschüler
Quadratus, an Aristides, Justinus, Irenäus und sehr vielen andern13.
Sehen wir nicht, sagt Augustinus, mit wie viel Gold und Silber und Gewändern
beladen Cyprian, der höchst liebliche Lehrer und selige Martyr, aus Aegypten
auszog? Mit wie viel Lactantius, mit wie viel Victorinus, Optatus, Hilarius; um
von Lebenden zu schweigen, mit wie viel zahllose Griechen?14 Wenn nun
aber die natürliche Vernunft diese reiche Ernte von Wahrheiten schon vorher
hervorgebracht hat, ehe sie durch Christi Kraft befruchtet ward, so wird sie
gewiß eine noch viel reichere hervorbringen, nachdem die Gnade des Erlösers das
angebornen Vermögen des menschlichen Geistes erneuert und gekräftigt hat. Wer
sollte aber nicht einsehen, daß durch eine solche Weise zu philosophieren ein
ebener und leichter Weg zum Glauben sich darbietet?
5 Hierauf beschränkt sich jedoch der
Nutzen nicht, welcher aus jener Weise zu philosophieren hervorgeht. Tadeln doch
die Aussprüche der göttlichen Weisheit die Torheit jener Menschen, welche aus
den sichtbaren Gütern den nicht
begreifen, der da ist, und den Meister aus seinen Werken nicht
erkennen15. So ergibt sich zunächst als große und herrliche Frucht des
Gebrauches der menschlichen Vernunft der Beweis für das Dasein Gottes; aus der
Schönheit der Geschöpfe kann man Schlussweise deren Schöpfer
erkennen16. Sodann beweist sie, daß Gott durch den Besitz aller
Vollkommenheiten über alles einzig hervorragt, besonders durch seine unendliche
Weisheit, vor der nichts sich verbergen, und seine höchste Gerechtigkeit, die
keine ungeordnete Neidung besiegen kann; daß daher Gott nicht bloß wahrhaft
ist, sondern die Wahrheit selbst, welche nicht getäuscht werden noch täuschen
kann. Hieraus folgt augenscheinlich, daß die menschliche Vernunft dem Worte
Gottes die höchste Glaubwürdigkeit und Autorität zuerkennt. In gleicher Weise
erklärt sie, daß die evangelische Wahrheit durch wunderbare Zeichen zum
gewissen Beweise der gewissen Wahrheit schon seit ihrem Ursprung
hervorgeleuchtet hat, und daß darum alle, welche dem Evangelium glauben, nicht
unbesonnen glauben, als ob sie gelehrten Fabeln folgten17, sondern in
vollständigvernunftgemäßem Gehorsam ihren Geist und ihr Urteil der göttlichen
Autorität unterwerfen. Auch das ist offenbar von nicht geringerem Belange, daß
die Vernunft augenscheinlich beweist, daß die von Christus eingesetzte Kirche
(wie die Kirchenversammlung vom Vatikan festsetzte) wegen ihrer wunderbaren
Ausbreitung, hervorragenden Heiligkeit und unerschöpflichen Fruchtbarkeit, die sie allenthalben
entfaltet, wegen der katholischen Einheit und unüberwindlichen Festigkeit ein
großer und fortdauernder Beweggrund der Glaubwürdigkeit ist, und ein
unwidersprechliches Zeugnis ihrer göttlichen Sendung.18
6 Sind in solcher Weise die höchst
sichern Fundamente gelegt, so findet immer noch fortwährend und vielfach die
Philosophie ihre Anwendung, damit die heilige Theologie das Wesen, den
Charakter und Geist einer wahren Wissenschaft aufnehme und an sich trage. Denn
in dieser alleredelsten Wissenschaft ist es sehr notwendig, daß die vielen
verschiedenen Teile der himmlischen Lehren zu einem organischen Ganzen
verbunden, alle nach richtigen Gesichtspunkten gegliedert, aus den ihnen
zuständigen Prinzipien abgeleitet werden und in entsprechender Weise unter sich
zusammenhängen; endlich hat die Theologie für jeden einzelnen Teil die ihm
eigentümlichen die unwiderlegbaren Beweise zu erbringen. Auch darf sie nicht
jene genauere und reichere Erkenntnis der Offenbarungswahrheiten und ein, so
viel dies möglich ist, noch tieferes Verständnis selbst der Geheimnisse des Glaubens
vernachlässigen oder geringschätzen, welches Augustinus und die anderen Väter
gelobt und zu gewinnen bestrebt waren, und das auch die Kirchenversammlung vom
Vatikan19 als sehr fruchtbringend erklärt hat. Diese Erkenntnis und
Einsicht erlangen aber sicherlich vollständiger und leichter jene, welche mit
der Reinheit des Lebens und dem Eifer im Glauben einem durch die
philosophischen Studien ausgebildeten Geist verbinden, zumal da dieselbe
Kirchenversammlung vom Vatikan lehrt, man müsse ein solches Verständnis der
heiligen Lehren sowohl der Analogie mit dem, was auf natürlichem Wege erkannt
wird, als dem Zusammenhange der Geheimnisse selbst unter sich und mit dem
letzten Ziel des Menschen entnehmen20.
7 Auch das endlich ist die Aufgabe
der philosophischen Wissenschaften, die von Gott geoffenbarten Wahrheiten
sorgfältig zu verteidigen und denen, welche sie zu bekämpfen wagen,
entgegenzutreten. Zu dieser Beziehung verdient die Philosophie großes Lob, da
sie als eine Schutzwehr des Glaubens und ein festes Bollwerk der Religion gilt.
Es ist zwar, wie Clemens von Alexandrien bemerkt, die Lehre des Erlösers
vollkommen in sich und bedarf nichts weiter, da sie Gottes Kraft uns Weisheit
ist. Daher macht der Hinzutritt der griechischen Philosophie die Wahrheit nicht
stärker; da sie aber die Gegenbeweise der Sophisten entkräftet und die
hinterlistigen Anschläge gegen die Wahrheit abweist, wurde sie ein passender
Zaun und eine Mauer des Weinberges genannt21. In der Tat, wie die
Feinde des katholischen Namens, um die Religion zu bekämpfen, ihre Waffen
gemeinhin der Philosophie entlehnen, so schöpfen die Verteidiger der göttlichen
Wissenschaften vielfach aus dem Gebiete der Philosophie dasjenige, womit sie
die geoffenbarten Lehren nachdrücklich verteidigen. Und es ist dies als kein
geringer Triumph des christlichen Glaubens zu erachten, daß die menschliche
Vernunft selbst wirksam und leicht die Angriffe der Gegner, die sich auf
Scheingründe der Vernunft stützen, zurückweist. Auf diese Art des religiösen
Kampfes, deren der Heidenapostel selbst sich bediente, weist der heilige
Hieronymus hin, indem er an Magnus schreibt: Der Führer des Christenheeres und
unbesiegbare Prediger Paulus benutzte in seinem Streite für die Sache Christi sogar
eine zufällig sich findende Inschrift zum Beweise des Glaubens; denn er hatte
von dem, der in Wahrheit ein David war, gelernt, das Schwert den Händen des
Feindes zu entreißen und das Haupt des übermütigen Goliath mit dessen eigener
Waffe abzuhauen22. Und die Kirche selbst rät nicht bloß, sondern
befiehlt sogar, daß die christlichen Lehrer der Philosophie zur Verteidigung
des Glaubens zu Hilfe rufen sollen. Denn nachdem die fünfte Kirchenversammlung
vom Lateran erklärt hatte, daß jede dem erleuchteten Glauben widersprechende
Aufstellung durchaus falsch sei, weil das Wahre dem Wahren keineswegs
widerspreche23, gebietet sie den Lehrern der Philosophie, sich mit
Eifer mit der Lösung von täuschenden Einwendungen zu beschäftigen, da, wie
Augustinus bezeugt, jeder Grund, welcher gegen die Autorität der heiligen
Schriften vorgebracht wird, wenn er auch noch so spitzfindig sein sollte, durch
Wahrscheinlichkeit täuscht; denn wahr kann er nicht sein24.
8 Damit aber die Philosophie im
Stande sei, diese kostbaren Früchte, die Wir erwähnten, hervorzubringen, ist
durchaus notwendig, daß sie niemals von der Bahn abweicht, welche das
ehrwürdige Altertum [der Väter] gegangen ist. Und die Kirchenversammlung vom
Vatikan feierlich durch ihre Autorität gutgeheißen hat. Denn da es keinem
Zweifel unterliegt, daß die übernatürliche Ordnung sehr viele Wahrheiten
enthält, welche weit hinausragen über die Fassungskraft jedweder Intelligenz,
so darf die menschliche Vernunft im Bewusstsein ihrer Schwäche es nicht wagen,
sich über ihre Schranken zu erheben, noch diese Wahrheiten zu leugnen, noch sie
mit ihrem eigenem Maße zu messen, noch nach Willkür zu erklären; vielmehr soll
sie dieselben mit vollem du demütigem Glauben annehmen, und es sich zur
höchsten Ehre rechnen, daß sie gleich einer Dienerin den himmlischen Lehren
nachfolgen, ihnen ihre Dienste leisten und von ihnen durch Gottes Gnade
einigermaßen ein Verständnis gewinnen darf. Bezüglich jener Lehrpunkte dagegen,
welche die menschliche Intelligenz auf natürlichem Wege erkennen kann, hat, wie
ganz billig, die Philosophie ihrer Methode, ihrer Prinzipien und Beweise zu
bedienen, doch nicht derart, daß es den Anschein gewinnt, als wolle sie keck
der göttlichen Autorität sich entziehen. Da es vielmehr feststeht, daß das, was
die Offenbarung lehrt, höchst gewiß, und was ihr entgegengesetzt ist, auch der
gesunden Vernunft widerstreitet, so soll der katholische Philosoph der
Überzeugung sein, daß er die Rechte des Glaubens und der Vernunft zugleich verletzt,
wenn er einen Satz annimmt, von dem er weiß, da er der Offenbarung
widerspricht.
9 Wir wissen wohl, daß manche die
Fähigkeiten der menschlichen Natur über Gebühr erheben und behaupten, durch die
Unterwerfung unter die göttliche Autorität verliere sie ihre ursprüngliche
Würde und werde gewissermaßen unter da Joch der Knechtschaft gebeugt und so in
ihrem Aufschwunge zur höchsten Wahrheit und Vollkommenheit vielfach
zurückgehalten und gehemmt. Doch das ist alles Irrtum und Täuschung und zielt
nur dahin, daß die Menschen in höchst törichter Weise, und nicht ohne des
Verbrechens der Undankbarkeit sich schuldig zu machen, die höheren Wahrheiten
verwerfen und die göttliche Wohltat des Glaubens freiwillig von sich weisen,
aus dem doch alle Güter, auch für die bürgerliche Gesellschaft, hervorgegangen
sind. Denn da der menschliche Geist in gewisse und dazu recht enge Grenzen
eingeschränkt ist, ist er verschiedenen Irrtümern ausgesetzt und in Bezug auf
viele Dinge unwissend. Der christliche Glaube dagegen ist der zuverlässigste
Lehrer der Wahrheit, da er auf der Autorität Gottes ruht; wer ihm daher folgt,
wird weder von Irrtümern umstrickt noch von den Wogen ungewisser Meinungen hin-
und hergeworfen. Jenen philosophieren daher am besten, welche das Studium der
Philosophie mit der Hingabe an den christlichen Glauben verbinden, indem der
Glanz der göttlichen Wahrheiten, welcher die Seele durchdringt, auch die
Intelligenz selbst erhebt, und sie in ihrer Würde nicht nur nicht
beeinträchtigt, sondern dieselbe vielmehr in hohem Grade adelt, schärft und
kräftigt. In würdiger und nützlicher Weise machen sie aber von ihrer Vernunft
Gebrauch, wenn sie zur Widerlegung von Sätzen , die dem Glauben widerstreiten,
und zur Begründung jener, die mit dem Glauben im Einklange stehen, den
Scharfsinn ihres Geistes aufbieten; bezüglich jener decken sie die Ursachen des
Irrtums auf und legen die Fehler in der Beweisführung dar, auf welche sie sich
stützen; bezüglich dieser aber erfassen sie die Beweise, welche sie gründlich
erhärten und einen jeden Vernünftigen überzeugen. Wer aber leugnet, daß durch
solche Bestrebungen und Tätigkeit die Kräfte des Geistes sich stärken und
entwickeln, der muß törichterweise behaupten, daß der Unterschied zwischen Wahr
und Falsch für die geistige Ausbildung keine Bedeutung habe. Mit Recht weist
darum die Kirchenversammlung vom Vatikan mit diesen Worten auf die herrlichen
Wohltaten hin, welche durch den Glauben der Vernunft zu Teil werden: Der Glaube
befreit die Vernunft von Irrtümern und bewahrt sie vor ihnen und bereichert sie
mit mannigfaltigen Kenntnissen25. Der Einsichtige wird darum den
Glauben nicht tadeln, als sei er ein Feind der Vernunft und der natürlichen
Wahrheiten, sondern muß vielmehr Gott deswegen Dank sagen, und sich hoch
erfreuen, daß bei den vielen Ursachen zur Unwissenheit und mitten unter den
Wogen der Irrtümer ihm der hochheilige Glaube leuchtet, der wie ein
freundliches Gestirn ohne jede Furcht vor Verirrungen auf den Hafen der
Wahrheit hinweist.
10 Wenn Ihr daher, Ehrwürdige
Brüder, auf die Geschichte der Philosophie zurückblicket, werdet Ihr alles, was
Wir eben gesagt haben, in der Tat bestätigt finden. Wahrhaftig, auch jene unter
den alten Philosophen, welche für die weisesten gehalten wurden, aber die
Wohltat des Glaubens nicht genossen, fielen in verschiedene, höchst schmähliche
Irrtümer. Denn neben einigem Wahren haben sie, wie Ihr wisst, so oft Falsches
und Widersinniges, so viel Ungewisses und Zweifelhaftes gelehrt über das wahre
Wesen Gottes, den ersten Ursprung der Dinge, die Regierung der Welt, die
göttliche Vorsehung, die Ursache und den Grund des Bösen, das letzte Ziel des
Menschen und seine ewige Seligkeit, in Bezug auf Tugend und Laster und anderes,
was in Wahrheit und mit Gewissheit zu erkennen dem menschlichen Geschlechte
mehr als alles andere notwendig ist. Dagegen haben die ersten Väter und Lehrer
es unternommen, die Schriften der alten Weisen zu durchforschen und ihre
Meinungen mit den Lehren der Offenbarung zu vergleichen, indem sie wohl
eingesehen hatten, daß Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit26, in
dem alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft verborgen sind27, nach
dem Plane der göttlichen Vorsehung auch die Wissenschaft erlöst hat; und was
sie an wahren Aussprüchen und weisen Gedanken in ihnen fanden, das wählten sie
sorgfältig aus und nahmen es mit Verbesserung oder Verwerfung alles übrigen an.
Denn wie Gott in seiner höchst weisen Vorsehung zur Verteidigung der Kirche die
todesmutigen Martyrer, die freudig ihr Leben dahingaben, der Wut der Tyrannen
gegenüber erweckte, so stellte er den falschen Philosophen oder Häretikern
durch Weisheit hervorragende Männer entgegen, welche den Schatz der
geoffenbarten Wahrheiten auch durch die Waffen der menschlichen Vernunft
verteidigten. So standen gleich bei Gründung der Kirche höchst erbitterte
Gegner des katholischen Glaubens auf, welche, die christlichen Lehren und
Einrichtungen verspottend, mehrere Götter annahmen, einen Anfang und Urheber
der Materie leugneten und behaupteten, dieser Weltlauf sei durch eine blinde
und unabänderliche Notwendigkeit bestimmt, und werde nicht nach dem Plan der
göttlichen Vorsehung geregelt.
11 Mit diesen Lehrern einer
wahnsinnigen Meinung nun nahmen alsbald weise Männer den Kampf auf, die wir
Apologeten nennen, welche unter der Leitung des Glaubens auch der menschlichen
Weisheit die Beweisgründe entlehnten, durch welche sie die Notwendigkeit eines
einzigen vollkommenen Gottes begründeten, sowie die Schöpfung aller Dinge aus
dem Nichts durch dessen allmächtige Kraft, die dann durch seine Weisheit
bestehen und sämtlich zu den ihnen bestimmten Zielen hingelenkt und bewegt
werden. Unter diesen nimmt der heilige Martyrer Justinus die erste Stelle in,
der die berühmtesten griechischen Akademien, gleichsam um sie zu prüfen,
durchwandert und eingesehen hatte, daß, wie er selbst gesteht, nur die
geoffenbarte Lehre den Durst nach Wahrheit vollständig stillt, der dann mit
ganzer Glut seiner Seele sich ihr hingab und sie den Verleumdungen gegenüber
rechtfertigte, vor den römischen Kaisern nachdrücklich und mit Gelehrsamkeit
verteidigte und die Übereinstimmung nicht weniger Aussprüche der griechischen
Philosophen mit ihr nachwies.
12 Dasselbe leisteten in vortrefflicher
Weise zu derselben Zeit Quadratus und Aristides, Hermias und Athenagoras. Auch
Irenäus, der standhafte Martyrer und Bischof der Kirche von Lyon, erwarb sich
auf demselben Gebiete keinen geringern Ruhm, indem er die verkehrten Meinungen
der Orientalen, welche die Gnostiker über das gesamte römische Reich verbreitet
hatten, mit aller Kraft widerlegte und den verschiedenen Ursprung der einzelnen
Häresien (wie Hieronymus bezeugt) sowie ihre Quellen in den Lehren der
Philosophie, aus denen sie geflossen ... darlegte28. Allbekannt sind
aber die Abhandlungen des Clemens von Alexandrien, welche derselbe Hieronymus
also ehrenvoll erwähnt: Was ist in ihnen ohne Gelehrsamkeit? Vielmehr was ist
nicht tief philosophisch?29 Hat er doch mit unglaublicher
Mannigfaltigkeit geschrieben, was für die Herstellung der Geschichte der
Philosophie, für die richtige Anwendung der Dialektik, für das einträchtige
Zusammengehen von Glaube und Vernunft von höchstem Nutzen ist. Origines, der
auf ich folgte, ausgezeichnet als Lehrer der Alexandrinischen Schule, sehr
erfahren in den Lehren der Griechen und Orientalen, veröffentlichte sehr viele
und mühevolle Werke, die wunderbar geeignet sind zur Erklärung der Heiligen Schrift und
Beleuchtung der christlichen Dogmen; wenn sie gleich, wenigstens wie sie
gegenwärtig vorliegen, nicht völlig irrtumslos sind, so enthalten sie dennoch
einen Reichtum von Ideen, welche die Anzahl und Gewissheit der natürlichen
Wahrheiten erhöhen. Tertullian kämpft gegen die Häretiker mit der Autorität der
Heiligen Schrift; mit den Philosophen, indem er die Art der Waffen wechselst,
auf philosophischem Wege; diese aber widerlegt er so scharfsinnig und gelehrt,
daß er ihnen öffentlich und mit Zuversicht den Vorwurf macht: Weder in der Wissenschaft
noch in den Sitten, wie ihr wähnt, kommt ihr uns gleich30. Auch
Arnorbius, durch seine Herausgabe der Bücher gegen die Heiden, und Lactantius,
besonders durch seine Unterweisungen, suchten eben so beredt als gründlich von
den Lehren und Vorschriften der katholischen Weisheit ihre Leser zu überzeugen,
nicht indem sie, wie die Akademiker pflegten, durch Verachtung der
Philosophie31, sondern teils durch deren eigene Waffen, teils durch
jene, welche die Streitigkeiten der Philosophen unter sich ihnen darboten, sie
gewannen32. Was aber die menschliche Seele, die göttlichen
Eigenschaften und andere höchst wichtige Fragen der große Athanasius und
Chrysostomus, der Fürst der Redner, in ihren Schriften hinterlassen haben, ist
nach dem Urteile aller so hervorragend, daß sich, wie es scheint, in Hinsicht
und Scharfsinn und Fülle nichts hinzuzufügen läßt. Und um in Aufzählung der
einzelnen nicht zu weitläufig zu werden,
nennen wir unter der Zahl der großen Männer, deren wir bereits Erwähnung getan,
den großen Basilius und die beiden Gregorius, welche von Athen, der Heimat
aller Bildung, in dem Gesamtgebiete der Philosophie wohl unterrichtet,
ausgingen und ihr reiches Wissen, das sie in eifrigem Studium sich erworben
hatten, zur Widerlegung der Häretiker und zum Unterrichte der Christen
verwandten.
13 Allen aber scheint Augustinus
gewissermaßen die Palme entrissen zu haben, der mächtigen Geistes und voll
tiefer Gelehrsamkeit in den heiligen wie profanen Wissenschaften gegen alle
Irrtümer seiner Zeit mit höchster Glaubenskraft und ebenso großem Wissen tapfer
gestritten hat. Welche philosophische Frage hat er nicht berührt? Oder
vielmehr, worüber hat er nicht sorgfältige Untersuchung angestellt, mochte er
die tiefsten Geheimnisse des Glaubens sowohl den Gläubigen auseinandersetzen
als auch gegen die törichten Angriffe der Gegner verteidigen oder nach
Vernichtung der Hirngespinste der Akademiker und Manichäer die Grundlagen und
Gewissheit der menschlichen Erkenntnis sicherstellen, oder Wesen, Ursprung und
Ursache der Übel, welche auf dem Menschen lasten, untersuchen? Wie viele
äußerst scharfsinnige Untersuchungen hat er angestellt über die Engel, die
Seele, den menschlichen Geist, Wille und Freiheit, Religion und Seligkeit, Zeit
und Ewigkeit, über das Wesen der wandelbaren Körper selbst! Nachher haben im
Orient Johannes Damascenus, den Fußstapfen des Basilius und Gregors von Nazianz
folgend, im Occident dagegen Boethius und Anselmus, auf Grund der Lehren des
heiligen Augustinus, das Gebiet der Philosophie vielfach bereichert.
14 Hierauf haben die Lehrer
des Mittelalters, welche Scholastiker genannt werden, ein großes Unternehmen
begonnen, nämlich die reiche und fruchtbare wissenschaftliche Ernte, welche in
den ausgedehnten Werken der heiligen Väter sich zerstreut findet, sorgfältig
zusammenstellen und zum Nutzen und Gebrauch der Nachwelt gleichsam an einem
Orte niederzulegen. Ursprung, Wesen und Vorzug der Scholastik aber mögen hier,
Ehrwürdige Brüder, die Worte Unseres höchst weisen Vorgängers Sixtus' V.
eingehender dartun: „Durch die Gnade dessen, welcher allein den Geist der
Wissenschaft, der Weisheit und des Verstandes verleiht, und seiner Kirche im
Laufe der Jahrhunderte nach Bedürfnis und Wohltaten spendet, neue Waffen
bereitet, haben unsere höchst weisen Voreltern die scholastische Theologie
ausgebildet, welche besonders zwei ruhmvolle Lehrer, er englische heilige
Thomas und der seraphische heilige Bonaventura, die berühmtesten Meister dieser
Wissenschaft ... durch ihre ausgezeichnete Geisteskraft, ihr unermüdliches
Studium, viele Mühen und Nachtwachen bearbeitet und vervollkommnet, in bester
Weise gegliedert und mit reichen und vortrefflichen Erklärungen versehen, der
Nachwelt überliefert haben.
15 Die Kenntnis nun und Übung in
dieser so heilbringenden Wissenschaft, welche ihre reichen Quellen in der
Heiligen Schrift, den Bestimmungen der Päpste, sowie den Lehren und
Entscheidungen der heiligen Väter und Kirchenversammlungen hat, konnte gewiß zu
jeder Zeit der Kirche von Nutzen sein, teils zum richtigen und gesunden
Schriftverständnis und deren Auslegung, teils um die Väter mit mehr Sicherheit
und Nutzen zu lesen und zu erklären, teils um die verschiedenen Irrtümer und
Häresien aufzudecken und zu widerlegen; in diesen jüngsten Tagen aber, da
bereits jene gefährlichen Zeiten gekommen sind, die der Apostel beschreibt, und
die stolzen Gotteslästerer und Verführer zum Verderben zunehmen, selbst im
Irrtum und zum Irrtum verleitend, ist sie wahrhaftig äußerst notwendig, um die
katholischen Lehrsätze zu erhärten und die Häresien zu widerlegen.“33
16 Wiewohl diese Worte sich nur auf
die scholastische Theologie zu beziehen scheinen, so ist doch klar, daß sie
auch von der Philosophie und ihrem Lobe gelten. Denn die herrlichen
Eigenschaften, wodurch die scholastische Theologie den Feinden der Wahrheit so
furchtbar wird, nämlich, wie derselbe Papst hinzusetzt, „jener richtige und
innige Zusammenhang der Gegenstände und Fragen unter sich, jene einer
aufgestellten Schlachtreihe ähnliche wohlgeordnete Gliederung, jene
durchsichtigen Begriffsbestimmungen und Unterscheidungen, jene Kraft in den
Beweisen und äußerst scharfsinnige Entwicklungen, durch welche das Licht von
der Finsternis, das Wahre vom Falschen unterschieden, die Lügen der Häretiker,
die viele Kunstgriffe und gewundene Redensarten gebrauchen, in ihrer Blöße
aufgedeckt und enthüllt werden“34; alle diesen herrlichen und
wunderbaren Eigenschaften, sagen wir, gehen einzig aus dem richtigen Gebrauche
jener Philosophie hervor, deren die Lehrer der Scholastik mit Fleiß und reifer
Überlegung auch bei theologischen Untersuchungen vielfach zu bedienen pflegten.
Da außerdem dies den scholastischen Theologen in ganz besonderer Weise zukommt,
daß sie zwischen der menschlichen und göttlichen Wissenschaft den innigsten
Bund schlossen, so hätte gewiß die Theologie, in welcher jene sich
auszeichneten, nicht so viel Ehre und Ruhm in der öffentlichen Meinung erlangt,
wenn sie eine mangelhafte oder unvollkommene oder nur oberflächliche
Philosophie angewendet hätten.
17 Unter den Lehrern der Scholastik
ragt aber nun weit hervor der Fürst und Meister aller, Thomas von Aquin, der, wie
Cajetanus bemerkt, weil er die alten heiligen Lehrer aufs höchste verehrte,
darum gewissermaßen dem Geist aller besaß35. Ihre Lehren sammelte und
fasste Thomas, wie die zerstreuten Glieder eines Körpers, in Eins zusammen,
teilte sie nach einer wunderbaren Ordnung ein und vervollkommnete sie vielfache
derart, daß er mit vollem Recht als ein ganz besonderer Hort und Schmuck der
katholischen Kirche gilt. Ausgerüstet mit einem gelehrigen und scharfsinnigem
Geiste, einem leicht fassenden und treuen Gedächtnisse, von höchst reinen
Sitten, einzig die Wahrheit liebend, an
göttlicher und menschlicher Wissenschaft überreich, hat er der Sonne gleich den
Erdkreis durch die Glut seiner Tugenden erwärmt und mit dem Glanz seiner Lehre
erfüllt. Es gibt kein Gebiet der Philosophie, das er nicht scharfsinnig und
zugleich gediegen behandelt hätte; seine Untersuchungen über die Gesetze des
Denkens, über Gott un die unkörperlichen Substanzen, über den Menschen und die
übrigen sinnlichen Dinge, über die menschlichen Handlungen und ihre Prinzipien
sind derart, daß in ihnen sowohl eine Fülle von Stoff, als passende Anordnung
der Teile, die zweckmäßigste Methode, Sicherheit der Grundsätze und Kraft der
Beweise, Klarheit und Genauigkeit im Ausdrucke wie nicht minder eine Leichtigkeit
sich findet, ach das Dunkelste aufzuhellen.
18 Hierzu kommt, daß der englische
Lehrer die philosophischen Schlussfolgerungen aus den Ideen und Prinzipien der
Dinge ableitete, welche von der weittragendsten Bedeutung sind und eine Saat
fast unendlich vieler Wahrheiten gewissermaßen in ihrem Schoße bergen, welche
die nachkommenden Lehrer zur gelegenen Zeit und in fruchtbringendster Weise
entfalten sollten. Da er diese Methode zu philosophieren auch bei Widerlegung
der Irrtümer der Vorzeit anwandte, so ist es ihm gelungen, daß er allein alle
Irrtümer der Vorzeit überwand und zur Widerlegung jener, welche in beständigem
Wechsel in Zukunft auftreten, unbesiegbare Waffen dargeboten hat. Indem er
außerdem genau, wie es ich gebührt, zwischen Vernunft und Glaube unterschied,
beide aber in einem Freundesbunde einte, hat er sowohl die Rechte beider
gewährt, al für beider Würde Sorge getragen, so zwar, daß die Vernunft, auf den
Flügeln des heiligen Thomas zu ihrer höchsten menschlichen Vollendung
emporgetragen, nun kaum mehr höher zu steigen vermag, noch der Glaube von der
Vernunft kaum weitere oder triftigere Beweise fordern kann, als er schon durch
Thomas erlangt hat.
19 Aus diesen Ursachen haben die gelehrtesten
Männer, besonders in der Vorzeit, die in Theologie und Philosophie rühmlich
hervorragen, mit unglaublichem Eifer die unsterblichen Werke des heiligen
Thomas gesammelt und von seiner englischen Weisheit sich nicht so fast
unterrichten, als vielmehr vollständig durchdringen lassen. Wie bekannt, haben
fast alle Gründer und Gesetzgeber der religiösen Orden ihren Mitgliedern
geboten, die Lehren des heiligen Thomas zu studieren und gewissenhaft
festzuhalten unter dem strengen Verbote für jeden, auch nur im geringsten von
den Fußstapfen dieses großen Mannes abzuwenden. Um den Orden der Dominicaner zu
übergeben, die dieses hervorragenden Meisters mit Recht als des Ihrigen sich
rühmen, sind die Benedictiner, Carmeliter, Augustiner, die Gesellschaft Jesu und
sehr viele andere Orden, wie die Statuten der einzelnen ausweisen, durch das
gleiche Gesetz verpflichtet.
20 Da gedenkt denn unser Geist mit
großer Freude jener so berühmten Akademien und Schulen, welche ehedem in Europa
blühten, jener von Paris nämlich, Salamanca, Alcala, Douay, Toulouse, Löwen,
Padua, Bologna, Neapel, Coimbra und vieler anderer. Daß der Ruf dieser
Akademien mit der Zeit gewissermaßen nur noch gewachsen ist, und ihre
Gutachten, welche man in schwierigen Fragen einholte, überallhin ein sehr
großes Ansehen genossen, ist jedermann bekannt. Es ist aber außer allem
Zweifel, daß Thomas an jenen großen Stätten der menschlichen Weisheit gleichsam
wie in seinem reiche thronte, und die Gemüter aller, sowohl der Lehrer wie der
Schüler, mit wunderbarer Übereinstimmung auf der Lehre und Autorität des Einen
englischen Lehrers ruhten.
21 Doch, was noch mehr ist, die
Römischen Päpste, Unsere Vorfahren, haben die Weisheit des heiligen Thomas von
Aquin durch ausgezeichnet Lobsprüche und glänzende Zeugnisse geehrt. Denn
Clemens VI.36, Nicolaus V.37, Benedict XIII.38 u. a.
bezeugen, durch seine wunderbare Lehre werde die ganze Kirche erleuchtet; der
heilige Pius V.39 aber gesteht, durch eben diese Lehren würden alle
Häresien zu Schanden gemacht, widerlegt und vernichtet und die ganze Erde mit
jedem Tage von verderblichen Irrtümern befreit; andere, wie Clemens
XII.40, bekennen, seine Schriften hätten für die
Gesamtkirche die reichsten Früchte getragen, und ihm sei gleiche Ehre zu
erweisen, wie sie den größten Kirchenlehrern , einem heiligen Gregorius des
Großen, Ambrosius, Augustinus und Hieronymus, gezollt wird. Andere endlich
nahmen keinen Anstand, ihn den Akademien und großen Lyceen als Vorbild und
Meister vorzustellen, dem sie sichern Schrittes folgen könnten. In dieser
Beziehung scheinen besonderer Erwähnung wert die Worte des seligen Papstes
Urbanus V. an die Akademie von Toulouse: Wir wollen und gebieten euch durch
Gegenwärtiges, daß ihr der Lehre des heiligen Thomas als einer wahrhaften und
katholischen folgt und euch mit allen Kräften bemüht, dieselbe zu
fördern41. Dem Beispiele Urbanus folgten Innocentius XII.42
bezüglich der Universität Löwen und Benedict XIV.43 gegenüber dem
Collegium des heiligen Dionysius zu Granada. Diesen Urteilen der größten Päpste
über Thomas von Aquin möge aber das Zeugnis Innocentius' VI. gleichsam die
Krone aufsetzen: Diese (des heiligen Thomas) Lehre zeichnet sich aus vor allen
andern, jenen der canonischen Bücher ausgenommen, durch Richtigkeit des
Ausdrucks, Maßhaltung in der Darstellung, Wahrheit der Lehrsätze, so daß, die
ihnen folgten, niemals auf einem Irrwege betroffen wurden, und wer sie angriff,
immer im Verdacht des Irrtums stand44.
22 Und selbst die allgemeinen
Kirchenversammlungen, auf denen die auserlesenen Geister aller Weltteile durch
Weisheit hervorragen, ließen es sich immer angelegen sein, den heiligen Thomas
in besonderen Ehren zu halten. Man kann sagen, daß in den Kirchenversammlungen
von Lyon, Vienne, Florenz, Vatikan der heilige Thomas zugegen war und nahezu
ihnen vorstanden und die Irrtümer der Griechen, Häretiker und Rationalisten mit
unwiderstehlicher Kraft und dem glücklichsten Erfolge bekämpfte. Aber ein
höchstes und ihm ganz eigentümliches Lob, das kein anderer katholischer
Theologe mit ihm teilt, ist ihm dadurch geworden, daß die Väter auf der
Kirchenversammlung zu Trient mitten im Versammlungssaale selbst zugleich mit
den Büchern der Heiligen Schrift und den Bestimmungen der Päpste die Summe des
heiligen Thomas auf dem Altare aufzulegen geboten, um aus ihr Rat, Beweisgründe
und Aufschlüsse zu schöpfen.
23 Auch die Ruhmespalme endlich schien dem unvergleichlichen Manne
vorbehalten zu sein, daß selbst die Feinde des katholischen Namens ihm
unfreiwillig ihre Huldigungen, Lobpreisungen und Bewunderung zollten. Es
unterliegt nämlich keinem Zweifel, daß unter den Führern der häretischen Sekten
es einige gab, welche öffentlich bekannten, sie würden, wäre nur einmal die
Lehre des heiligen Thomas von der Welt verschwunden, mit allen katholischen
Lehrern leicht den Kampf beginnen, siegen und die Kirche stürzen45
können. – Eine nichtige Hoffnung zwar, aber kein nichtiges Zeugnis.
24 Im Hinblick auf diese
Verhältnisse und Gründe, Ehrwürdige Brüder, so ost wir die Trefflichkeit, Kraft
und den vorzüglichen Nutzen jener philosophischen Wissenschaft erwägen, welche
unsere Altvordern liebten, halten Wir es für ein unbesonnenes Verfahren, daß
ihr die gebührende Ehre nicht immer noch überall gewahrt blieb, zumal da es
allgemein feststand, daß sowohl die beständige Gewohnheit als das Urteil der
bedeutendsten Männer, als auch, was die Hauptsache ist, die Gutheißung der
Kirche für die scholastische Philosophie sprachen. Und an die Stelle der alten
Schule trat hie und da eine neue Methode zu philosophieren, die jedoch nicht
die erwünschten und heilsamen Früchte trug, welche die Kirche und selbst die
bürgerliche Gesellschaft gern gesehen hätten. Infolge der Bestrebungen der
Neuerer des sechzehnten Jahrhunderts liebte man es zu philosophieren ohne jede
Rücksicht auf den Glauben, indem man sich die Freiheit wechselseitig herausnahm
und gewährte, alles Beliebige nach Willkür und Gutdünken vorzubringen. Als
nächste Folge hiervon ergab sich eine ungesunde Vervielfältigung der
philosophischen Systeme mit verschiedenen und sich widersprechenden
Anschauungen auch bezüglich der Gegenstände, welche für die menschliche Erkenntnis
die wichtigsten sind. Diese Menge von Ansichten führte sehr häufig zur
Ungewissheit und zu Zweifeln; wie leicht aber der menschliche Geist vom Zweifel
in den Irrtum sinkt, sieht jedermann ein. Diese Sucht nach Neuerung scheint, da
ein Nachahmungstrieb in der menschlichen Natur liegt, mancherorts auch den
Geist katholischer Philosophen angesteckt zu haben, da sie mit Hintansetzung
des Erbgutes der alten Weisheit es vorzogen, lieber Neues auszudenken, als das
Alte fortzubilden und zu vervollkommnen, was gewiß kein weiser Gedanke war,
noch ohne Schaden für die Wissenschaften. Denn diese mannigfaltigen
philosophischen Systeme haben ein
wankendes Fundament, da sie auf dem Ansehen und Gutdünken der einzelnen
Lehrer beruhen, und schaffen eben deswegen keine feste, dauernde und starke,
sondern nur eine wankende und oberflächliche Philosophie. Wenn sie daher kaum
den Angriffen der Feinde gewachsen ist, so hat sie hierfür sich selbst die
Ursache und Schuld zuzuschreiben. Was Wir hier sprechen, soll gewiß jenen
gelehrten und eifrigen Männern nicht zum Tadel gereichen, die ihren
Forscherfleiß und ihre Gelehrsamkeit und die Errungenschaften, welche die neuen
Erfindungen bieten, zum Ausbau der Philosophie verwenden; denn dies gehört, wie
Wir wohl wissen, zum Fortschritt der Wissenschaft. Aber wohl möge man sich
hüten, daß auf den Fleiß und jene Gelehrsamkeit nicht die ganze oder auch nur
die wichtigste Geistesarbeit sich beschränkt. Dasselbe gilt von der heiligen
Theologie, welche durch die Hilfe mannigfacher Gelehrsamkeit gefördert und
beleuchtet werden soll; durchaus aber ist es notwendig, sie in der ernsten,
gründlichen Weise der Scholastiker zu behandeln, damit sie die Kraft der
Offenbarung mit jener der Vernunft verbinde und so fortfahre, ein unbesiegbares
Bollwerk des Glaubens46 zu sein.
25 Es war daher ein sehr guter
Gedanke, daß nicht wenige unter denen, welche die philosophischen
Wissenschaften pflegen und in jüngster Zeit auf eine zweckmäßige Erneuerung der
Philosophie bedacht waren, dahin strebten und streben, die herrliche Lehre des
heiligen Thomas von Aquin wieder in Aufnahme zu bringen und ihr den frühern
Ruhm wieder zu verschaffen.
26 Daß mehrere Eurer Amtsgenossen,
Ehrwürdige Brüder, in gleicher Gesinnung denselben Weg betraten, haben Wir zur
großen Freude Unseres Herzens erfahren. Diesen spenden Wir sehr großes Lob und
mahnen sie zugleich, in dem begonnenen Werke auszuharren; alle übrigen aber aus
Euch erinnern Wir, daß Uns nichts so erwünscht ist und so sehr am Herzen liegt,
als daß Ihr alle aus dem reinsten Weisheitsstrome, welcher von dem englischen
Lehrer gleich einem fließenden reichen Quell ausgeht, der studierenden Jugend
in vollem und freigebigsten Maße mitteilt.
27 Es sind aber mehrere Ursachen,
warum wir dieses angelegentlichst wünschen. Und zwar erstens, da an in dieser
unserer Zeit den christlichen Glauben durch die Kunstgriffe und Arglist einer
trügerischen Weisheit zu bekämpfen pflegt, so müssen alle Jünglinge, namentlich
aber jene, welche zur Hoffnung der Kirche heranwachsen, zu dem Zwecke mit der
Speise einer kräftigen und gesunden Lehre genährt werden, damit sie, rüstig an
Geist und mit Waffen aller Art reichlich versehen, frühzeitig sich gewöhnen,
mit Nachdruck uns Weisheit die Sache der Religion zu vertreten, immer bereit,
wie der Apostel mahnt, zur Verantwortung gegen jeden, der von uns Rechenschaft
fordert über unsere Hoffnung47 und in der gesunden Lehre zu
unterrichten und die Widersprecher zu widerlegen48. Sodann behaupten
viele von denen, deren Gemüter dem Glauben entfremdet sind und die darum die
Einrichtungen der katholischen Kirche hassen, daß sie bloß der Leitung und
Führung der Vernunft folgen. Um diese nun von ihrem Irrtum zu heilen und mit dem
katholischen Glauben zu versöhnen, ist nach unserem Dafürhalten außer dem
übernatürlichen Beistande Gottes nicht so sehr geeignet als die gründliche
Lehre der Väter und Scholastiker, welche die unerschütterlichen Fundamente des
Glaubens, dessen göttlichen Ursprung, seine gewisse Wahrheit, die Gründe, welche denselben erhärten, die Wohltaten, die
durch ihn dem menschlichen Geschlechte zu Teil geworden, dessen vollständige
Übereinstimmung mit der Vernunft so augenscheinlich und nachdrücklich dartun,
daß nichts zu wünschen übrig bleibt, um selbst die noch so sehr widerstrebenden
und dagegen ankämpfenden Geister zu bewegen.
28 Auch die häusliche und selbst
die bürgerliche Gesellschaft, welche, wie wir alle wohl einsehen, durch das
Gift verderblicher Meinungen in höchster Gefahr schwebt, würde ohne Zweifel
viel mehr Ruhe und Sicherheit gewinnen, wenn auf den Akademien und in den
Schulen eine gesündere und dem kirchlichen Glauben mehr entsprechende Lehre
vorgetragen würde, wie sie die Werke des heiligen Thomas von Aquin enthalten.
29 Denn was der heilige Thomas über
die wahre Natur der Freiheit, welche in unseren Tagen in Zügellosigkeit
ausgeartet ist, über den göttlichen Ursprung jedweder Autorität, über die
Gesetze und ihre Kraft, über die väterliche und heilige und billige Gewalt der
höchsten Obrigkeit, über den Gehorsam, den wir den höheren Gewalten schulden,
über die gegenseitige Liebe, was er über diese und verwandte Gegenstände lehrt,
hat eine äußerst starke und unbesiegbare Beweiskraft, zur Widerlegung aller
jener Grundsätze des neuen Rechtes, welche der Ruhe des Gemeinwesens und dem
öffentlichen Wohle als schädlich sich erweisen. Alle menschlichen
Wissenschaften endlich müssen im voraus auf Fortschritt hoffen und haben sich
eine ganz bedeutende Förderung von dieser Erneuerung der philosophischen
Disziplinen zu versprechen, die Wir Uns als Aufgabe gesetzt haben. Denn von der
Philosophie als von einer weisen Führerin pflegen die schönen Wissenschaften
ihre wahre Bedeutung und das richtige Maß zu empfangen und aus ihr, wie aus
einer gemeinsamen Lebensquelle, den
beseelenden Hauch zu schöpfen. Die Tatsachen und beständige Erfahrung beweisen,
daß die schönen Wissenschaften dann am meisten blühten, als der Philosophie die
volle Ehre gegeben wurde und sie selbst sich ein gesundes Urteil gewahrt hatte;
daß sie aber vernachlässigt und fast vergessen wurden, wenn die Philosophie
daniederlag und in Irrtümer oder Torheiten versank. Darum werden auch die
Naturwissenschaften, die man so schätzt und welche überall zu ihrer Bewunderung
hinreißen, durch die Wiederherstellung der Philosophie der Alten nicht bloß
keinen Nachteil erleiden, sondern sehr viel gewinnen. Denn zu dem fruchtbaren
Betriebe derselben und deren Fortschritt genügt nicht die bloße Erkenntnis der
Tatsachen und Betrachtung der Natur; vielmehr hat sie, stehen einmal die
Tatsachen fest, weiter vorzudringen und sorgfältig nach dem Wesen der
körperlichen Dinge zu forschen, die Gesetze zu untersuchen, denen sie folgen,
und die obersten Ursachen, aus denen die Ordnung derselben, die Einheit in der
Mannigfaltigkeit, und die gegenseitige Verwandtschaft in der Verschiedenheit
hervorgeht. Zu solchen Forschungen wird die scholastische Philosophie, wenn sie
in verständiger Weise betrieben wird, überraschend viel beitragen, Licht und
Hilfsmittel gewähren.
30 Hierbei wollen Wir nicht
vergessen zu erinnern, daß man in höchst ungerechter Weise dieser Philosophie
es zum Vorwurfe gemacht hat, als ob sie dem Fortschritt der Naturwissenschaften
und dem Gedeihen entgegen sei. Denn da die Scholastiker im Anschlusse an die
Anschauung der Väter in der Anthropologie gemeinhin lehrten, daß die
menschliche Intelligenz nur auf Grund der Sinnenwelt zur Erkenntnis der körper-
und stofflosen Wesen sich erhebt, so drängte sich ihnen von selbst die
Erkenntnis auf, daß nicht so vorteilhaft für den Philosophen sei, als die
Geheimnisse der Natur fleißig zu erforschen und mit dem Studium der
Naturerscheinungen sich lange und viel zu beschäftigen. Dies haben sie auch
durch die Tat bewiesen; denn der heilige Thomas, der große selige Albertus und
die übrigen hervorragenden Scholastiker haben sich nicht derart der
philosophischen Betrachtung hingegeben, daß sie nicht auch vielen Fleiß auf die
Naturforschung verwandt hätten; wir haben vielmehr auf diesem Gebiete nicht
wendige Aussprüche und Grundsätze von ihnen, welche die neuern Meister in
dieser Wissenschaft anerkannt und als richtig bezeichnen. Außerdem bezeugen
gerade in der Gegenwart mehrere und zwar
hervorragende Kenner der Naturwissenschaften offen und ungescheut, daß zwischen
dem gewissen und feststehenden Sätzen der neueren Physik und den
philosophischen Prinzipien der Scholastik kein eigentlicher Gegensatz bestehe.
31 Indem Wir daher erklären, daß
Wir gern und dankbar aufnehmen, was immer Weises gesagt, was immer Nützliches
von irgend jemand gefunden oder erdacht worden ist, ermahnen Wir dringend Euch
alle, Ehrwürdige Brüder, zum Schutz und Schmuck der katholischen Lehre, zum
Besten der Gesellschaft, zum Wachstum aller Wissenschaften die goldene Weisheit
des heiligen Thomas wieder einzuführen und so weit als möglich zu verbreiten.
Die Weisheit des heiligen Thomas sagen Wir; denn wenn Scholastiker in manchem
zu spitzfindig waren oder anders von ihnen weniger vorsichtig gelehrt worden
ist, wenn etwas mit den ausgemachten Lehrsätzen der späteren Zeit weniger
übereinstimmt, oder endlich in welcher Weise dies nur immer sein mag, unhaltbar
sich zeigt, so gedenken Wir das keineswegs unserer Zeit zur Nachfolge
vorzuhalten. Im übrigen mögen die Lehrer, die Ihr mit Umsicht auswählet, sich
bestreben, die Lehren des heiligen Thomas dem Geiste ihrer Schüler
einzupflanzen, und seine ganz besondere Gründlichkeit und Vorzüglichkeit recht anschaulich
zu machen. Die Akademien, die Ihr errichtet habt oder noch errichten werdet,
sollen sie erläutern und Verteidigen und zur Widerlegung der um sich greifenden
Irrtümer von ihr Gebrauch machen. Damit aber nicht eine unterschobene statt er
echten und eine entstellte statt der lautern aufgenommen wird, traget Sorge
dafür, daß die Weisheit des heiligen Thomas aus deren Quellen selbst geschöpft
werde, oder wenigstens aus solchen Bächen, welche nach dem gewissen und
einstimmigen Urteile der Gelehrten aus den Quellen selbst geflossen und daher
rein und ungetrübt geblieben sind; daher sorget dafür, daß die Gemüter der
Jünglinge von jenen ferngehalten werden,
welche als daraus geflossen ausgegeben werden, in der Tat aber mit fremdem und
Ungesundem Wasser vermischt ist.
32 Wir wissen aber wohl, daß Unsere
Bestrebungen eitel sind, wenn Unserem gemeinsamen Beginnen, Ehrwürdige Brüder,
der seinen Beistand nicht verleiht, der in der Heiligen Schrift49 der
Gott der Wissenschaften genannt wird. Dieselbe erinnert auch, daß jede gute
Gabe und jedes vollkommene Geschenk von oben herab, vom Vater des Lichtes
ist50. Und wieder: Fehlt es jemand an Weisheit, der erbitte sie von
Gott, welcher allen sie reichlich gibt und es nicht vorrückt, und sie wird ihm
gegeben werden51.
33 Folgen Wir darum auch hierin dem
Beispiele des englischen Lehrers, der niemals dem Lesen oder Schreiben sich
hingab, ohne vorher Gott um seine Gnade angefleht zu haben, und der offen
eingestand, was er wisse, das habe er nicht so fast durch seine Mühe und Arbeit
sich errungen, als vielmehr von Gott empfangen; darum lasst uns in demütigem
und einstimmigem Gebete alle zumal Gott anflehen, daß er aussende über die
Söhne der Kirche den Geist der Weisheit und des Verstandes, und ihnen den Sinn
öffne, die Weisheit zu verstehen. Und um noch reichere Früchte der göttlichen
Barmherzigkeit zu erlangen, rufet auch die allerseligste Jungfrau Maria, welche
Sitz der Weisheit genannt wird, um ihren höchst wirksamen Beistand bei Gott an;
zugleich stehet um ihre Fürbitte zu dem reinsten Bräutigam der Jungfrau, dem
heiligen Joseph, und zu den großen Aposteln Petrus und Paulus, welche den
Erdkreis, der von der unreinen Seuche der Irrtümer verpestet war, durch die
Wahrheit wieder erneuert und mit dem Licht himmlischer Weisheit erfüllt haben.
34 So erteilen Wir denn in der Hoffnung auf den göttlichen
Beistand und im Vertrauen auf Eure Hirtensorge von ganzem Herzen den apostolischen
Segen im Herrn, als Vorboten himmlischer Gaben und Zeugnis Unseres besonderen
Wohlwollens, Euch allen, Ehrwürdige Brüder, und dem gesamten Clerus, sowie dem
Euch anvertrauten Volke.
Gegeben zu Rom bei St. Peter,
den 4. August des Jahres 1879,
dem zweiten Unseres
Pontifikates.
LEO PP. XIII.
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