Die Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten
die Abhänge eines der reizendsten Täler der Woiwodschaft Sendomir.
Wie zum Scheidekuß ruhten sie auf den Mauern des an der Ostseite
fensterreich und wohnlich prangenden Klosters, als eben zwei Reiter, von
wenigen Dienern begleitet, den Saum der gegenüberliegenden Hügelkette
erreichten, und, von der Vesperglocke gemahnt, nach kurzem, betrachtendem Verweilen,
ihre Pferde in schärfern Trott setzten, taleinwärts, dem Kloster zu.
Die
Kleidung der späten Gäste bezeichnete die Fremden.
Breitgedrückte, befiederte Hüte, das Elenkoller vom dunklen
Brustharnisch gedrückt, die straffanliegenden Unterkleider und hohen
Stulpstiefeln erlaubten nicht, sie für eingeborne Polen zu halten. Und so
war es auch. Als Boten des deutschen Kaisers zogen sie, selbst Deutsche, an den
Hof des kriegerischen Johann Sobiesky, und, vom Abend überrascht, suchten
sie Nachtlager in dem vor ihnen liegenden Kloster.
Das
bereits abendlich verschlossene Tor ward den Einlaßheischenden
geöffnet, und der Pförtner hieß sie eintreten in die
geräumige Gaststube, wo Erfrischung und Nachtruhe ihrer warte; obgleich,
wie er entschuldigend hinzusetzte, der Abt und die Konventualen, bereits zur
Vesper im Chor versammelt, sich für heute die Bewillkommnung so werter
Gäste versagen müßten. Die Angabe des etwas mißtrauisch
blickenden Mannes ward durch den eintönigen Zusammenklang halb sprechend,
halb singend erhobener Stimmen bekräftigt, die, aus dämpfender Ferne
durch die hallenden Gewölbe sich hinwindend, den Chorgesang einer
geistlichen Gemeine deutlich genug bezeichneten.
Die
beiden Fremden traten in das angewiesene Gemach, welches, obgleich, wie das
ganze Kloster, offenbar erst seit kurzem erbaut, doch altertümliche
Spitzformen mit absichtlicher Genauigkeit nachahmte. Weniges, doch
anständiges Geräte war rings an den
Wänden verteilt. Die hohen Bogenfenster gingen ins Freie, wo der in Osten
aufsteigende Mond, mit der letzten Abendhelle kämpfend, nur sparsame
Schimmer auf die Erhöhungen des hüglichten Bodens warf, indes in den
Falten der Täler und unter den Bäumen des Forstes sich allgemach die
Nacht mit ihrem dunkeln Gefolge lagerte, und stille Ruhe, hold vermischend,
ihren Schleier über Belebtes und Unbelebtes ausbreitete.
Die
eigenen Diener der Ritter trugen Wein auf und Abendkost. Ein derbgefügter
Tisch, in die Brüstung des geöffneten Bogenfensters gerückt,
empfing die ermüdeten Gäste, die, auf hohe Armstühle gelagert,
sich bald an dem zauberischen Spiele des Mondlichtes ergötzten, bald, zu
Wein und Speise zurückkehrend, den Körper für die Reise des
nächsten Tages stärkten.
Eine Stunde mochte auf diese Art vergangen sein. Die Nacht
war vollends eingebrochen, Glockenklang und Chorgesang längst verstummt.
Die zur Ruhe gesendeten Diener hatten eine düsterbrennende Ampel, in der
Mitte des Gemaches hängend, angezündet, und noch immer saßen
die beiden Ritter am Fenster, im eifrigen Gespräch; vielleicht vom Zweck
ihrer Reise, offenbar von Wichtigem. Da pochte es mit kräftigem Finger an
die Türe des Gemaches, und ehe man noch, ungern die Rede unterbrechend, mit
einem: Herein! geantwortet, öffnete sich diese,
und eine seltsame Menschengestalt trat ein, mit der Frage: ob sie Feuer
bedürften?
Der
Eingetretene war in ein abgetragenes, an mehreren
Stellen geflicktes Mönchskleid gehüllt, das sonderbar genug gegen den
derben, gedrungenen Körperbau abstach. Obgleich von Alter schon etwas
gebeugt und mehr unter als über der Mittelgröße, war doch ein
eigener Ausdruck von Entschlossenheit und Kraft über sein ganzes Wesen
verbreitet, so daß, die Kleidung abgerechnet, der Beschauer den Mann eher
für alles, als für einen friedlichen Sohn der Kirche erkannt
hätte. Haar und Bart, vormals augenscheinlich
rabenschwarz, nun aber überwiegend mit Grau gemischt und, trotz ihrer
Länge, stark gekräuselt, drängten sich in dichter Fülle um
Stirne, Mund und Kinn. Das Auge, klösterlich gesenkt, hob sich nur
selten; wenn es aber aufging, traf es wie ein Wetterschlag, so grauenhaft
funkelten die schwarzen Sterne aus den aschfahlen Wangen, und man fühlte
sich erleichtert, wenn die breiten Lider sie wieder bedeckten. So beschaffen
und so angetan, trat der Mönch, ein Bündel Holz unter dem Arme, vor
die Fremden hin, mit der Frage: ob sie Feuer bedürften?
Die
beiden sahen sich an, erstaunt ob der seltsamen Erscheinung. Indessen kniete der
Mönch am Kamine nieder und begann Feuer anzumachen, ließ sich auch
durch die Bemerkung nicht stören, daß man gar nicht friere, und
seine Mühe überflüssig sei. Die Nächte würden schon
rauh, meinte er und fuhr in seiner Arbeit fort. Nachdem er sein Werk vollendet,
und das Feuer lustig brannte, blieb er ein paar Augenblicke am Kamin stehen,
die Hände wärmend, dann, ohne sich scheinbar um die Fremden zu
bekümmern, schritt er schweigend der Türe zu.
Schon
stand er an dieser und hatte die Klinke in der Hand,
da sprach einer der Fremden: »Nun Ihr einmal hier seid, ehrwürdiger
Vater« -
»Bruder!«
fiel der Mönch, wie unwillig, ein, und ohne sich umzusehen, blieb er, die
Stirn gegen die Türe geneigt, am Eingange stehen.
»Nun
denn also, ehrwürdiger Bruder!« fuhr der Fremde fort, »da Ihr
schon einmal hier seid, so gebt uns Aufschluß über einiges, das wir
zu wissen den Wunsch hegen.«
»Fragt!«
sprach, sich umwendend, der Mönch.
»So
wißt denn«, sagte der Fremde, »daß uns die herrliche
Lage und Bauart Eures Klosters mit Bewunderung erfüllt hat, vor allem
aber, daß es so neu ist und vor kurzem erst aufgeführt zu sein
scheint.«
Die
dunkeln Augen des Mönches hoben sich bei dieser Rede und hafteten mit
einer Art grimmigen Ausdruckes auf dem Sprechenden.
»Die
Zeiten sind vorüber«, fuhr dieser fort, wo die Errichtung solcher
Werke der Frömmigkeit nichts Seltenes war. Wie lange steht das Kloster?«
»Wißt
Ihr es vielleicht schon?« fragte, zu Boden blickend, der Mönch,
»oder wißt Ihr es nicht?«
»Wenn
das erstere, würde ich fragen?« entgegnete der Fremde.
»Es
trifft sich zuweilen«, murmelte jener. »Drei Jahre steht dies
Kloster. Dreißig Jahre!« fügte er
verbessernd hinzu und sah nicht auf vom Boden.
»Wie
aber hieß der Stifter?« fragte der Fremde weiter. »Welch
gottgeliebter Mann?« - Da brach der Mönch
in ein schmetterndes Hohngelächter aus. Die Stuhllehne, auf die er sich
gestützt hatte, brach krachend unter seinem Druck zusammen; eine
Hölle schien in dem Blicke zu flammen, den er auf die Fremden richtete,
und plötzlich gewendet, ging er schallenden Trittes zur Türe hinaus.
Noch
hatten sich die beiden von ihrem Erstaunen nicht erholt, da ging die Türe
von neuem auf, und derselbe Mönch trat ein. Als ob nichts vorgefallen
wäre, schritt er auf den Kamin zu, lockerte mit dem Störeisen das
Feuer auf, legte Holz zu, blies in die Flamme. Darauf sich umwendend, sagte er:
»Ich bin der mindeste von den Dienern dieses Hauses. Die niedrigsten
Dienste sind mir zugewiesen. Gegen
Fremde muß ich gefällig sein, und antworten, wenn sie fragen.
Ihr habt ja auch gefragt? Was war es nur?«
»Wir
wollten über die Gründung dieses Klosters Auskunft einholen«,
sprach der ältere der beiden Deutschen, »aber Eure sonderbare
Weigerung« -
»Ja,
ja!« sagte der Mönch, »Ihr seid Fremde, und kennet Ort und
Leute noch nicht. Ich möchte gar zu gerne Eure törichte Neugierde
unbefriedigt lassen, aber dann klagt Ihrs dem Abte, und der schilt mich wieder,
wie damals, als ich dem Palatin von Plozk an die Kehle griff, weil er meiner
Väter Namen schimpfte. Kommt Ihr von Warschau?«
fuhr er nach einer kleinen Weile fort.
»Wir
gehen dahin«, antwortete einer der Fremden.
»Das
ist eine arge Stadt«, sagte der Mönch, indem er sich setzte.
»Aller Unfrieden geht von dort aus. Wenn der Stifter dieses Klosters nicht nach Warschau kam, so
stiftete er überhaupt kein Kloster, es gäbe keine Mönche hier,
und ich wäre auch keiner. Da Ihr nicht von dorther kommt, mögt
Ihr rechtliche Leute sein, und, alles betrachtet, will ich Euch die Geschichte
erzählen. Aber unterbrecht mich nicht und fragt nicht weiter,
wenn ich aufhöre. Am Ende sprech ich selbst gerne wieder
einmal davon. Wenn nur nicht so viel Nebel dazwischen läge, man
sieht kaum das alte Stammschloß durchschimmern - und der Mond scheint
auch so trübe.« - Die letzten Worte
verloren sich in ein unverständliches Gemurmel, und machten endlich einer
tiefen Stille Platz, während welcher der Mönch, die Hände in die
weiten Ärmel gesteckt, das Haupt auf die Brust gesunken, unbeweglich da
saß. Schon glaubten die beiden, seine Zusage habe ihn gereut, und wollten
kopfschüttelnd sich entfernen; da richtete er sich plötzlich mit
einem verstärkten Atemzuge empor; die vorgesunkene Kapuze fiel
zurück; das Auge, nicht mehr wild, strahlte in fast wehmütigem
Lichte; er stützte das dem Mond entgegengewendete Haupt in die Hand und
begann:
»Starschensky
hieß der Mann, ein Graf seines Stammes, dem gehörte die weite
Umgegend und der Platz, wo dies Kloster steht. Damals war aber noch kein
Kloster. Hier ging der Pflug; er selber hauste dort
oben, wo jetzt geborstene Mauern das Mondlicht zurückwerfen. Der Graf war nicht schlimm, wenn auch gerade nicht gut. Im
Kriege hieß man ihn tapfer; sonst lebte er still und abgeschieden im
Schlosse seiner Väter. Über eines wunderten sich die Leute am
meisten: nie hatte man ihn einem weiblichen Wesen mit Neigung zugetan gesehen,
sichtlich vermied er den Umgang mit Frauen. Er galt daher für einen
Weiberfeind; doch war er keiner. Ein von Natur schüchterner Sinn, und -
laßt sehn ob ichs treffe!« sagte der
Mönch, indem er sich aufrichtete - »ein über alles gehendes
Behagen am Besitz seiner selbst, hatte ihm bis dahin keine Annäherung
erlaubt. Abwesenheit von Unlust war ihm Lust. - Habt Ihr noch Wein übrig? Gebt mir einen Becher! Der
Graf war so schlimm nicht.«
Der
Mönch trank, dann fuhr er fort: »So lebte Starschensky, so gedachte
er zu sterben; doch war es ihm anders bestimmt. Ein Reichstag rief ihn nach Warschau. Unwillig über die
Verkehrtheit der Menge, deren jeder nur sich wollte, wo es das Wohl des Ganzen
galt, ging er eines Abends durch die Straßen der Stadt; schwarze
Regenwolken hingen am Himmel, jeden Augenblick bereit, sich zu entladen,
dichtes Dunkel ringsum. Da hörte er plötzlich hinter sich eine
weibliche Stimme, die zitternd und schluchzend ihn anspricht: Wenn Ihr ein
Mensch seid, so erbarmt Euch eines Unglücklichen! Rasch umgewendet,
erblickt der Graf ein Mädchen, das bittend ihm die Hände
entgegenstreckt. Die Kleidung schien ärmlich, Hals und Arme schimmerten
weiß durch die Nacht. Der Graf folgt der Bittenden.
Zehn Schritte gegangen, tritt sie in eine Hütte,
Starschensky folgt, und bald steht er mit ihr allein auf dem dunkeln Flur.
Eine warme, weiche Hand ergreift die seinige. - Seid
Ihr Ordensritter?« unterbrach sich der
Mönch, zu dem Jüngeren der Fremden gewendet. »Was bedeutet das
Kreuz auf Eurem Mantel?« - »Ich bin
Malteser«, entgegnete dieser. - »Ihr auch?«
wendet der Mönch sich zum zweiten. - »Keineswegs«, war die
Antwort. - »Habt ihr Weib und Kinder?« -
»Beides hatt' ich nie.« - »Wie alt
seid Ihr?« - »Fünfundvierzig.« - »So! so!«
murmelte kopfnickend der Mönch. Dann fuhr er fort:
»Ein
bis dahin unbekanntes Gefühl ergriff den Grafen bei der Berührung der
warmen Hand. Sie erzählen ein morgenländisches Märchen von
einem, dem plötzlich die Gabe verliehen ward, die Sprache der Vögel
und andern Naturwesen zu verstehen, und der nun, im Schatten liegend am
Bachesrand, mit freudigem Erstaunen rings um sich überall Wort und Sinn
vernahm, wo er vorher nur Geräusch gehört und Laute. So erging es dem Grafen. Eine neue Welt stand vor ihm auf,
und bebend folgte er seiner Führerin, die eine kleine Türe
öffnete, und mit ihm in ein niederes, schwacherleuchtetes Zimmer trat.
Der erste Strahl des Lichtes fiel auf das Mädchen.
Starschenskys innerstes Wesen jubelte auf, daß die Wirklichkeit gehalten,
was die Ahnung versprach. Das Mädchen war schön,
schön in jedem Betracht. Schwarze Locken ringelten sich um Stirn
und Nacken, und erhoben, mit der gleichgefärbten Wimper, bis zum Sonderbaren
den Reiz des hellblau strahlenden Auges. Der Mund mit üppig aufgeworfenen,
beinahe zu hochroten Lippen, ward keineswegs durch eine kleine Narbe entstellt,
die, als schmale, weißlich gefärbte Linie
schräg abwärts laufend, sich in den Karmin der Oberlippe verlor.
Grübchen in Kinn und Wangen; Stirn und Nase, wie vielleicht gerade der
Maler sie nicht denkt, wie sie aber meinen Landsmänninnen wohl stehen,
vollendeten den Ausdruck des reizenden Köpfchens und standen in
schönem Einklange mit den Formen eines zugleich schlank und voll gebauten
Körpers, dessen üppige Schönheit die ärmliche Hülle
mehr erhob als verbarg. - Nicht wahr, davon wißt Ihr nichts, Malteser? Ja, ja, bei dem alten Mönch rappelts einmal wieder!
Laßt uns noch eins trinken! - So, und nun gut.
Der
Graf stand verloren im Anschaun des Mädchens und bemerkte kaum, daß
in einem Winkel der Hütte, auf moderndes Stroh gebettet, einen zerrissenen
Sattel statt des Kissens unter dem Kopfe, mit Lumpen bedeckt, die Jammergestalt
eines alten Mannes lag, der jetzt die Hand aus seinen ärmlichen
Hüllen hervorstreckte, und mit erloschener Stimme fragte: Bist dus, Elga? Wen bringst du mir da? - Hier der Unglückliche, sprach
das Mädchen zu Starschensky gewendet, für den ich, durch
äußerste Not getrieben, Euer Mitleid
ansprach. Er ist mein Vater, ein Edelmann von altem
Stamm und Adel, durch Verfolgung bis hierher gebracht. - Damit ging sie hin,
und am Lager des Greises niedergekauert, suchte sie,
durch Zurechtrücken und Ausbreiten, in die Lumpen, die ihn bedeckten,
einen Schein von Anständigkeit und Ordnung zu bringen.
Der Graf trat näher. Er erfuhr die Geschichte. Der vor ihm lag, war der Starost von Laschek. Er und seine
zwei Söhne hatten sich in politische Verbindungen eingelassen, die das
Vaterland mißbilligte. Ihre Anschläge wurden
entdeckt. Die beiden Söhne samt einigen Unvorsichtigen, die mit
ihnen gemeinsame Sache gemacht, traf Verbannung; der Vater, seiner Güter
beraubt, war im Elend.
Im
ersten Augenblicke, als Starschensky den Namen Laschek
hörte, wußte er auch schon, daß die Lage des
Unglücklichen nicht ganz unverschuldet war. Denn, wenn er auch einer
unmittelbaren Teilnahme an den Anschlägen seiner Söhne nicht geradezu
überwiesen werden konnte, so hatte er doch durch Leichtsinn in der Jugend
und üble Wirtschaft im vorgerückten Alter seinen Söhnen die
rechtlichen Wege des Emporkommens schwierig, und Wagnisse willkommen gemacht.
All dies war dem Grafen nicht verborgen. Aber es galt einen Unglücklichen
zu retten, und Elgas Vater hatte den beredtesten Fürsprecher bei dem
Entbrannten für seine Tochter.
Laschek
ward in eine anständige Wohnung gebracht, er und seine Tochter mit dem
Notwendigen versehen. Starschensky verwendete seinen Einfluß, seine
Verbindungen, er ließ sich bis zu Geld und Geschenken herab, um die
Wiederherstellung des Entsetzten, die Rückberufung der Verbannten zu
erwirken. Glücklicherweise waren die äußeren Verhältnisse
längst vorüber, welche die Anschläge jener Unvorsichtigen
gefährlich gemacht hatten. Verzeihung ward bewilligt; die Verwiesenen
rüsteten sich zur Heimkehr. Mehrere der Unglücksgenossen hatten,
ihrem Leichtsinne treu, Dienste in fremden Landen genommen; nur Lascheks beide
Söhne und ein entfernter Verwandter des Hauses, Oginsky genannt, machten
Gebrauch von der schwer erlangten Erlaubnis. Täglich
erwartete man ihre Ankunft.
Die
Wiedergabe von Lascheks eingezogenen Gütern zeigte sich indes als wenig Nutzen bringend. Täglich
erschienen neue Gläubiger. Hauptstock und rückständige
Zinsen verschlangen weit den Wert des vorhandenen Unbeweglichen. Starschensky
trat ins Mittel, bezahlte, verschuldete seine eigenen Güter und konnte
dennoch kaum einen geringen Rest der Stamm-Besitzungen, als ein Pfropfreis für
die Zukunft, retten.
Glücklicher schien er mittlerweile in seinen Bewerbungen um
Elgas Herz. Als das Mädchen sich zum
erstenmale wieder in anständigen Kleidern erblickte, flog sie ihm beim
Eintritte aufschreiend entgegen, und ein lange nachgefühlter Kuß von
ihren brennenden Lippen lohnte seine Vorsorge, sein Bemühn. Dieser erste Kuß blieb freilich vorderhand auch der letzte,
nichtsdestoweniger durfte sich aber doch Starschensky mit der Hoffnung
schmeicheln, ihrem Herzen nicht gleichgültig zu sein. Sie war gern
in seiner Gesellschaft, sie bemerkte und empfand seine Abwesenheit. Oft
überraschte er ihr Auge, das gedankenvoll und betrachtend auf ihn geheftet
war; ja einigemale konnte er nur durch schnelles
Zurückziehen verhindern, daß nicht ein Kuß, den er gar zu
gerne seinen Lippen gegönnt hätte, auf seine Hand gedrückt
wurde. Er war voll der schönsten Hoffnungen. Doch mit einemmale
änderte sich die Szene. Elga ward düster und nachdenkend. Wenn sonst
ihre Neigung für Zerstreuungen, für Kleiderzier und Lebensgenuß
sich aufs bestimmteste aussprach, und manchmal hart an
die Grenzen des Zuviel zu streifen schien, so mied sie jetzt die Gesellschaft. Streitende Gedanken jagten ihre Wolken über die
schöngeglättete Stirne; das getrübte Auge sprach von
Tränen, und nicht selten drängte sich ein einzelner der
störenden Gäste unter der schnellgesenkten Wimper hervor.
Starschensky bemerkte, wie der Vater sie dann ernst,
beinahe drohend anblickte, und eine erkünstelte Heiterkeit das Bestreben
des Mädchens bezeichnete, einen heimlichen Kummer zu unterdrücken.
Einmal, rasch durchs Vorgemach auf die Türe des Empfangszimmers
zuschreitend, hörte Starschensky die Stimme des Starosten, der aufs
heftigste erzürnt schien und sich sogar ziemlich gemeiner Ausdrücke
bediente. Der Graf öffnete die Türe und sah ringsum, erblickte aber
kein drittes; nur die Tochter, die nicht weinend und höchst erhitzt, vom
Vater abgekehrt, im Fenster stand. Ihr mußten jene
Scheltworte gegolten haben. Da ward es fester Entschluß in der
Seele des Grafen, durch eine rasche Werbung um Elgas Hand, der marternden
Ungewißheit des Verhältnisses ein Ende zu machen.
Während
er sich kurze Frist zur Ausführung dieses Vorsatzes nahm und Elgas vorige
Heiterkeit nach und nach zurückkehrte, langten die aus der Verbannung
heimberufenen Angehörigen an. Elga schien weniger Freude über den
Wiederbesitz der so lange entbehrten Brüder zu empfinden, als der Graf
vorausgesetzt hatte. Am auffallendsten aber war ihre schroffe Kälte, um es
nicht Härte zu nennen, gegen den Gefährten von ihrer Brüder
Schuld und Strafe, den armen Vetter Oginsky, den sie kaum eines Blickes
würdigte. Gut gebaut und wohl aussehend, wie er war, schien er eine solche
Abneigung durch nichts zu verdienen; vielmehr war in seinem beinahe zu
unterwürfigen Benehmen das Streben sichtbar, sich um die gute Meinung von
jedermann zu bewerben. Keine Härte konnte ihn
aufbringen; nur schien ihm freilich jede Gelegenheit erwünscht, sich der
beinahe verächtlichen Behandlung Elgas zu entziehen. Zuletzt
verschwand er ganz, und niemand wußte, wo er
hingekommen war.
Nun
endlich trat der Graf mit seiner Bewerbung hervor, der alte Starost weinte
Freudentränen, Elga sank schamerrötend und sprachlos in seine Arme,
und der Bund war geschlossen. Laute Feste verkündeten
der Hauptstadt Starschenskys Glück, und wiederholte, zahlreich besuchte
Feste versicherten ihn der allgemeinen Teilnahme. Durch eine
Ehrenbedienstung am Hofe festgehalten, lernte er bald sich in Geräusch und
Glanz fügen, ja wohl gar daran Vergnügen finden, wenigstens insoweit
Elga es fand, deren Geschmack für rauschende Lustbarkeiten sich immer
bestimmter aussprach. Aber war sie nicht jung, war sie
nicht schön? Hatte nicht, nach langen Unfällen, jede Lust für
sie den doppelten Reiz, als Lust und als neu? Der Graf gewährte und war glücklich. Nur eines
fehlte, um ihn ganz selig zu machen: schon war ein volles Jahr seit seiner
Vermählung verstrichen, und Elga gab noch keine Hoffnung Mutter zu werden.
Doch
plötzlich ward der Rausch des Glücklichen auf eine noch weit
empfindlichere Weise gestört. Starschenskys Hausverwalter, ein als redlich erprobter Mann, erschien, trübe Wolken auf
der gefurchten Stirn. Man schloß sich ein, man rechnete, man verglich,
und es zeigte sich bald nur zu deutlich, daß durch das, was für
Elgas Verwandte geschehen war, durch den schrankenlosen Aufwand der letzten
Zeit, des Grafen Vermögensstand erschüttert
war und schleunige Vorsorge erheischte. Das Schlimmste zu
dieser Verwirrung hatten Elgas Brüder getan. Wie denn
überhaupt das Unglück nur Besserungsfähige bessert, so war die
alles verschlingende Genußliebe des leichtfertigen Paares durch die lange Entbehrung nur noch gieriger geworden. Auf die Kasse
des Grafen mit ihrem Unterhalte angewiesen, hatten sie den
überschwenglichsten Gebrauch von dieser Zugestehung gemacht, und nachdem
der in Seligkeit schwimmende Graf auf die ersten Anfragen seiner besorgten
Geschäftsleute ungeduldig die Antwort erteilt hatte: man solle es nicht zu
genau nehmen und seinen Schwägern geben was sie bedurften, war bald des
Forderns und Nehmens kein Ende.
Der
Graf übersah mit einem Blicke das Bedenkliche seiner Lage und,
ordnungsliebend wie er war, hatte für ihn ein rasches Umkehren von dem
eingeschlagenen Taumelpfade nichts Beängstigendes. Nur der Gedanke an Elga
machte ihm bange. Wird das heitere, in unbefangenem Frohsinn
so gern hinschwebende Wesen -? Aber es mußte sein, und der Graf
tat, was er mußte. Mit klopfendem Herzen trat er in
Elgas Gemach. Aber wie angenehm ward er überrascht, als, da er kaum
die Verhältnisse auseinandergesetzt und die Notwendigkeit geschildert
hatte, die Stadt zu verlassen, um auf eigener Scholle den Leichtsinn der
letztverflossenen Zeit wieder gut zu machen, als bei der ersten Andeutung schon
Elga an seine Brust stürzte, und sich bereitwillig und erfreut
erklärte. Was er wolle, was er gebiete, sie werde nur gehorsam sein! Dabei stürzten Tränen aus ihren Augen, und sie wäre
zu seinen Füßen gefallen, wenn er es nicht verhindert, sie nicht
emporgehoben hätte zu einer langen, Zeit und Außenwelt aufhebenden
Umarmung.
Alle Anstalten zur Abreise wurden gemacht. Starschensky,
der, von Jugend auf an Einsamkeit gewohnt, alle Freuden des Hofes und der Stadt
nur in der Freude, die seine Gattin daran zeigte, genossen hatte, segnete
beinahe die Unfälle, die ihn zwangen, in den Schoß seiner
ländlichen Heimat zurückzukehren. Elga packte und sorgte, und in den
ersten Nachmittagsstunden eines warmen Maientages war man mit Kisten und
Päcken in dem altertümlichen Stammschlosse angekommen, das, neu
eingerichtet, und aufs beste in Stand gesetzt, durch Nachtigallenschlag und
Blütenduft wetteifernd ersetzte, was ein verwöhnter Geschmack in
Vergleich mit den Palästen der Städte, allenfalls hätte
vermissen können.
Bald
nach der Ankunft schien sich zum Teile aufzuklären, warum Elgan die
Änderung der bisherigen Lebensweise so leicht geworden war. Sie stand in
den ersten Monaten einer bis jetzt verheimlichten Schwangerschaft, und
Starschensky, mit der Erfüllung aller seiner Wünsche
überschüttet, kannte keine Grenzen seines Glücks.
Frühling und Sommer verstrichen unter ländlichen
Ergötzlichkeiten, ordnenden Einrichtungen und frohen Erwartungen.
Als das Laub gefallen war und rauhe Stürme, die ersten Boten des Winters,
an den Fenstern des Schlosses rüttelten, nahte Elgan die ersehnte und
gefürchtete Stunde, sie gebar, und ein engelschönes, kleines
Mädchen ward in die Arme des Grafen gelegt, der die Tochter mit segnenden
Tränen benetzte. Leicht überstanden, wie die Geburt, waren die
Folgen, und Elga blühte bald wieder einer Rose gleich.
Soviel günstige Vorfälle wurden leider durch unangenehme
Nachrichten aus der Hauptstadt unterbrochen. Der alte Starost, Elgas
Vater, war gestorben, und hatte seine Umstände in der größten
Zerrüttung hinterlassen. Die beiden Söhne, in ihrer tollen
Verschwendung nicht mehr von ihrem bedächtlicher gewordenen Schwager
unterstützt, häuften Schulden auf Schulden, und ihre Gläubiger,
die in der Hoffnung auf den Nachlaß des alten Vaters zugewartet hatten,
sahen sich zum Teile in ihrer Erwartung dadurch getäuscht, daß in
dem Testamente des Starosten eine beträchtliche Summe, in Folge einer früher
geschehenen förmlichen Schenkung, an jenen armen Vetter Oginsky
überging. Dieser Vetter war, wie bekannt, seit längerer Zeit
verschwunden. Er mußte aber doch noch leben, und sein Aufenthalt nicht
jedermann ein Geheimnis sein, denn die ihm bestimmte Summe ward gefordert,
übernommen, und die Sache blieb abgetan.
Zu
den Verschwendungen der beiden Laschek gesellten sich überdies noch
Gerüchte, als ob sie neuerdings verbotene
Anschläge hegten und Parteigänger für landesschädliche
Neuerungen würben. Starschensky sah sich aufs überlästigste von
seinen Schwägern und ihren Gläubigern bestürmt, er wies aber,
nachdem er getan, was in seinen Kräften stand, alle weitere Anforderung
standhaft von sich, und hatte das Vergnügen, Elgan in ihren Gesinnungen
mit den seinigen ganz übereinstimmen zu sehen. Ja, als die Brüder,
gleichsam zum letzten Versuch, sich auf dem Schlosse des Grafen einfanden,
sahen sie sich von der Schwester mit Vorwürf en überhäuft, und
man schied beinahe in Feindschaft.
So
gingen mehr als zwei Jahre vorüber, und der
Friede des Hauses blühte, nach überstandenen Stürmen, nur um so
schöner empor. Sah sich gleich der Graf in seinen Wünschen nach einem
männlichen Stammhalter fortwährend getäuscht, so wendete sich
dafür eine um so größere, eine ungeteilte Liebe auf das teure,
einzige Kind.
Kaum
konnte aber auch etwas Reizenderes gedacht werden, als
das kleine, rasch sich entwickelnde Mädchen. In allen
schon angekündigten Formen der Mutter Abbild, schien sich die schaffende Natur
bei dem holden Köpfchen in einem seltsamen Spiele gefallen zu haben. Wenn
Elga bei der Schwärze ihrer Haare und Brauen durch ein hellblaues Auge auf
eine eigene Art reizend ansprach, so war bei dem Kinde diese Verkehrung des
Gewöhnlichen nachgeahmt, aber wieder verkehrt; denn goldene Locken
ringelten sich um das zierliche Häuptchen, und unter den langen blonden
Wimpern barg sich, wie ein Räuber vor der Sonne, das große
schwarzrollende Auge. Der Graf scherzte oft über diese, wie er es nannte,
auf den Kopf gestellte Ähnlichkeit, und Elga drückte dann das Kind
inniger an sich und ihre Lippen hafteten auf den gleichgeschwellten,
strahlenden von gleichem Rot.
Der
Graf widmete alle Stunden, die er nicht den häuslichen Freuden schenkte,
einzig der Wiederherstellung seiner, durch die unüberlegte Freigebigkeit
an Elgas Verwandte herabgekommenen Vermögensumstände und der
Verbesserung seiner Güter. Tagelang durchging er Meierhöfe und
Fruchtscheuern, Saatfelder und Holzschläge, immer von seinem Hausverwalter
begleitet, einem alten, redlichen Manne, der, vom Vater auf den Sohn vererbt,
dessen ganzes Vertrauen besaß. Schon seit längerer
Zeit bemerkte Starschensky eine auffallende Düsterheit in den Zügen
des Alten. Wenn er unvermutet sich nach ihm umwendete,
überraschte er das sonst immer heitere Auge beinahe wehmütig auf sich
geheftet. Doch schwieg der Mann.
Einst,
als beide die Hitze eines brennenden Vormittages mit den Schnittern geteilt
hatten und der Graf, im Schatten eines Erlenbusches gelagert, mit Behagen einen
Trunk frischen Wassers aus der Hand seines alten Dieners empfing, da rief
dieser losbrechend aus: Wie herrlich Gottes Segen auf den Feldern steht! Wie
glücklich sich der Besitzer von dem allen
fühlen muß! Das tut er auch, entgegnete,
kopfnickend und zu wiederholtem Trinken ansetzend, der Graf. Es begreift
sich allenfalls noch, fuhr der Alte fort, wie es in den Städten
Unzufriedene gibt, die an Staat und Ordnung rütteln, und denen die Gewalt
nichts zu Danke machen kann, aber auf dem Lande, in Wald und Feld, fühlt
mans deutlich, daß doch am Ende Gott allein alles regiert; und der hats
noch immer gut gemacht bis auf diesen Augenblick. Aber die
Ruhestörer haben keine Rast, bis sie alles verwirrt und zerrüttet,
Vater und Bruder in ihr Netz gezogen, Schwester und Schwäger. Gottes
Verderben über sie! - Der Graf war aufgestanden. Ich merke wohl, sprach er, daß du auf meiner Frau Brüder
zielst. Hast du etwa neuerlich von ihnen gehört? Da fiel der alte
Mann plötzlich zu Starschenskys Füßen, und in heiße
Tränen ausbrechend, rief er: Herr, laßt Euch nicht verlocken! Denkt an Weib und Kind! An so manches,
was Ihr besitzt! An Eurer Väter ruhmwürdigen
Namen! - Was kommt dir an? zürnte der Graf. -
Herr, rief der Alte, Eure Schwäger sinnen Böses, und Ihr wißt
um ihr Vorhaben! - Spricht der Wahnsinn aus dir? schrie Starschensky. - Ich weiß was ich sage,
entgegnete der Alte. Ein Vertrauter Eurer Schwäger kommt
zu Euch heimlich aufs Schloß. Heimlich wird er
eingelassen. Tagelang liegt er in der halbverfallenen Warte am
westlichen Ende der Tiergartenmauer verborgen. - Wer sagt das? - Ich, der ich
ihn selbst gesehen habe. - Heimlich aufs Schloß kommend? - Heimlich aufs
Schloß! - Wann? - Oft! - Ein Vertrauter meiner
Schwäger? - In Warschau sah ich ihn an ihrer Seite. - Weißt
du seinen Namen? - Euch ist wohlbekannt, daß ich
nur einmal in Warschau war, und da hatte ich Wichtigeres in Eurem Dienste zu
schaffen, als mich
um die Namen von Eurer Schwäger zahlreichen Zechgesellen zu
bekümmern. Aber, daß ich ihn mit ihnen sah, des bin ich gewiß.
- Zu welchen Stunden sahst du ihn aufs Schloß kommen? - Nachts! -
Starschensky schauderte unwillkürlich zusammen bei dieser letzten Antwort,
obgleich eine kurze Besinnung ihm so viele mögliche Erklärungsarten
dieser rätselhaften Besuche darbot, daß er bei seiner Nachhausekunft
schon wieder beinahe ganz ruhig war. Nur fragte er wie im Vorbeigehen Elgan: ob
sie schon lange keine Nachricht von ihren Brüdern
erhalten habe? Seit sie zuletzt selbst hier waren, keine,
entgegnete sie ganz unbefangen. Der Graf gebot dem alten Hausverwalter,
dem er seine patriotischen Besorgnisse leicht ausgeredet hatte, das tiefste
Stillschweigen über die ganze Sache, beschloß aber doch, wo
möglich, näher auf den Grund zu sehen.
Einige
Zeit verstrich, da war er eines Nachmittags zu Pferde gestiegen, um eine seiner
entferntern Besitzungen zu besuchen, wo er mehrere
Tage zubringen wollte. Schon hatte er einen guten Teil des Weges gemacht, und
der Abend fing an einzubrechen, da hörte er
hinter sich laut und ängstlich seinen Namen rufen. Umblickend, erkannte er
den alten Hausverwalter, der auf einem abgetriebenen Pferde keuchend und
atemlos ihn einzuholen sich bestrebte und mit Rufen und Händewinken
anzuhalten und ihn zu erwarten bat. Der Graf zog den Zügel seines Rosses
an und hielt. Angelangt, drängte der Alte sich hart an
seinen Herrn und stammelte ihm keuchend seine Kunde ins Ohr. Der
Veranlasser jener Besorgnisse, der rätselhafte Unbekannte war wieder in
der Nähe des Schlosses gesehen worden. Der Graf
wandte sein Roß, und eines Laufes sprengten sie den Weg zurück,
heimwärts, mit Mühe von den Dienern gefolgt. Eine gute Strecke
vom Schlosse stiegen beide ab und gaben die Pferde dem Diener, der angewiesen
wurde, ihrer an einem bezeichneten Platze zu harren. Durch Gestrüpp und
Dickicht gingen sie jener Warte zu, wo der Fremde sich
am öftesten zeigen sollte. Es war indes dunkel geworden, und der Mond
zögerte noch aufzugehen, obschon bereits durch eine dämmernde Helle
am Saum des Horizontes angekündigt. Da fiel plötzlich durch die dicht
verschlungenen Zweige ein Licht in ihre Augen, in derselben Richtung, in der
jene Warte liegen mußte. Sie beeilten sich, den Rand des Waldes zu
erreichen, und waren nun am Fuße des von Bäumen
entblößtem Hügels angekommen, auf dem die Warte stand. Aber kein Licht blickte durch die ausgebröckelten
Schußscharten; keine Spur eines menschlichen Wesens. Zwar wollte
der alte Verwalter bei dem Schein des eben aufgehenden Mondes frische
Fußtritte am Boden bemerken, auch war es keineswegs in der Ordnung, die
Türe unverschlossen zu finden; aber das erste Anzeichen konnte
täuschen, das andere ließ sich so leicht aus einer
Nachlässigkeit des Schloßwarts erklären.
Leichter atmend, ging der Graf mit seinem Begleiter den Hügel
herab, dem Schlosse zu. Der Mond warf sein Silber über die ruhig
schlummernde Gegend und verwandelte das vor ihnen liegende Schloß in
einen schimmernden Feenpalast. In der Seele Starschenskys ging, reizender als je, das Bild seiner Gattin auf. Jetzt erst gestand er
sichs, daß ein Teil des in ihm auf keimenden Verdachtes ihr gegolten
hatte, und nun, im Gefühle seines Unrechts, ihr Bild, wie sie sorglos
schlummernd im jungfräulichen Bette lag, vor den Augen seiner Seele, entstand
eine Sehnsucht nach ihr in seinem Innern, wie er sie seit den Tagen des ersten
Begegnens, der bräutlichen Bewerbung kaum je empfunden hatte.
So träumte er, so ging er. Da fühlte er
sich plötzlich angestoßen. Sein Begleiter wars; der zeigte mit dem Finger
vor sich hin in das hellerleuchtete Feld. Starschensky folgte der Richtung und sah eine
Mannsgestalt, welche, die vom Monde unerleuchtete, dunkle Seite ihnen
zugekehrt, übers Feld dem Schlosse zuschlich. Der Graf
war sein selbst nicht mächtig. Mit einem lauten Ausruf, den
gezückten Säbel in der Faust, stürzte er auf die Gestalt los.
Der Fremde, frühzeitig gewarnt, floh, vom Schlosse ab, den Bäumen zu.
Schon im Begriffe, ihn dahin zu verfolgen, ward der Graf durch eine zweite Erscheinung
davon abgehalten, die dicht an der Mauer des Schlosses
sich hinschob. Diese zweite ward bald erreicht und gab sich zitternd und bebend
als Dortka, der Gräfin Kammermädchen, kund.
Auf die erste Frage: Was sie hier gemacht? stotterte
sie unzusammenhängende Entschuldigungen; die zweite: wie sie hierher
gekommen? beantwortete an ihrer Statt das
geöffnete Ausfallpförtchen, das, gewöhnlich versperrt und
verriegelt, nur auf des Grafen Befehl mit einem Schlüssel, den er selbst
verwahrte, geöffnet werden konnte.
Alle
Versuche, von dem Mädchen ein Geständnis zu erpressen, waren
vergeblich. Da ergriff sie der Graf hocherzürnt bei der Hand und
führte sie gewaltsam durch die mannigfach verschlungenen Gänge bis zu
den Zimmern seiner Gemahlin, die er noch erleuchtet und unverschlossen fand. Elga selbst war wach und in Kleidern. Der Graf, stotternd
vor Wut, erzählte das Geschehene und verlangte, daß das Mädchen
entweder augenblicklich bekenne, oder auf der Stelle aus Dienst und Hause
entfernt werde. Dortka war auf die Kniee gefallen und zitterte und weinte.
Starschensky
hatte sich seine Gattin verlegen oder seinem gerechten
Zorne beistimmend gedacht. Keines von beiden geschah.
Kalt und teilnahmslos bat sie ihn anfangs, die Ruhe des Hauses nicht durch sein
lautes Schelten zu stören, und als er fortfuhr
und die Entfernung des Mädchens begehrte, da erklärte sie mit
steigender Wärme: Ihr gebühre, über das Verhalten ihrer
Dienerinnen zu richten, sie selbst werde untersuchen und entscheiden. Der Graf,
außer sich, zog das Mädchen vom Boden auf, sie gewaltsam aus dem
Zimmer zu bringen, aber Elga sprang hinzu, ergriff des Mädchens andere
Hand, riß sie zu sich, indem sie ausrief: Nun denn, so stoß auch mich
aus dem Hause, denn darauf ist es doch wohl abgesehen! daß
ich früher dich so gekannt! Unglückliche, die ich bin! fuhr sie laut weinend fort; gekränkt, mißhandelt!
Aber schuldlose Diener sollen nicht um meinetwillen leiden! Dabei zeigte sie dem Mädchen mit dem Finger auf die Türe
ihres Schlafgemaches; diese verstand den stummen Befehl und ging eilig hinein.
Elga folgte und schloß die Türe hinter sich ab.
Starschensky
stand wie vom Donner getroffen. Einmal raffte er sich empor und ging auf das
Zimmer seiner Frau zu; halben Weges aber blieb er
stehen und versank neuerdings in dumpfes Staunen. Der alte Hausverwalter trat
zu ihm und sprach einige Worte; der Graf aber ging ohne Antwort an ihm
vorüber zur Türe hinaus, über die Gänge, auf sein Gemach,
das im entgegengesetzten Flügel des Schlosses lag. An
der Schwelle wendete er sich um, durch eine Bewegung der Hand jede Begleitung
zurückweisend, und die Türe ging hinter ihm zu. Wie er die Nacht
zubrachte; wer kann es wissen? Der Diener, der des Morgens zu ihm eintrat, fand
ihn angekleidet, auf einem Stuhle sitzend. Er schien zu schlafen, doch
näher besehen, standen die Augen offen und starrten vor sich hin. Der Diener mußte einigemal seinen Namen nennen, bis er sich
bewegte. Dann erst meldete jener seine Botschaft, indem er ihn im Namen
der Gräfin bat, das Frühstück auf ihrem Zimmer einzunehmen.
Starschensky sah ihn staunend an, dann aber stand er
auf und folgte schweigend, wohin jener ihn, vortretend, geleitete.
Heiter
und blühend, als ob nichts vorgefallen wäre,
kam ihm Elga entgegen; sie erwähnte halb scherzend der Ereignisse der
verflossenen Nacht. Das Kammermädchen ward eines heimlichen Liebeshandels
angeklagt, Dortka selbst gerufen, die ein unwahrscheinliches Märchen
unbeholfen genug erzählte. Zuletzt bat sie um Verzeihung, welche die
Gräfin, mit Rücksicht auf sonst gezeigtes gutes Betragen, im eigenen
und in ihres Gatten Namen großmütig erteilte. Der Graf, am Schlusse
doch auch um seine Zustimmung befragt, erteilte diese
kopfnickend, und das Mädchen blieb im Hause.
Schweigend nahm Starschensky das Frühstück ein, stumm
ging er aus dem Schlosse. Der alte Hausverwalter, der ihm auf seinem
Wege entgegenkam, wagte, neben ihm hergehend, nicht, das Stillschweigen zu
brechen, und suchte nur in den Zügen seines Herrn Antwort auf seine
zurückgehaltenen Fragen und Zweifel. So gingen sie, so
verrichteten sie ihre Geschäfte, wie sonst, wie immer. Der Graf bestrebte sich nicht bloß, über die
Vorfälle des gestrigen Tages nichts zu denken, er dachte wirklich nichts.
Denn wenn der verfolgte Strauß sein Haupt verbirgt und wähnt, sein
Nichtsehen der Gefahr sei zugleich ein Nichtdasein derselben, so tut der Mensch
nicht anders. Unwillkürlich schließt er
sein Auge vor einem hereinbrechenden Unvermeidlichen, und jedes Herz hat seine
Geheimnisse, die es absichtlich verbirgt vor sich selbst.
Einige Tage darauf wollte Starschensky eintreten bei seiner
Gemahlin. Es hieß, sie sei im Bade; doch hörte er die Stimme
seines Kindes im nächsten Gemache, und er ging hinein. Da fand er die
Kleine am Boden sitzend, mitten in einer argen Verwirrung, die sie angerichtet.
Elgas Schmuck und Kleinodien lagen rings um das Kind zerstreut, und das offene,
umgestürzte Schmuckkästchen nebst dem herabgezogenen Teppich des
daneben stehenden Putztisches zeigte deutlich die Art, wie es sich das kostbare
Spielzeug verschafft hatte. Starschensky trat gutmütig scheltend hinzu,
stritt dem Kinde Stück für Stück seinen Raub ab, und versuchte
nun die glänzenden Steine wieder an ihre Stelle zu legen. Der Deckel des
Schmuckkästchens, augenscheinlich ein doppelter, war durch den Sturz vom
Tische aus den Fugen gewichen, und da der Graf versuchte, ihn, mit dem Finger
drückend, wieder zurückzupressen, fiel der innere Teil der doppelten
Verkleidung auf den Boden und zeigte in dem rückgebliebenen hohlen Raume
ein Porträt, das, schwach eingefügt, leicht von der Stelle wich und
das nun der Graf hielt in der zitternden Hand.
Es
war das Bild eines Mannes in polnischer Nationaltracht. Das Gefühl einer
entsetzlichen Ähnlichkeit überfiel den Grafen wie ein Gewappneter. Da war das oft besprochene Naturspiel mit den schwarzen Augen und
blondem Haare, wie - bei seinem Kinde. - Er sah das Mädchen an,
dann wieder das Bild. - Diese Züge hatte er sonst schon irgend gesehen; aber
wann? wo? - Schauer überliefen ihn. - Er blickte
wieder hin. Da schaute ihn sein Kind mit schwarzen Schlangenaugen an, und die blonden Haare loderten wie Flammen, und die
Erinnerung an jenen verschmähten Vetter in Warschau ging
gräßlich in ihm auf. - Oginsky! schrie er
und hielt sich am Tische, und die Zähne seines Mundes schlugen klappernd
aneinander.
Ein Geräusch im Nebenzimmer schreckte ihn empor. Er
befestigte den Deckel an seine Stelle, schloß das Kästchen, das Bild
hatte er in seinen Busen gesteckt; so floh er, wie ein Mörder.
Diesen
Tag ward er im Schlosse nicht mehr gesehen. Sein Platz
blieb leer am Mittagstische. Gegen Abend kam er ins
Zimmer der Wärterin und verlangte nach dem Kinde. Das
nahm er bei der Hand und führte es in den Garten, der einsam gelegenen
Mooshütte zu. Dort fand ihn nach einer Stunde der suchende Hausverwalter, in eine
Ruhebank zurückgelehnt. Das Kind stand zwischen seinen Knieen, er
selbst hielt ein Bild in der Hand, abwechselnd auf dieses, dann auf die Kleine
blickend, wie einer, der vergleicht, meinte der alte Mann.
Am
folgenden Morgen war Starschensky verreist, niemand wußte wohin. Er aber
war in Warschau; dort forschte er, zu spät! nach Elgas früheren Verhältnissen. Er erfuhr,
daß sie und Oginsky, der in des alten Starosten Hause erzogen war, sich
schon frühzeitig geliebt, daß, aus Besorgnis vor der wachsenden
Vertraulichkeit, der aussichtslose Vetter entfernt wurde; daß, aus seiner
Verbannung zurückkehrend, kurz vor Starschenskys Vermählung, er seine
Ansprüche erneuert habe und jene bedeutende Summe Geldes, die in des alten
Laschek letztem Willen ihm zugedacht war, zum Teil der Preis seines
Rücktrittes war; daß Elga sich nur schwer von ihm getrennt und seine
Armut und Starschenskys Reichtum, verbunden mit dem Andringen ihrer Verwandten,
der Hauptgrund ihrer Einwilligung zur Verbindung mit dem Grafen gewesen war.
All diese Geheimnisse soll einer von Elgas Brüdern, gegen den er sich zur
rechten Zeit freigebig zeigte, dem Grafen für Geld verraten und ihm
zugleich den Ort angezeigt haben, wo Oginsky, einem geleisteten Schwur zufolge,
sich verborgen hielt.
Auf dem Schlosse herrschte unterdessen Unruhe und Besorgnis.
Elga selbst war übrigens augenscheinlich die Ruhigste von allen. Sie schien das befremdliche Betragen ihres Gatten
noch auf Rechnung jener nächtlichen Überraschung zu schieben,
über die, da durchaus niemandem etwas Bestimmtes zur Last gelegt werden
konnte, der Graf, wie sie hoffte, sich am Ende wohl selbst beruhigen werde. Jenes Kammermädchen war noch immer in ihren Diensten.
Unvermutet erschien nach einiger Zeit der Graf auf der Grenze
seiner Besitzung, in seinem Gefolge ein verschlossener Wagen, von dessen Inhalt
niemand wußte. Eine verhüllte Gestalt, vielleicht durch
Knebel am Sprechen verhindert, ward herausgehoben und dem durch Briefe im
voraus an die Grenze beschiedenen Hausverwalter
übergeben. Die alte Warte an der Westseite des Tiergartens, seitdem
sorgfältig verschlossen, nahm die sonderbare Erscheinung in ihren
Gewahrsam, und dunkle Gerüchte verbreiteten sich unter den Bewohnern der
Umgegend.
Der Graf ging auf sein Schloß. Laut jubelnd kam ihm
Elga entgegen, das Kind an ihrer Hand. Er hörte , wie unruhig man über seine plötzliche
Abreise gewesen, wie sehnlich man ihn zurückerwartet. Der
Kleinen Fortschritte wurden gerühmt, einige Proben der erlangten
Geschicklichkeit auf der Stelle abgelegt. Da die
Zeit des Abendessens gekommen war, erklärte Starschensky sich unpaß
und ermüdet von der Reise. Er ging, trotz aller Gegenvorstellungen, allein
auf sein Zimmer, wo er sich einschloß. Doch war
sein Bedürfnis nach Ruhe nur vorgegeben, denn nachts verließ er sein
Gemach und ging allein nach der Warte, wo er bis zum
grauenden Morgen blieb.
Am
darauf folgenden Tage war Elga verdrüßlich, schmollend. Des Grafen nächtlicher Gang war nicht unbemerkt geblieben.
Elga fand sich vernachlässigt und zeigte ihre
Unzufriedenheit darüber. Starschensky unterbrach
ihre mißmutigen Äußerungen, indem er von ihrer b |