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Hat man es wohl
je für ein Unrecht gehalten, Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele
und von ganzem Gemüt und den Nächsten als sich selbst? Darum sind Schandtaten,
die wider die Natur sind, immer und überall zu verabscheuen und zu bestrafen
als solche' die denen Sodoms gleichkommen. Begingen alle Völker solche, so
würden sie nach dem göttlichen Gesetze derselben Strafe verfallen, da sie nicht
dazu geschaffen sind, um auf solche Weise Mißbrauch zu üben. Die Gemeinschaft,
welche wir mit Gott haben sollen, wird verletzt, wenn die Natur, deren Schöpfer
er ist, durch widernatürliche Lust befleckt wird. Die Vergehen aber, insofern
sie sich nur auf die Sitten der Menschen erstrecken, sind nach der
Verschiedenheit der Sitten zu meiden, damit der Brauch, welchen Gemeinde oder
Volk durch Gewohnheit oder Gesetz festigte, durch keine Zügellosigkeit eines
Bürgers oder Fremden verletzt wird. Denn schändlich ist jedes Glied, das nicht
mit seinem Ganzen übereinstimmt. Wenn aber Gott gegen Sitte und Brauch einiger
Menschen etwas verordnet, so ist sein Gebot, auch wenn es dort noch nie
geschehen ist, doch zu vollführen, doch zu erneuern, wenn es bisher
unterlassen, und einzuführen, wenn es bisher noch nicht eingeführt war. Wenn
schon ein König die Macht hat, in dem Staate, über den er herrscht, Befehle zu
erteilen, die vorher weder ein anderer noch er selbst erteilt hat, und es nicht
gegen das Staatsrecht ist, Gehorsam zu leisten, im Gegenteil eine Verweigerung
des Gehorsams Rechtsverletzung wäre denn Gehorsam gegen den König ist der
Kardinalpunkt des bürgerlichen Rechtes , um wie viel mehr gebührt Gott, dem
König der gesamten Schöpfung, zweifellos Gehorsam allen seinen Befehlen
gegenüber. Denn wie bei den Mächten der menschlichen Gesellschaft die größere
Macht Gehorsam von der kleineren verlangt, so verlangt Gott von allen Gehorsam.
Ebenso ist es bei den
Freveltaten, deren Ausgangspunkt Schadenfreude ist; sei es, daß man dem andern
Schmach oder Unrecht zuzufügen sucht, oder beides, wo Rachsucht vorhanden, wie
der Feind dem Feinde; oder um sich der andern Hab und Gut anzueignen wie der
Räuber, wenn er den Wanderer beraubt, oder auch um ein Übel abzuwenden wie
einer, der Furcht empfindet; oder wenn Neid die Triebfeder ist, wie der
Unglückliche aus diesem Grunde dem Glücklichen zu schaden sucht; oder bei
glücklichem Fortgang einer Sache aus Furcht und Ärger über den Wetteifer eines
anderen; oder auch aus reinem Vergnügen an fremdem Leid wie der Zuschauer
gegenüber den Gladiatoren bei den Fechterspielen oder wie der Schöker und
andere hämische Leute. Dies sind die hauptsächlichsten Sünden, die hervorgehen
aus der Fleischeslust und der Augenlust und hoffärtigem Leben, entweder aus
einem oder aus zweien oder auch aus allen zugleich; so wird gesündigt wider
drei und sieben derlei Gebote, wider deinen Psalter mit den zehn Seiten, gegen
dein Gesetz, du höchster und herrlichster Gott! Können wir dich denn alle durch
Freveltaten beleidigen, der du doch nicht verletzt wirst, oder welche
Verbrechen können wir gegen dich verüben, dem zu schaden unmöglich? Du aber
strafst die Sünden der Menschen, weil sie im Sündigen gegen dich auch gegen
ihre eigenen Seelen sündigen und ihre Bosheit sich selbst belügt durch
Verderben und Verkehrung ihrer Natur, welche du geschaffen und geordnet hast,
oder durch unmäßigen Gebrauch des Erlaubten oder durch entflammte Lust nach dem
Unerlaubten, das wider die Natur ist, oder sie laden Schuld auf sich, wenn sie
mit Herz und Worten gegen dich wüten und wider den Stachel löcken. Oder sie
durchbrechen die Schranke der menschlichen Gesellschaftssatzungen und freuen
sich in ihrer Frechheit an Sonderverbänden und Trennungen, je nachdem sie etwas
ergötzt oder ihren Ärger erregt. Das entspringt daraus, wenn dich die Menschen
verlassen, O Quelle alles Lebens, der du bist alleiniger und wahrer Schöpfer
und Regierer des Weltalls, und wenn sie in selbstsüchtigem Hochmute einzelnes
heben, das trüglich ist. Und in kindlich demütiger Liebe können wir
zurückkehren zu dir; du reinigst uns von bösen Lüsten und schenkst deine Gnade
denen, die ihre Sünde reuig bekennen, und erhörst das Seufzen der Gefangenen
und erlösest uns von den Banden, die wir uns selbst geschmiedet, wenn wir nicht
mehr gegen dich falsche Freiheitsgelüste hegen und ablassen von der Gier, mehr
zu besitzen, die uns Gefahr schafft, alles einzubüßen, wenn wir unser Eigentum
mehr lieben, denn dich, Gut aller Güter.
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