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Nicht leer sind die Zeitwogen,
nicht wirkungslos wälzen sie sich dahin durch unsere Sinne, wunderbar Großes
wirken sie an der Seele. Siehe, sie kamen und gingen von Tag zu Tag, und im
Kommen und Gehen pflanzten sie mir neue Gestalten und neue Erinnerungen ein und
stellten mich allmählich durch die früher gewohnten Vergnügungen wieder her.
Denn mein Schmerz wich, und es folgten nun zwar nicht andere Schmerzen, aber
doch die Ursachen zu anderen Schmerzen gingen daraus hervor. Denn jener Schmerz
hatte mich so leicht und so tief durchdrungen, weil ich meine Seele gegründet
hatte auf Sand, da ich einen Sterblichen liebte, als stürbe er nimmer. Am
meisten tröstete und ermunterte mich der Trost meiner Freunde, mit denen ich
liebte, was ich statt deiner liebte: der Manichäer große Fabel und lange Lüge
nämlich, durch deren treulosen Reiz mein Geist in lüsternem Verlangen verderbt
wurde; denn jene Irrlehre erstarb nicht mit dem Tode des Freundes. Vieles
andere gab es da, was mein Herz von neuem fesselte: Gespräche und Scherze,
gegenseitige wohlwollende Hingebung, gemeinschaftliches Lesen von Büchern
angenehmen Inhalts, Tändeleien und gegenseitige Höflichkeit, bisweilige
Meinungsverschiedenheit ohne Haß, wie es der Mensch wohl selbst mit sich tut
und eine Würze der meist herrschenden Übereinstimmung durch höchst seltene
Verschiedenheit der Ansichten; gegenseitige Belehrung, gegenseitiges Lernen,
die Abwesenden ungern vermissen, die Kommenden mit Freude empfangen. Derartige
Äußerungen gehen aus dem Herzen der einander Befreundeten durch Vermiittlung
des Mienenspiels, der Sprache, der Blicke und tausend freundliche Gebärden und
schmelzen die Gemüter wie durch Zündstoff zusammen und schaffen aus vielen ein
einziges.
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