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Aber noch erkannte ich nicht das
Wesentliche dieses großen Gegenstandes in deiner Schöpferkunst, o Allmächtiger
der du allen Bewunderungswürdiges schaffst, und mein Geist durchforschte die
einzelnen körperlichen Formen, und ich versuchte zu bestimmen, zu unterscheiden
Lind mir Beispielen zu belegen, was schön an sich Lind was durch Harmonie mit
anderm schicklich sei. Hierauf wandte ich mich zur Erforschung des Wesens der
Seele, über meine falsche Ansicht über das Geistige ließ mich die Wahrheit
nicht sehen. Die Kraft der Wahrheit trat mir vor das Angesicht, ich aber wandte
den schwankenden Verstand von dein Wesenlosen auf die Umrisse, Farben und
schwellende Größen. Und weil ich im Geiste solcherlei nicht sehen konnte, so
glaubte ich meinen Geist überhaupt nicht sehen zu können. Da ich aber in der
Tugend den Frieden liebte, im Laster aber den Zwiespalt haßte, so gab ich für
jene die Einheit, für dieses den Zwiespalt als charakteristisches Merkmal an.
In jener Einheit schien mir der Geist der Vernunft, das Wesen der Wahrheit und
des höchsten Gutes zu liegen; in diesem Zwiespalte des vernunftlosen Lebens
wähnte ich Elender, liege irgendwelche Substanz und Wesen des höchsten Bösen,
das nicht bloß Substanz, sondern auch Leben in sich enthalte, jedoch nicht von
dir erschaffen sei, o mein Gott, von dem doch alles ist. Und doch nannte ich
jenes eine Monade, in welchem noch kein Geschlecht sich für sich geltend
machte, diese aber eine Dyade, den Haß bei den Verbrechern, die Lust am Laster;
ich wußte nicht, was ich redete. Ich hatte noch nicht erkannt, daß das Böse
kein selbständiges Wesen noch unser Geist das höchste unwandelbare Gut sei.
Denn so wie Gewalttaten
entstehen, wenn die Geistesbewegung sündlich ist, in welcher ein heftiger Trieb
und diese Bewegung sich anmaßend und wüst gebärdet, Schandtaten aber, wenn die
Leidenschaft der Seele maßlos ist, welche fleischliche Lüste gierig genießt, so
beflecken Irrtümer und falsche Meinungen das Leben, wenn die Vernunft selbst
verderbt ist. So war die meinige, da ich nicht wußte, daß sie durch ein ander
Licht erleuchtet werden müßte, um an der Wahrheit teilzuhaben, weil sie nicht
die wesentliche Wahrheit selbst ist. Denn du erleuchtest meine Leuchte, Herr,
der Herr mein Gott macht meiner Finsternis Licht, und aus deiner Fülle haben
wir alle genommen; du bist das wahrhafte Licht, welches alle Menschen
erleuchtet, die in diese Welt kommen, denn bei dir ist keine Veränderung noch
Wechsel des Lichts und der Finsternis. Zu dir strebte ich empor und ward
hinweggestoßen von dir, auf daß ich den Tod kostete, weil du den Hoffärtigen
widerstehest. Und was gibt es Hoffärtigeres, als in unfaßlicher Torheit zu
behaupten, an Wesen dir gleich zu sein? Denn da ich wandelbar war und, wie dies
schon daraus hervorgeht, daß ich weise zu werden wünschte, um besser zu werden,
so wollte ich doch lieber dich für wandelbar halten als glauben, daß ich nicht
sei, was du bist. So ward ich zurückgestoßen, und du widerstandest meinem
stolzen Nacken, und ich träumte von körperlichen Gestalten und klagte, selbst
Fleisch, das Fleisch an - ein Wind, der dahinfährt und kam nicht wieder zu dir.
Und ich ging in der Irre und irrte in dem, das nicht ist, weder in dir, noch in
mir, noch in den Körpern, noch in dem von deiner Wahrheit ins Leben Gerufenen,
sondern das von meiner eitlen Spekulation nach Eindrücken der Körper gebildet
wurde. Und ich sprach zu den Kleinen, deinen Gläubigen, meinen Mitbürgern, von
welchen ich in meiner Unwissenheit hinweggeirrt war in albernem Geschwätz:
"Warum irrt die Seele, die Gott schuf?" Aber ich wollte nicht, daß
man mir darauf sagte: "Warum irrt also Gott? " ich behauptete deshalb
lieber, dein unwandelbares Wesen wäre gezwungen, ehe ich bekannte, daß mein
wandelbares Wesen freiwillig abgewichen sei und nun zur Strafe irre.
Sechs- oder siebenundzwanzig
Jahre war ich ungefähr alt, als ich jene Schrift verfaßte und mich mit jenen
sündlichen Trugvorstellungen beschäftigte, die meines Herzens Ohr betäubten;
wollte ich, o süße Wahrheit, auf deine innere Melodie horchen, nachsinnend über
das Schöne und Schickliche, begehrte ich festzustehen und dich zu hören und
mich zu freuen hoch über des Bräutigams Stimme, da vermochte ich es nicht;
durch die Stimmen meines Irrtums ward ich fortgerissen in die Außenwelt und
durch das Gericht meines Stolzes fiel ich in den Abgrund. Du ließest mich nicht
hören Freude und Wonne, daß die Gebeine fröhlich wurden, die noch nicht
zerschlagen waren.
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