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Fast neun Jahre hindurch, in
denen ich sie mit unstetem Geiste hörte, erwartete ich mit zu lange
hingehaltener Sehnsucht, daß jener Faustus kommen sollte, auf den mich die
anderen vertrösteten, so oft sie meinen Fragen nicht gewachsen waren, indem sie
mir versicherten, im persönlichen Verkehr werde er mir das alles und noch viel
höhere Fragen aufs beste entwickeln. Als er nun kam, fand ich in ihm einen
liebenswürdigen, artigen Mann, der die Lehren jener mir noch viel einnehmender
vorschwatzte. Was aber fragte mein Durst nach prächtigen Bechern, was half mir
der artigste Mundschenk? Von solchen Sachen waren meine Ohren schon gesättigt,
auch schienen sie uns dadurch nicht besser zu werden, weil sie besser gesagt
wurden und dadurch nicht an Wahrhaftigkeit zu gewinnen, weil sie in gewandter
Weise aufgetischt wurden, noch schien mir ein Geist deshalb weise, weil sein
Minenspiel entsprechend und seine Rede eine würdevolle war. Jene aber, welche
mich auf ihn vertröstet hatten, vermochten den Sachverhalt gar nicht zu
beurteilen, und nur deshalb erschien er ihnen klug und weise, weil er sie durch
seine Beredsamkeit ergötzte. Ich lernte aber auch noch eine andere Art von
Menschen kennen, welche die Wahrheit verdächtigen und der Wahrheit nicht trauen
wollten, sobald sie mit reichem Schmuck vorgetragen wurde. Mich aber hattest
du, mein Gott, schon gelehrt auf wunderbare und verborgene Weise, und nur darum
glaube ich es, weil du es mich gelehrt hast, denn aus diesem Grunde ist es
wahr, und keinen andern Lehrer der Wahrheit gibt es denn dich, woher er auch
kommen möge. Schon hatte ich von dir gelernt, nicht deshalb etwas für wahr zu
halten, weil es beredt vorgetragen werde, und nicht deshalb etwas für falsch,
weil die Sprache eine schwerfällige sei, und wiederum nicht deshalb etwas für
wahr, weil es kunstlos gesagt werde, noch deshalb für falsch, weil die Rede
glänzend sei; sondern mit Wahrheit und Torheit verhalte es sich wie mit gesunden
und ungesunden Speisen, die beide in geschmückten und schmucklosen Worten wie
in einfachen und feinen Gefäßen aufgetragen werden können.
So ward meine Begierde, mit der
ich jenen Mann so lange erwartet hatte, zwar gestillt durch das einnehmende und
lebhafte Wesen und durch seine Gewandtheit im Ausdruck, der den Eindruck des
völlig Ungezwungenen machte. Viele unterstützte ich in ihren Lobsprüchen; aber
unangenehm war es mir, daß ich in dem Hörerkreise nichts gegen ihn vorbringen
und ihm meine dringenden Fragen nicht zur Beantwortung vorlegen durfte im
vertraulichen Austausch der Gedanken. Als ich dies vermochte und sein Gehör in
Anspruch nehmen konnte mit meinen Freunden zu einer Zeit, da es nicht
unschicklich war, mit ihm zu disputieren, und ich einiges vorbrachte, das mich
am meisten bewegte, fand ich in ihm einen Mann, der in den freien Künsten
unbewandert war, die Grammatik ausgenommen, die er auch nicht über das Maß des
Gewöhnlichen verstand. Er hatte einige Reden Ciceros gelesen, sehr wenig
Schriften von Seneca und einige Dichter und das, was in seiner Sekte in gut
stilisiertem Latein geschrieben war, und weil er Gelegenheit hatte, täglich
Reden zu halten, so gewann er dadurch eine Redefertigkeit, die sich angenehm
der Fassungskraft der Hörer einschmeichelte und eines gewissen Mutterwitzes
nicht bar war. Ist es nicht so, mein Herr und mein Gott, der du Richter meines
Bewußtseins? Offen liegt vor deinem Herz mein Herz und meines Herzens
Erinnerung, der du schon damals mich mit der geheimnisvoll verborgenen Vorsehung
leitetest und meine schmachvollen Irrtümer mir vor die Augen brachtest, damit
ich sie sähe und hassenswert fände.
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