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Dahingegangen war die Zeit meiner
verwerflichen Jugend und ich trat in das Mannesalter ein und war, je älter an
Jahren, desto schändlicher an schnöder Eitelkeit. Da ich das Wesenhafte mir nur
sichtbar vorstellen konnte, nicht anders dachte ich dich mir, o Gott, als in
menschlicher Gestalt. Seitdem ich aber etwas von deiner Weisheit zu fassen
begann, floh ich dies und freute mich, daß ich das auch im Glauben unserer
geistigen Mutter, deiner Kirche, bestätigt fand. Aber wie ich dich anders
ausdenken sollte, darauf verfiel ich nicht, und ich, ein Mensch und solch ein
Mensch, wagte dich, den höchsten und allein wahren Gott, zu denken, und an
dich, den Unvergänglichen, Unverletzlichen, Unwandelbaren, glaubte ich von
Grund meines Herzens, weil ich klar erkannte und sicher war, obwohl ich nicht
wußte, woher diese meine Ansicht komme, daß das, was vergänglich ist,
geringeren Wert haben müsse als das, was unvergänglich ist; das Unverletzbare
zog ich ohne Zögern dem Verletzlichen vor und das Unwandelbare dem Wandelbaren.
Mein Herz schrie heftig auf gegen alle meine Truggebilde, und mit einem Schlage
versuchte ich den mich umwirbelnden Schwarm von Unlauterkeit ans den Augen
meines Geistes zu vertreiben; kaum aber hatte ich ihn für einen Augenblick
zerstreut, so war er schon wieder da, zusammengescharrt, und stürzte sich auf
mein Gesicht und verdunkelte es, so daß ich dich, mein Gott, wenn auch nicht in
menschlicher Gestalt, so doch als etwas Körperliches, den Raum Erfüllendes zu
denken gezwungen war, sei es nun innerhalb der Welt oder außerhalb der Welt
ergossen durch das Unendliche, auch wohl als das Unzerstörbare, Unverletzbare,
Unveränderbare, dem ich den Vorzug gab vor dem Zerstörbaren, Verletzbaren und
Veränderbaren. Denn was ich mir nicht räumlich denken konnte, schien mir gar
nichts sein zu können, ein völliges Nichts, nicht einmal eine Leere, wie etwa
ein von seinem Körper verlassener Raum, sei nun dieser Körper erdig, feucht,
luftig oder ätherisch; ein von ihm leerer Ort deuchte mir gleichsam ein
räumliches Nichts.
Ich glaubte also, fühllosen
Herzens und mir selbst nicht einmal erkennbar, daß alles, was keine räumliche
Ausdehnung habe, sich ergieße oder zusammengedrängt werde oder aufschwölle oder
irgendeine solche Beschaffenheit habe oder doch haben könne, überhaupt nichts
sei. Denn aus den Formen, welche meine Augen durchzugehen pflegten, bildete
sich mein Herz Vorbilder, und ich sah nicht ein, daß dies Vorstellungsvermögen,
vermöge dessen ich diese Bilder erzeugte, nichts Körperliches noch Räumliches
sei; und doch hätte es sich jene nicht gebildet, wenn es nicht selbst etwas
Großes wäre. So dachte ich auch von dir, du Leben meines Lebens, ausgedehnt
durch unendlichen Raum, durchdrängest du die ganze Weltmasse und außer ihr die
Unendlichkeit ohne Schranke, so daß dich Erde, Himmel und das All habe und in
dir begrenzt sei, du aber nirgends. Wie aber der Lichtkörper, der sich über der
Erde befindet, dem Sonnenstrahl keinen Widerstand entgegengesetzt, so daß er
sie nicht durchdringen könnte und durchschneiden - wie es ihn ganz erfüllt, so
glaubte ich auch von dir, daß du nicht allein Himmel, Luft und Meer, sondern
auch die Erde durchdrängest, und zwar in ihren größten und kleinsten Teilen, um
deine Gegenwart zu fassen, daß du innerhalb und außerhalb des Alls alles Geschaffene
regierst in geheimer geistiger Energie. So war meine Vermutung, weil ich ein
anderes nicht zu denken vermochte, aber es war falsch. Denn auf diese Weise
würde ein größerer Teil der Erde ein größeres Stück von dir innehaben und ein
kleinerer ein kleineres; so würde alles von dir erfüllt sein, so daß der Leib
eines Elefanten mehr von dir enthielte als der eines Sperlings in dem Maße, als
der Elefantenleib größer ist und einen größeren Raum einnimmt; so würdest du
zerstückt großen Teilen der Welt große Teile, kleinen Teilen derselben kleine
Teile deines Wesens vergegenwärtigen. So bist du aber nicht. Aber noch immer
hattest du meine Finsternis nicht erleuchtet.
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