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Wenn ich ganz an dir hangen
werde, so werde ich keinen Schmerz mehr haben und keine Arbeit; und mein Leben
wird lebendig sein, ganz erfüllt von dir. Nun aber, weil du den, welchen du
erfüllst, erhebst, so bin ich, weil ich nicht von dir erfüllt, mir zur Last. Es
kämpfen meine beweinenswerten Freuden mit meiner erfreulichen Trauer; auf
welcher Seite der Sieg sein wird, weiß ich nicht. Wehe mir! Herr, erbarme dich
meiner. Weh mir! Siehe, meine Wunden verberge ich nicht: du bist der Arzt, ich
der Kranke; du bist barmherzig, ich erbarmenswürdig. Ist das menschliche Leben
auf Erden nicht eine stete Versuchung? Wer wünschte sich Beschwerden und
Mühseligkeiten? Zu ertragen heißest du sie, nicht zu lieben. Niemand liebt, was
er trägt, wenn er auch zu tragen liebt. Denn obgleich er an dem Tragen Freude
hat, so will er doch lieber, daß es nicht vorhanden sei, was er trägt.
Günstiges ersehne ich bei Widerwärtigem und Widerwärtiges fürchte ich bei
Günstigem. Wo ist zwischen diesen die Mitte, wo das menschliche Leben keine
Versuchung ist? Wehe dem zeitlichen Glück, doppeltes Wehe um der Furcht vor
Widerwärtigkeit und um der Freude willen, welche verdirbt! Wehe über die
zeitlichen Widerwärtigkeiten, dreifaches Weh, weil der Unglückliche nach Glück
verlangt, die Widerwärtigkeit selbst hart und Gefahr ist, daß sie die Geduld
zerbricht! Ist nicht Versuchung das menschliche Leben auf Erden ohne irgendwelche
Unterbrechung?
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