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Herr, mein Gott, wie groß sind die
Tiefen deiner Geheimnisse, wie haben mich die Folgen meiner Vergehen davon
entfernt? Heile meine Augen, auf daß zugleich ich mich freue über dein Licht.
Freilich gäbe es einen Geist, begabt mit einer so großen Wissenschaft und
Kenntnis der Zukunft, daß ihm alle Vergangenheit und Zukunft so bekannt wäre
wie mir z. B. ein ganz bekanntes Lied, so wäre dieser Geist allerdings
bewunderungswürdig und zum Erschrecken erstaunenswert, da alle Jahrhunderte der
Vergangenheit und der Zukunft enthüllt vor ihm lägen wie mir, weint ich das
Lied singe, was und wieviel ich vom Anfange bereits gesungen und was und
wieviel noch übrig ist. Doch ferne sei es, zu denken, daß du, Schöpfer des
Weltalls, Schöpfer der Seelen und Leiber; fern sei es, daß du alles Zukünftige
und Vergangene in ähnlicher Weise wissen solltest. Du weißt es weit, weit
wunderbarer, weit geheimnisvoller. Denn nicht wie bei der Stimme dessen, der
ein bekanntes Lied singt oder ein bekanntes Lied hört, durch die Erwartung der
noch kommenden Verse und durch die Erinnerung der bereits gesungenen
verschiedenfach berührt und die Aufmerksamkeit gespannt wird, ist es bei dir
der Fall, dem wunderbar Ewigen, d. h. dem wahrhaft ewigen Schöpfer aller
Geister. Wie du also im Anfang Himmel und Erde ohne Wandel deiner Kenntnisse
kanntest, so schufest du im Anfange Himmel und Erde ohne Änderung deiner
Tätigkeit. Wer dies erkennt, möge es dir bekennen; und wer es nicht versteht,
der preise dich ebenso. O wie erhaben bist du, und die demütigen Herzens sind,
sind deine Wohnung! Denn du richtest auf, die zerschlagenen Herzens sind, und
die werden nicht fallen, deren Höhe du bist.
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