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Wie es aber eigentlich kam, daß
mir die griechische Literatur verhaßt war, ist mir selbst nicht ganz klar. Denn
die lateinische Literatur gewann ich lieb, freilich nicht, wie sie die
Elementarlehrer, sondern die sogenannten Grammatiker lehrten; denn jener
Elementarunterricht war mir nicht weniger lästig und peinlich als alles
Griechische. Woher jedoch stammte dies, wenn nicht aus der Sünde und der
Eitelkeit des Lebens, wodurch ich Fleisch war und ein Wind, der dahinfährt und
nicht wiederkommt? Denn jene Anfangsgründe, durch welche es mir möglich wurde
und ist, durch welche ich es innehabe, sowohl Geschriebenes lesen als auch
selbst alles nach Willen schreiben zu können, waren weit besser, weil sie
zuverlässiger waren als jene, vermittels deren ich gezwungen wurde, die
Irrfahrten eines Äneas meinem Gedächtnisse einzuprägen, während ich meine
eigenen Irrfahrten vergaß, und den Tod der Dido zu beweinen, weil sie, von
Liebesgram übermannt, sich selbst den Tod gab, während ich, Tiefunglücklicher,
es tränenlosen Auges ertrug, daß ich vertieft in diese, von dir, Gott mein
Leben, abstarb.
Denn was ist wohl mitleidswürdiger
als ein Leidender, der selbst kein Mitleid mit sich hat und doch den Tod einer
Dido beweint, den sie aus Liebe zu Äneas findet, nicht aber seinen Tod, welchen
er stirbt aus Lieblosigkeit gegen dich, o Gott, du Licht meines Herzens, du
Lebensbrot und Kraft, die befruchtet mein Gemüt und den Sproß meines Denkens.
Ich liebte dich nicht, und meine Seele, dir vermählt, handelte ehebrecherisch,
und "recht so, brav!" ertönte es dem Ungetreuen von allen Seiten zu.
Denn die Freundschaft dieser Welt ist ja der Abfall von dir, und Beifall rufen
sie, daß sich der Mensch schäme, wenn er anders geartet ist. Und nicht diesem
galten meine Tränen, sondern der Dido, "daß geschieden sie sei, mit dem
Stahl ihr Ende erreichend", verließ dich und folgte deinen geringsten
Geschöpfen, Staub zum Staube zurückkehrend. Und wenn ich verhindert wurde,
dieses zu lesen, so war mir's schmerzlich, das nicht lesen zu dürfen, was mir
Schmerz erregte. Solche Torheit galt für edlere und fruchtbarere Wissenschaft
als Lesen und Schreiben.
Doch nun rufe mir in meine Seele,
o Gott, und deine Wahrheit sage: So ist es nicht, jener erste Unterricht ist
bei weitem besser, denn ich bin viel bereiter dazu, die Irrfahrten des Äneas zu
vergessen und alles andere Derartige als Schreiben und Lesen. Vorhänge sind vor
den Türen der Gelehrtenschulen; sie bedeuten aber nicht sowohl ein
ehrfurchtgebietendes Geheimnis als vielmehr eine Fülle des Irrtums. Und nicht
mögen gegen mich diejenigen ein Geschrei erheben, die ich nicht fürchte, wenn
ich dir bekenne, was meine Seele will, o mein Gott, und Ruhe finde ich im
Verwerfen der bösen Wege, daß ich seine guten Wege lieben lerne. Auftreten
mögen auch nicht wider mich die Verkäufer oder Käufer der weltlichen Literatur;
denn wende ich mich mit der Frage an sie, ob Äneas wirklich einst nach Karthago
gekommen sei, wie der Dichter sagt, dann werden die Ungelehrteren sich mit
ihrer Unwissenheit entschuldigen, die Gelehrteren aber werden es sogar
verneinen. Wenn ich aber frage, mit welchen Buchstaben Äneas geschrieben wird,
dann werden wir alle, welche dies gelernt haben, die richtige Antwort geben
nach dem Übereinkommen und Gutbefinden, durch welche die Menschen jene Zeichen
unter sich festgesetzt haben. Ebenso, gesetzt ich früge, was von beiden wohl
zum größeren Nachteil für das Leben vergessen würde, Lesen und Schreiben oder
jene poetischen Erfindungen, weiß wohl jeder die Antwort, der sich nicht
gänzlich vergessen hat. ich fehlte also, da ich als Knabe jene unnützen Dinge
diesen nützlichen eifrig vorzog oder vielmehr diese haßte, jene aber liebte.
Nun aber war mir das eins und eins ist zwei, zwei und zwei ist vier ein Lied
von gar verhaßtem Klang und das angenehmste Schauspiel für meine Eitelkeit das
hölzerne Pferd von Bewaffneten, der Brand Trojas und der Schatten Creusas.
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