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Wie aber ist es zu verwundern, daß
mich die Eitelkeit so in ihre Gewalt bekam und mich von dir, mein Gott, so
entfernte, da mir Menschen zu Vorbildern gesetzt wurden, die vor Scham vergehen
wollten, wenn in der Erzählung ihrer an und für sich keineswegs bösen
Handlungen ungebräuchliche oder fehlerhafte Ausdrücke vorkamen, die sich aber
rühmten und mit Lob iiberschüttet wurden, wenn sie ihre Bubenstreiche
fehlerfrei mit wohlgesetzten Worten ausführlich und mit Ausschmückungen
erzählten? Du siehst dies, Herr, und du schweigst in deiner Langmut, der du
barmherzig, Der auch wahrhaftig bist. Doch wirst du immer schweigen, o Herr?
Und jetzt ziehst du empor zu dir aus dem grausigen Abgrunde den Geist, der dich
sucht und den nach deiner Erquickung dürstet und sein Herz hält dir vor Ich
habe gesucht einst dein Antlitz, und nun suche ich dein Antlitz wieder, o Herr.
Denn fern von deinem Angesichte zu leben, das heißt in finsterer Leidenschaft
dahinwandeln, denn nicht mit dem Fuße oder räumlich entfernen wir uns von dir
oder kehren zu dir zurück. Oder suchte jener dein jüngerer Sohn Pferde, Wagen
oder Segel, oder floh er mit sichtbarem Fittich, oder legte er eilenden Fußes
den Weg zurück, daß er im fernen Lande als Verschwender lebe und das Gute
verprasse, das du dem Dahinziehenden mitgegeben hattest? Ein liebevoller Vater
warst du ihm, der du gabst, ein liebevollerer noch, da er mühselig und beladen
heimkehrte. So ist ein Leben in üppiger Lust ein Wandel in Finsternis und
Fernsein von dir.Siehe, o Herr, und siehe es nach deiner Gewohnheit mit Langmut
an, wie sorgfältig die Menschenkinder die Gesetze der Buchstaben und Silben,
die ihnen von den früheren Redenden überliefert sind, beobachten und dagegen
die von dir empfangenen dauernden Gesetze des ewigen Heils vernachlässigen, so
daß der, welcher jene alten Lautgesetze weiß und lehrt, größeres Mißfallen bei
den Menschen erregt, wenn er gegen die grammatische Regel ohne Aspiration der
ersten Silbe omo anstatt homo sagen würde, als wenn er deinen Geboten zuwider
selbst ein Mensch, seinesgleichen haßte. Gerade als ob er von irgendeinem
Feinde Verderblicheres erfahren könnte als von seinem Hasse selbst, der ihn
gegen denselben aufreizt, oder als wenn einer, indem er einen anderen verfolgt,
diesem einen schwereren Schaden zuzufügen imstande wäre, als er seinem Herzen
durch solche Feindschaft zufügt! Gewiß ist das sprachliche Wissen nicht
innerlicher als der ins Herz geschriebene Gewissensvorwurf: man tue dem andern,
was man selbst nicht leiden möge. Wie bist du so geheimnisvoll, der du
schweigend wohnst in der Höhe, o Gott, du allein Erhabener, der du nach einem
unermüdlich wirkenden Gesetze zur Strafe Blindheit ausgießest über unerlaubte
Begierden. Wenn ein Mensch den Ruhm der Beredsamkeit sucht und dasteht vor
einem menschlichen Richter, umgeben von einer Menschenmenge, seinen Feind mit
wildem Haß verfolgend, dann hütet er sich mit der größten Sorgfalt vor
Sprachfehlern wie: "Inter hominibus"; aber ohne Scheu vertilgt er in
seiner Raserei den Menschen aus dem Kreise der Menschen.
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