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Liebe und Gegenliebe, sie nur
erfreuten mich. Doch blieb ich nicht auf dem lichten Pfade der Freundschaft,
der von Seele zu Seele führt, sondern böse Dünste entstiegen dem Schlamme
meiner Fleischeslust und dem Sprudel meiner Jugend und umwölkten und
umnachteten mein Herz, daß es nicht mehr scheiden konnte die heitere Klarheit
der Liebe von dem Düster der Sinnenlust. Beides wogte und wallte wirr
durcheinander, riß meine ohnmächtige Jugend durch die Abgründe der Lust und
tauchte sie hinein in den Sündenpfuhl. Da entbrannte dein Zorn über mir und ich
erkannte es nicht. Das Klirren der Kette, die mich an die Sterblichkeit fesselt
zur Strafe für meinen Hochmut, machte mich taub (für deine Stimme), und weiter
und weiter ging ich von dir, und du ließest mich gewähren; ich trieb mich
umher, vergeudete meine Kräfte und schwächte mich und wallte mich in meinen
Ausschweifungen und du schwiegst. Du meine Freude, wie spät wurdest du mir
zuteil! Du schwiegst damals und ich entfernte mich immer weiter und weiter von
dir, immer mehr und mehr in jene unfruchtbare Saat, die nur Schmerzen gebiert
in stolzer Verworfenheit und friedloser Erschöpfung.
O, wer meinem Elende ein Maß
gesetzt und die flüchtige Schönheit des steten Wechsels mir zu Nutzen gewandelt
und ihren Reizen ein Ziel gesteckt hätte, daß die stürmischen Fluten meiner
Jugend, da sie nicht ruhen konnten, gebrandet wären am Ufer der Ehe, die sich
genügen läßt mit dem Zweck der Fortpflanzung, wie dein Gesetz,o Herr, es
vorschreibt, der du Kinder des Todes schaffst und deine linde Hand aufzulegen
vermagst zur Linderung der Dornen, die ausgeschlossen sind von deinem
Paradiese. Denn deine Allmacht ist nicht fern von uns, wenn wir auch fern sind
von dir. Wachsamer hätte ich gewißlich dann dein Wort, das aus deiner Wolke
hervorging, beachtet: Es werden solche leibliche Trübsal haben. Ich verschonte
aber eurer gern; und: Es ist dem Menschen gut, daß er kein Weib berühre, und:
Wer ledig ist, der sorget, was dem Herrn angehöret, wie er dem Herrn gefalle.
Wer aber freier, der sorget, was der Welt angehört, wie er dem Weibe gefalle.
Hätte ich wachsamer solchen Worten gelauscht, der Sinnenlust abgestorben um des
Himmelreichs willen, seliger hätte ich geharrt, von deiner himmlischen Liebe
umfangen zu werden.
Aber ich Elender brauste auf,
willenlos fortgerissen von den Wogen (die in meinem Innern stürmten), verließ
ich dich und übertrat alles, was dein Gesetz verordnet, und entrann deiner
Geißel nicht; wer von den Sterblichen könnte auch dies? Denn immer warst du mir
nahe in gnädigem Zorn und sprengtest bittersten Wermut auf alle meine
unerlaubten Freuden, auf daß ich Vergnügen aufsuchte ohne Schmerz, und hätte es
in meinem Vermögen gestanden, wahrlich, nichts hätte ich gefunden als nur dich
allein, o Herr, dich, der du Schmerz in dein Gebot legtest, der du verwandest,
um zu heilen, und tötest, auf daß wir dir nicht absterben. Wo war ich und wie
weit verbannt von den Ursonnen deines Hauses in jenem sechzehnten Jahre meines
leiblichen Lebens, da der Wahnsinn der Wollust die Herrschaft über mich gewann
und ich ihr beide Hände bot, ihr, die 'sich frech zur Schande der Menschen alles
erlauben darf und die doch deine Gesetze verbieten. Die Meinigen sorgten nicht
dafür, mich, den Strauchelnden, aufzuhalten und zu verheiraten; sie waren nur
darauf bedacht, daß ich möglichst gut und möglichst überzeugend reden lernte.
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