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Franz Kafka
Der Prozeß
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Drittes Kapitel. Im leeren Sitzungssaal - Der Student - Die Kanzleien
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Drittes
Kapitel
.
Im
leeren
Sitzungssaal
- Der
Student
- Die
Kanzleien
K
.
wartete
während
der
nächsten
Woche
von
Tag
zu
Tag
auf eine
neuerliche
Verständigung
, er konnte nicht
glauben
, daß man seinen
Verzicht
auf
Verhöre
wörtlich
genommen
hatte, und als die
erwartete
Verständigung
bis
Samstagabend
wirklich
nicht
kam
,
nahm
er an, er
sei
stillschweigend
in das
gleiche
Haus
für
die
gleiche
Zeit
wieder
vorgeladen
. Er
begab
sich daher
Sonntags
wieder hin,
ging
diesmal
geradewegs
über
Treppen
und
Gänge
; einige
Leute
, die sich seiner
erinnerten
,
grüßten
ihn
an ihren
Türen
, aber er
mußte
niemanden
mehr
fragen
und
kam
bald
zu der
richtigen
Tür
. Auf
sein
Klopfen
wurde
ihm
gleich
aufgemacht
, und ohne sich weiter nach der
bekannten
Frau
umzusehen
, die bei der
Tür
stehenblieb
,
wollte
er
gleich
ins
Nebenzimmer
. "
Heute
ist keine
Sitzung
",
sagte
die
Frau
. "Warum
sollte
keine
Sitzung
sein
?"
fragte
er und
wollte
es nicht
glauben
. Aber die
Frau
überzeugte
ihn
,
indem
sie die
Tür
des
Nebenzimmers
öffnete
. Es war
wirklich
leer
und
sah
in seiner
Leere
noch
kläglicher
aus als am
letzten
Sonntag
. Auf dem
Tisch
, der
unverändert
auf dem
Podium
stand
,
lagen
einige
Bücher
. "Kann ich mir die
Bücher
anschauen
?"
fragte
K
., nicht aus
besonderer
Neugierde
,
sondern
nur, um nicht
vollständig
nutzlos
hier
gewesen
zu
sein
. "Nein",
sagte
die
Frau
und
schloß
wieder die
Tür
, "das ist nicht
erlaubt
. Die
Bücher
gehören
dem
Untersuchungsrichter
." "
Ach
so",
sagte
K
. und
nickte
, "die
Bücher
sind
wohl
Gesetzbücher
und es
gehört
zu der
Art
dieses
Gerichtswesens
, daß man nicht nur
unschuldig
,
sondern
auch
unwissend
verurteilt
wird." "Es wird so
sein
",
sagte
die
Frau
, die
ihn
nicht
genau
verstanden
hatte. "Nun, dann
gehe
ich wieder",
sagte
K
. "
Soll
ich dem
Untersuchungsrichter
etwas
melden
?"
fragte
die
Frau
. "Sie
kennen
ihn
?"
fragte
K
. "
Natürlich
",
sagte
die
Frau
, "mein Mann ist ja
Gerichtsdiener
."
Erst
jetzt
merkte
K
., daß das
Zimmer
, in dem
letzthin
nur ein
Waschbottich
gestanden
war, jetzt ein
völlig
eingerichtetes
Wohnzimmer
bildete
. Die
Frau
bemerkte
sein
Staunen
und
sagte
: "Ja, wir haben hier
freie
Wohnung
,
müssen
aber an
Sitzungstagen
das
Zimmer
ausräumen
. Die
Stellung
meines
Mannes
hat
manche
Nachteile
." "Ich
staune
nicht so sehr über das
Zimmer
",
sagte
K
. und
blickte
sie
böse
an, "als
vielmehr
darüber
, daß Sie
verheiratet
sind." "
Spielen
Sie vielleicht auf den
Vorfall
in der
letzten
Sitzung
an, durch den ich Ihre
Rede
störte
?"
fragte
die
Frau
. "
Natürlich
",
sagte
K
., "
heute
ist es ja schon
vorüber
und fast
vergessen
, aber damals hat es mich
geradezu
wütend
gemacht
. Und nun
sagen
Sie selbst, daß Sie eine
verheiratete
Frau
sind." "Es war nicht zu Ihrem
Nachteil
, daß Ihre
Rede
abgebrochen
wurde
. Man hat nachher noch sehr
ungünstig
über sie
geurteilt
." "
Mag
sein
",
sagte
K
.
ablenkend
, "aber Sie
entschuldigt
das nicht." "Ich bin
vor
allen
entschuldigt
, die mich
kennen
",
sagte
die
Frau
, "der,
welcher
mich damals
umarmt
hat,
verfolgt
mich schon seit
langem
. Ich
mag
im
allgemeinen
nicht
verlockend
sein
,
für
ihn
bin ich es aber. Es
gibt
hierfür
keinen
Schutz
, auch mein Mann hat sich schon damit
abgefunden
; will er seine
Stellung
behalten
,
muß
er es
dulden
,
denn
jener
Mann ist
Student
und wird
voraussichtlich
zu
größerer
Macht
kommen
. Er ist
immerfort
hinter mir her,
gerade
ehe
Sie
kamen
, ist er
fortgegangen
." "Es
paßt
zu allem
anderen
",
sagte
K
., "es
überrascht
mich nicht." "Sie
wollen
hier
wohl
einiges
verbessern
?"
fragte
die
Frau
langsam
und
prüfend
, als
sage
sie etwas, was sowohl
für
sie als
für
K
.
gefährlich
war. "Ich habe das schon aus Ihrer
Rede
geschlossen
, die mir
persönlich
sehr
gut
gefallen
hat. Ich habe
allerdings
nur einen
Teil
gehört
, den
Anfang
habe ich
versäumt
und
während
des
Schlusses
lag
ich mit dem
Studenten
auf dem
Boden
. - Es ist ja so
widerlich
hier",
sagte
sie nach einer
Pause
und
faßte
K
.
s
Hand
. "
Glauben
Sie, daß es ihnen
gelingen
wird, eine
Besserung
zu
erreichen
?"
K
.
lächelte
und
drehte
seine
Hand
ein wenig in ihren
weichen
Händen
. "
Eigentlich
",
sagte
er, "bin ich nicht dazu
angestellt
,
Besserungen
hier zu
erreichen
, wie Sie sich
ausdrücken
, und wenn Sie es zum
Beispiel
dem
Untersuchungsrichter
sagten
,
würden
Sie
ausgelacht
oder
bestraft
werden.
Tatsächlich
hätte ich mich auch aus
freiem
Willen
in diese
Dinge
gewiß
nicht
eingemischt
, und meinen
Schlaf
hätte die
Verbesserungsbedürftigkeit
dieses
Gerichtswesens
niemals
gestört
. Aber ich bin
dadurch
, daß ich
angeblich
verhaftet
wurde
- ich bin
nämlich
verhaftet
-,
gezwungen
worden
, hier
einzugreifen
, und zwar um
meinetwillen
. Wenn ich aber dabei auch Ihnen irgendwie
nützlich
sein
kann,
werde
ich es
natürlich
sehr
gerne
tun. Nicht etwa nur aus
Nächstenliebe
,
sondern
außerdem
deshalb, weil auch Sie mir
helfen
können
." "Wie
könnte
ich
denn
das?"
fragte
die
Frau
. "
Indem
Sie mir zum
Beispiel
die
Bücher
dort auf dem
Tisch
zeigen
." "Aber
gewiß
",
rief
die
Frau
und
zog
ihn
eiligst
hinter sich her. Es
waren
alte
,
abgegriffene
Bücher
, ein
Einbanddeckel
war in der
Mitte
fast
zerbrochen
, die
Stücke
hingen
nur durch
Fasern
zusammen
. "Wie
schmutzig
hier alles ist",
sagte
K
.
kopfschüttelnd
, und die
Frau
wischte
mit ihrer
Schürze
,
ehe
K
. nach den
Büchern
greifen
konnte,
wenigstens
oberflächlich
den
Staub
weg
.
K
.
schlug
das
oberste
Buch
auf, es
erschien
ein
unanständiges
Bild
. Ein Mann und eine
Frau
saßen
nackt
auf einem
Kanapee
, die
gemeine
Absicht
des
Zeichners
war
deutlich
zu
erkennen
, aber seine
Ungeschicklichkeit
war so
groß
gewesen
, daß
schließlich
doch nur ein Mann und eine
Frau
zu
sehen
waren
, die
allzu
körperlich
aus dem
Bilde
hervorragten
,
übermäßig
aufrecht
dasaßen
und sich
infolge
falscher
Perspektive
nur
mühsam
einander
zuwendeten
.
K
.
blätterte
nicht weiter,
sondern
schlug
nur noch das
Titelblatt
des
zweiten
Buches
auf, es war ein
Roman
mit dem
Titel
: "Die
Plagen
,
welche
Grete
von ihrem
Manne
Hans
zu
erleiden
hatte." "Das sind die
Gesetzbücher
, die hier
studiert
werden",
sagte
K
., "von
solchen
Menschen
soll
ich
gerichtet
werden." "Ich
werde
Ihnen
helfen
",
sagte
die
Frau
. "
Wollen
Sie?" "
Könnten
Sie
denn
das
wirklich
, ohne sich selbst in
Gefahr
zu
bringen
? Sie
sagten
doch
vorhin
, Ihr Mann
sei
sehr
abhängig
von
Vorgesetzten
." "Trotzdem will ich Ihnen
helfen
",
sagte
die
Frau
, "
kommen
Sie, wir
müssen
es
besprechen
. Über meine
Gefahr
reden
Sie nicht mehr, ich
fürchte
die
Gefahr
nur dort, wo ich sie
fürchten
will.
Kommen
Sie." Sie
zeigte
auf das
Podium
und
bat
ihn
, sich mit ihr auf die
Stufe
zu
setzen
. "Sie haben
schöne
dunkle
Augen
",
sagte
sie, nachdem sie sich
gesetzt
hatten, und
sah
K
. von
unten
ins
Gesicht
, "man
sagt
mir, ich hätte auch
schöne
Augen
, aber Ihre sind viel
schöner
. Sie
fielen
mir
übrigens
gleich
damals auf, als Sie zum
erstenmal
hier
eintraten
. Sie
waren
auch der
Grund
, warum ich dann
später
hierher
ins
Versammlungszimmer
ging
, was ich sonst
niemals
tue
und was mir sogar
gewissermaßen
verboten
ist." Das ist also alles,
dachte
K
., sie
bietet
sich mir an, sie ist
verdorben
wie alle hier
rings
herum
, sie hat die
Gerichtsbeamten
satt
, was ja
begreiflich
ist, und
begrüßt
deshalb
jeden
beliebigen
Fremden
mit einem
Kompliment
wegen seiner
Augen
. Und
K
.
stand
stillschweigend
auf, als hätte er seine
Gedanken
laut
ausgesprochen
und
dadurch
der
Frau
sein
Verhalten
erklärt
. "Ich
glaube
nicht, daß Sie mir
helfen
können
",
sagte
er, "um mir
wirklich
zu
helfen
,
müßte
man
Beziehungen
zu
hohen
Beamten
haben. Sie aber
kennen
gewiß
nur die
niedrigen
Angestellten
, die sich hier in
Mengen
herumtreiben
. Diese
kennen
Sie
gewiß
sehr
gut
und
könnten
bei ihnen auch
manches
durchsetzen
, das
bezweifle
ich nicht, aber das
Größte
, was man bei ihnen
durchsetzen
könnte
,
wäre
für
den
endgültigen
Ausgang
des
Prozesses
gänzlich
belanglos
. Sie aber
hätten
sich
dadurch
doch einige
Freunde
verscherzt
. Das will ich nicht.
Führen
Sie Ihr
bisheriges
Verhältnis
zu diesen
Leuten
weiter, es
scheint
mir
nämlich
, daß es Ihnen
unentbehrlich
ist. Ich
sage
das nicht ohne
Bedauern
,
denn
, um Ihr
Kompliment
doch auch irgendwie zu
erwidern
, auch Sie
gefallen
mir
gut
,
besonders
wenn Sie mich wie jetzt so
traurig
ansehen
, wozu
übrigens
für
Sie
gar
kein
Grund
ist. Sie
gehören
zu der
Gesellschaft
, die ich
bekämpfen
muß
,
befinden
sich aber in ihr sehr
wohl
, Sie
lieben
sogar den
Studenten
, und wenn Sie
ihn
nicht
lieben
, so
ziehen
Sie
ihn
doch
wenigstens
Ihrem
Manne
vor
. Das konnte man aus Ihren
Worten
leicht
erkennen
." "Nein!"
rief
sie,
blieb
sitzen
und
griff
nach
K
.
s
Hand
, die er ihr nicht
rasch
genug
entzog
. "Sie
dürfen
jetzt nicht
weggehen
, Sie
dürfen
nicht mit einem
falschen
Urteil
über mich
weggehen
!
Brächten
Sie es
wirklich
zustande
, jetzt
wegzugehen
? Bin ich
wirklich
so
wertlos
, daß Sie mir nicht
einmal
den
Gefallen
tun
wollen
, noch ein
kleines
Weilchen
hierzubleiben
?" "Sie
mißverstehen
mich",
sagte
K
. und
setzte
sich, "wenn Ihnen
wirklich
daran
liegt
, daß ich hier
bleibe
,
bleibe
ich
gern
, ich habe ja
Zeit
, ich
kam
doch in der
Erwartung
her, daß
heute
eine
Verhandlung
sein
werde
. Mit dem, was ich
früher
sagte
,
wollte
ich Sie nur
bitten
, in
meinem
Prozeß
nichts
für
mich zu
unternehmen
. Aber auch das
muß
Sie nicht
kränken
, wenn Sie
bedenken
, daß mir am
Ausgang
des
Prozesses
gar
nichts
liegt
und daß ich über eine
Verurteilung
nur
lachen
werde
.
Vorausgesetzt
, daß es
überhaupt
zu einem
wirklichen
Abschluß
des
Prozesses
kommt
, was ich sehr
bezweifle
. Ich
glaube
vielmehr
, daß das
Verfahren
infolge
Faulheit
oder
Vergeßlichkeit
oder vielleicht sogar
infolge
Angst
der
Beamtenschaft
schon
abgebrochen
ist oder in der
nächsten
Zeit
abgebrochen
werden wird.
Möglich
ist
allerdings
auch, daß man in
Hoffnung
auf irgendeine
größere
Bestechung
den
Prozeß
scheinbar
weiterführen
wird,
ganz
vergeblich
, wie ich
heute
schon
sagen
kann,
denn
ich
besteche
niemanden
. Es
wäre
immerhin
eine
Gefälligkeit
, die Sie mir
leisten
könnten
, wenn Sie dem
Untersuchungsrichter
oder
irgend
jemandem
sonst, der
wichtige
Nachrichten
gern
verbreitet
,
mitteilten
, daß ich
niemals
und durch keine
Kunststücke
, an denen die
Herren
wohl
reich
sind, zu einer
Bestechung
zu
bewegen
sein
werde
. Es
wäre
ganz
aussichtslos
, das
können
Sie ihnen
offen
sagen
.
Übrigens
wird man es vielleicht selbst schon
bemerkt
haben, und selbst wenn dies nicht
sein
sollte
,
liegt
mir
gar
nicht so viel daran, daß man es jetzt schon
erfährt
. Es
würde
ja
dadurch
den
Herren
nur
Arbeit
erspart
werden,
allerdings
auch mir einige
Unannehmlichkeiten
, die ich aber
gern
auf mich
nehme
, wenn ich
weiß
, daß jede
gleichzeitig
ein
Hieb
für
die
anderen
ist. Und daß es so wird, dafür will ich
sorgen
.
Kennen
Sie
eigentlich
den
Untersuchungsrichter
?" "
Natürlich
",
sagte
die
Frau
, "an den
dachte
ich sogar
zuerst
, als ich Ihnen
Hilfe
anbot
. Ich
wußte
nicht, daß er nur ein
niedriger
Beamter
ist, aber
da
Sie es
sagen
, wird es
wahrscheinlich
richtig
sein
. Trotzdem
glaube
ich, daß, der
Bericht
, den er nach oben
liefert
,
immerhin
einigen
Einfluß
hat. Und er
schreibt
soviel
Berichte
. Sie
sagen
, daß die
Beamten
faul
sind, alle
gewiß
nicht,
besonders
dieser
Untersuchungsrichter
nicht, er
schreibt
sehr viel.
Letzten
Sonntag
zum
Beispiel
dauerte
die
Sitzung
bis gegen
Abend
. Alle
Leute
gingen
weg
, der
Untersuchungsrichter
aber
blieb
im
Saal
, ich
mußte
ihm
eine
Lampe
bringen
, ich hatte nur eine
kleine
Küchenlampe
, aber er war mit ihr
zufrieden
und
fing
gleich
zu
schreiben
an. Inzwischen war auch mein Mann
gekommen
, der an jenem
Sonntag
gerade
Urlaub
hatte, wir
holten
die
Möbel
,
richteten
wieder unser
Zimmer
ein, es
kamen
dann noch
Nachbarn
, wir
unterhielten
uns noch bei einer
Kerze
,
kurz
, wir
vergaßen
den
Untersuchungsrichter
und
gingen
schlafen
.
Plötzlich
in der
Nacht
, es
muß
schon
tief
in der
Nacht
gewesen
sein
,
wache
ich auf, neben dem
Bett
steht
der
Untersuchungsrichter
und
blendet
die
Lampe
mit der
Hand
ab, so daß auf meinen Mann kein
Licht
fällt
, es war
unnötige
Vorsicht
, mein Mann hat einen
solchen
Schlaf
, daß
ihn
auch das
Licht
nicht
geweckt
hätte. Ich war so
erschrocken
, daß ich fast
geschrien
hätte, aber der
Untersuchungsrichter
war sehr
freundlich
,
ermahnte
mich zur
Vorsicht
,
flüsterte
mir zu, daß er bis jetzt
geschrieben
habe, daß er mir jetzt die
Lampe
zurückbringe
und daß er
niemals
den
Anblick
vergessen
werde
, wie er mich
schlafend
gefunden
habe. Mit dem allem
wollte
ich Ihnen nur
sagen
, daß der
Untersuchungsrichter
tatsächlich
viele
Berichte
schreibt
,
insbesondere
über Sie,
denn
Ihre
Einvernahme
war
gewiß
einer der
Hauptgegenstände
der
sonntäglichen
Sitzung
. Solche
langen
Berichte
können
aber doch nicht
ganz
bedeutungslos
sein
.
Außerdem
aber
können
Sie doch auch aus dem
Vorfall
sehen
, daß sich der
Untersuchungsrichter
um mich
bewirbt
und daß ich
gerade
jetzt in der
ersten
Zeit
, er
muß
mich
überhaupt
erst
jetzt
bemerkt
haben,
großen
Einfluß
auf
ihn
haben kann. Daß
ihm
viel an mir
liegt
, dafür habe ich jetzt auch noch
andere
Beweise
. Er hat mir
gestern
durch den
Studenten
, zu dem er viel
Vertrauen
hat und der
sein
Mitarbeiter
ist,
seidene
Strümpfe
zum
Geschenk
geschickt
,
angeblich
dafür, daß ich das
Sitzungszimmer
aufräume
, aber das ist nur ein
Vorwand
,
denn
diese
Arbeit
ist doch nur meine
Pflicht
und
für
sie wird mein Mann
bezahlt
. Es sind
schöne
Strümpfe
,
sehen
Sie" - sie
streckte
die
Beine
,
zog
die
Röcke
bis zum
Knie
hinauf und
sah
auch selbst die
Strümpfe
an -, "es sind
schöne
Strümpfe
, aber doch
eigentlich
zu
fein
und
für
mich nicht
geeignet
."
Plötzlich
unterbrach
sie sich,
legte
ihre
Hand
auf
K
.
s
Hand
, als
wolle
sie
ihn
beruhigen
, und
flüsterte
: "
Still
,
Berthold
sieht
uns zu."
K
.
hob
langsam
den
Blick
. In der
Tür
des
Sitzungszimmers
stand
ein
junger
Mann, er war
klein
, hatte nicht
ganz
gerade
Beine
und
suchte
sich durch einen
kurzen
,
schütteren
,
rötlichen
Vollbart
, in dem er die
Finger
fortwährend
herumführte
,
Würde
zu
geben
.
K
.
sah
ihn
neugierig
an, es war ja der
erste
Student
der
unbekannten
Rechtswissenschaft
, dem er
gewissermaßen
menschlich
begegnete
, ein Mann, der
wahrscheinlich
auch
einmal
zu
höheren
Beamtenstellen
gelangen
würde
. Der
Student
dagegen
kümmerte
sich um
K
.
scheinbar
gar
nicht, er
winkte
nur mit einem
Finger
, den er
für
einen
Augenblick
aus seinem
Barte
zog
, der
Frau
und
ging
zum
Fenster
, die
Frau
beugte
sich zu
K
. und
flüsterte
: "
Seien
Sie mir nicht
böse
, ich
bitte
Sie
vielmals
,
denken
Sie auch nicht
schlecht
von mir, ich
muß
jetzt zu
ihm
gehen
, zu diesem
scheußlichen
Menschen
,
sehen
Sie nur seine
krummen
Beine
an. Aber ich
komme
gleich
zurück
, und dann
gehe
ich mit Ihnen, wenn Sie mich
mitnehmen
, ich
gehe
,
wohin
Sie
wollen
, Sie
können
mit mir tun, was Sie
wollen
, ich
werde
glücklich
sein
, wenn ich von hier
für
möglichst
lange
Zeit
fort
bin, am
liebsten
allerdings
für
immer." Sie
streichelte
noch
K
.
s
Hand
,
sprang
auf und
lief
zum
Fenster
.
Unwillkürlich
haschte
noch
K
. nach ihrer
Hand
ins
Leere
. Die
Frau
verlockte
ihn
wirklich
, er
fand
trotz
allem
Nachdenken
keinen
haltbaren
Grund
dafür, warum er der
Verlockung
nicht
nachgeben
sollte
. Den
flüchtigen
Einwand
, daß
ihn
die
Frau
für
das
Gericht
einfange
,
wehrte
er ohne
Mühe
ab. Auf
welche
Weise
konnte sie
ihn
einfangen
?
Blieb
er nicht immer so
frei
, daß er das
ganze
Gericht
,
wenigstens
soweit
es
ihn
betraf
,
sofort
zerschlagen
konnte? Konnte er nicht dieses
geringe
Vertrauen
zu sich haben? Und ihr
Anerbieten
einer
Hilfe
klang
aufrichtig
und war vielleicht nicht
wertlos
. Und es
gab
vielleicht keine
bessere
Rache
an dem
Untersuchungsrichter
und seinem
Anhang
, als daß er ihnen diese
Frau
entzog
und an sich
nahm
. Es
könnte
sich dann
einmal
der
Fall
ereignen
, daß der
Untersuchungsrichter
nach
mühevoller
Arbeit
an
Lügenberichten
über
K
. in
später
Nacht
das
Bett
der
Frau
leer
fand
. Und
leer
deshalb, weil sie
K
.
gehörte
, weil diese
Frau
am
Fenster
, dieser
üppige
,
gelenkige
,
warme
Körper
im
dunklen
Kleid
aus
grobem
,
schwerem
Stoff
,
durchaus
nur
K
.
gehörte
.
Nachdem er auf diese
Weise
die
Bedenken
gegen die
Frau
beseitigt
hatte,
wurde
ihm
das
leise
Zwiegespräch
am
Fenster
zu
lang
, er
klopfte
mit den
Knöcheln
auf das
Podium
und dann auch mit der
Faust
. Der
Student
sah
kurz
über die
Schulter
der
Frau
hinweg
nach
K
. hin,
ließ
sich aber nicht
stören
, ja
drückte
sich sogar
eng
an die
Frau
und
umfaßte
sie. Sie
senkte
tief
den
Kopf
, als
höre
sie
ihm
aufmerksam
zu, er
küßte
sie, als sie sich
bückte
,
laut
auf den
Hals
, ohne sich im
Reden
wesentlich
zu
unterbrechen
.
K
.
sah
darin die
Tyrannei
bestätigt
, die der
Student
nach den
Klagen
der
Frau
über sie
ausübte
,
stand
auf und
ging
im
Zimmer
auf und ab. Er
überlegte
unter
Seitenblicken
nach dem
Studenten
, wie er
ihn
möglichst
schnell
wegschaffen
könnte
, und es war
ihm
daher nicht
unwillkommen
, als der
Student
,
offenbar
gestört
durch
K
.
s
Herumgehen
, das schon
zeitweilig
zu einem
Trampeln
ausgeartet
war,
bemerkte
: "Wenn Sie
ungeduldig
sind,
können
Sie
weggehen
. Sie
hätten
auch schon
früher
weggehen
können
, es hätte Sie niemand
vermißt
. Ja, Sie
hätten
sogar
weggehen
sollen
, und zwar schon bei
meinem
Eintritt
, und zwar
schleunigst
." Es
mochte
in dieser
Bemerkung
alle
mögliche
Wut
zum
Ausbruch
kommen
,
jedenfalls
lag
darin aber auch der
Hochmut
des
künftigen
Gerichtsbeamten
, der zu einem
mißliebigen
Angeklagten
sprach
.
K
.
blieb
ganz
nahe
bei
ihm
stehen
und
sagte
lächelnd
: "Ich bin
ungeduldig
, das ist richtig, aber diese
Ungeduld
wird am
leichtesten
dadurch
zu
beseitigen
sein
, daß Sie uns
verlassen
. Wenn Sie aber vielleicht
hergekommen
sind, um zu
studieren
- ich
hörte
, daß Sie
Student
sind -, so will ich Ihnen
gerne
Platz
machen
und mit der
Frau
weggehen
. Sie werden
übrigens
noch viel
studieren
müssen
,
ehe
Sie
Richter
werden. Ich
kenne
zwar Ihr
Gerichtswesen
noch nicht sehr
genau
,
nehme
aber an, daß es mit
groben
Reden
allein, die Sie
allerdings
schon
unverschämt
gut
zu
führen
wissen
, noch
lange
nicht
getan
ist." "Man hätte
ihn
nicht so
frei
herumlaufen
lassen
sollen
",
sagte
der
Student
, als
wolle
er der
Frau
eine
Erklärung
für
K
.
s
beleidigende
Rede
geben
, "es war ein
Mißgriff
. Ich habe es dem
Untersuchungsrichter
gesagt
. Man hätte
ihn
zwischen den
Verhören
zumindest
in seinem
Zimmer
halten
sollen
. Der
Untersuchungsrichter
ist manchmal
unbegreiflich
." "
Unnütze
Reden
",
sagte
K
. und
streckte
die
Hand
nach der
Frau
aus, "
kommen
Sie." "
Ach
so",
sagte
der
Student
, "nein, nein, die
bekommen
Sie nicht", und mit einer
Kraft
, die man
ihm
nicht
zugetraut
hätte,
hob
er sie auf einen
Arm
und
lief
mit
gebeugtem
Rücken
,
zärtlich
zu ihr
aufsehend
, zur
Tür
. Eine
gewisse
Angst
vor
K
. war
hierbei
nicht zu
verkennen
, trotzdem
wagte
er es,
K
. noch zu
reizen
,
indem
er mit der
freien
Hand
den
Arm
der
Frau
streichelte
und
drückte
.
K
.
lief
ein
paar
Schritte
neben
ihm
her,
bereit
,
ihn
zu
fassen
und, wenn es
sein
mußte
, zu
würgen
,
da
sagte
die
Frau
: "Es
hilft
nichts, der
Untersuchungsrichter
läßt
mich
holen
, ich
darf
nicht mit Ihnen
gehen
, dieses
kleine
Scheusal
", sie
fuhr
hierbei
dem
Studenten
mit der
Hand
übers
Gesicht
, "dieses
kleine
Scheusal
läßt
mich nicht." "Und Sie
wollen
nicht
befreit
werden!"
schrie
K
. und
legte
die
Hand
auf die
Schulter
des
Studenten
, der mit den
Zähnen
nach ihr
schnappte
. "Nein!"
rief
die
Frau
und
wehrte
K
. mit
beiden
Händen
ab, "nein, nein, nur das nicht,
woran
denken
Sie
denn
! Das
wäre
mein
Verderben
.
Lassen
Sie
ihn
doch,
obitte
,
lassen
Sie
ihn
doch. Er
führt
ja nur den
Befehl
des
Untersuchungsrichters
aus und
trägt
mich zu
ihm
." "Dann
mag
er
laufen
und Sie will ich
nie
mehr
sehen
",
sagte
K
.
wütend
vor
Enttäuschung
und
gab
dem
Studenten
einen
Stoß
in den
Rücken
, daß er
kurz
stolperte
, um
gleich
darauf,
vor
Vergnügen
darüber
, daß er nicht
gefallen
war, mit seiner
Last
desto
höher
zu
springen
.
K
.
ging
ihnen
langsam
nach, er
sah
ein, daß das die
erste
zweifellose
Niederlage
war, die er von diesen
Leuten
erfahren
hatte. Es war
natürlich
kein
Grund
, sich deshalb zu
ängstigen
, er
erhielt
die
Niederlage
nur deshalb, weil er den
Kampf
aufsuchte
. Wenn er zu
Hause
bliebe
und
sein
gewohntes
Leben
führte
, war er jedem dieser
Leute
tausendfach
überlegen
und konnte
jeden
mit einem
Fußtritt
von seinem
Wege
räumen
. Und er
stellte
sich die
allerlächerlichste
Szene
vor
, die es zum
Beispiel
geben
würde
, wenn dieser
klägliche
Student
, dieses
aufgeblasene
Kind
, dieser
krumme
Bartträger
vor
Elsas
Bett
knien
und mit
gefalteten
Händen
um
Gnade
bitten
würde
.
K
.
gefiel
diese
Vorstellung
so, daß er
beschloß
, wenn sich nur irgendeine
Gelegenheit
dafür
ergeben
sollte
, den
Studenten
einmal
zu
Elsa
mitzunehmen
.
Aus
Neugierde
eilte
K
. noch zur
Tür
, er
wollte
sehen
,
wohin
die
Frau
getragen
wurde
, der
Student
würde
sie doch nicht etwa über die
Straßen
auf dem
Arm
tragen
. Es
zeigte
sich, daß der
Weg
viel
kürzer
war.
Gleich
gegenüber
der
Wohnung
führte
eine
schmale
hölzerne
Treppe
wahrscheinlich
zum
Dachboden
, sie
machte
eine
Wendung
, so daß man ihr
Ende
nicht
sah
. Über diese
Treppe
trug
der
Student
die
Frau
hinauf, schon sehr
langsam
und
stöhnend
,
denn
er war durch das
bisherige
Laufen
geschwächt
. Die
Frau
grüßte
mit der
Hand
zu
K
. hinunter und
suchte
durch
Auf-
und
Abziehen
der
Schultern
zu
zeigen
, daß sie an der
Entführung
unschuldig
sei
, viel
Bedauern
lag
aber in dieser
Bewegung
nicht.
K
.
sah
sie
ausdruckslos
wie eine
Fremde
an, er
wollte
weder
verraten
, daß er
enttäuscht
war, noch auch, daß er die
Enttäuschung
leicht
überwinden
könne
.
Die zwei
waren
schon
verschwunden
,
K
. aber
stand
noch immer in der
Tür
. Er
mußte
annehmen
, daß
ihn
die
Frau
nicht nur
betrogen
,
sondern
mit der
Angabe
, daß sie zum
Untersuchungsrichter
getragen
werde
, auch
belogen
habe. Der
Untersuchungsrichter
würde
doch nicht auf dem
Dachboden
sitzen
und
warten
. Die
Holztreppe
erklärte
nichts, so
lange
man sie auch
ansah
.
Da
bemerkte
K
. einen
kleinen
Zettel
neben dem
Aufgang
,
ging
hinüber
und
las
in einer
kindlichen
,
ungeübten
Schrift
: "
Aufgang
zu den
Gerichtskanzleien
." Hier auf dem
Dachboden
dieses
Miethauses
waren
also die
Gerichtskanzleien
? Das war keine
Einrichtung
, die viel
Achtung
einzuflößen
imstande
war und es war
für
einen
Angeklagten
beruhigend
, sich
vorzustellen
, wie wenig
Geldmittel
diesem
Gericht
zur
Verfügung
standen
, wenn es seine
Kanzleien
dort
unterbrachte
, wo die
Mietsparteien
, die schon selbst zu den
Ärmsten
gehörten
, ihren
unnützen
Kram
hinwerfen
.
Allerdings
war es nicht
ausgeschlossen
, daß man
Geld
genug hatte, daß aber die
Beamtenschaft
sich
darüber
warf
,
ehe
es
für
Gerichtszwecke
verwendet
wurde
. Das war nach den
bisherigen
Erfahrungen
K
.
s
sogar sehr
wahrscheinlich
, nur war dann eine solche
Verlotterung
des
Gerichtes
für
einen
Angeklagten
zwar
entwürdigend
, aber im
Grunde
noch
beruhigender
, als es die
Armut
des
Gerichtes
gewesen
wäre
. Nun war es
K
. auch
begreiflich
, daß man sich beim
ersten
Verhör
schämte
, den
Angeklagten
auf den
Dachboden
vorzuladen
und es
vorzog
,
ihn
in seiner
Wohnung
zu
belästigen
. In
welcher
Stellung
befand
sich doch
K
.
gegenüber
dem
Richter
, der auf dem
Dachboden
saß
,
während
er selbst in der
Bank
ein
großes
Zimmer
mit einem
Vorzimmer
hatte und durch eine
riesige
Fensterscheibe
auf den
belebten
Stadtplatz
hinuntergehen
konnte!
Allerdings
hatte er keine
Nebeneinkünfte
aus
Bestechungen
oder
Unterschlagungen
und konnte sich auch vom
Diener
keine
Frau
auf dem
Arm
ins
Büro
tragen
lassen
. Darauf
wollte
K
. aber,
wenigstens
in diesem
Leben
,
gerne
verzichten
.
K
.
stand
noch
vor
dem
Anschlagzettel
, als ein Mann die
Treppe
heraufkam
, durch die
offene
Tür
ins
Wohnzimmer
sah
, aus dem man auch das
Sitzungszimmer
sehen
konnte, und
schließlich
K
.
fragte
, ob er hier nicht
vor
kurzem
eine
Frau
gesehen
habe. "Sie sind der
Gerichtsdiener
, nicht?"
fragte
K
. "Ja",
sagte
der Mann, "
ach
so, Sie sind der
Angeklagte
K
., jetzt
erkenne
ich Sie auch,
seien
Sie
willkommen
." Und er
reichte
K
., der es
gar
nicht
erwartet
hatte, die
Hand
. "
Heute
ist aber keine
Sitzung
angezeigt
",
sagte
dann der
Gerichtsdiener
, als
K
.
schwieg
. "Ich
weiß
",
sagte
K
. und
betrachtete
den
Zivilrock
des
Gerichtsdieners
, der als
einziges
amtliches
Abzeichen
neben
einigen
gewöhnlichen
Knöpfen
auch zwei
vergoldete
Knöpfe
aufwies
, die von einem
alten
Offiziersmantel
abgetrennt
zu
sein
schienen
. "Ich habe
vor
einem
Weilchen
mit Ihrer
Frau
gesprochen
. Sie ist nicht mehr hier. Der
Student
hat sie zum
Untersuchungsrichter
getragen
." "
Sehen
Sie",
sagte
der
Gerichtsdiener
, "immer
trägt
man sie mir
weg
.
Heute
ist doch
Sonntag
, und ich bin zu keiner
Arbeit
verpflichtet
, aber nur, um mich von hier zu
entfernen
,
schickt
man mich mit einer
jedenfalls
unnützen
Meldung
weg
. Und zwar
schickt
man mich nicht
weit
weg
, so daß ich die
Hoffnung
habe, wenn ich mich sehr
beeile
, vielleicht noch
rechtzeitig
zurückzukommen
. Ich
laufe
also, so sehr ich kann,
schreie
dem
Amt
, zu dem ich
geschickt
wurde
, meine
Meldung
durch den
Türspalt
so
atemlos
zu, daß man sie
kaum
verstanden
haben wird,
laufe
wieder
zurück
, aber der
Student
hat sich noch mehr
beeilt
als ich, er hatte
allerdings
auch einen
kürzeren
Weg
, er
mußte
nur die
Bodentreppe
hinunterlaufen
.
Wäre
ich nicht so
abhängig
, ich hätte den
Studenten
schon
längst
hier an der
Wand
zerdrückt
. Hier neben dem
Anschlagzettel
. Davon
träume
ich immer. Hier, ein wenig über dem
Fußboden
, ist er
festgedrückt
, die
Arme
gestreckt
, die
Finger
gespreizt
, die
krummen
Beine
zum
Kreis
gedreht
, und
ringsherum
Blutspritzer
.
Bisher
war es aber nur
Traum
." "Eine
andere
Hilfe
gibt
es nicht?"
fragte
K
.
lächelnd
. "Ich
wüßte
keine",
sagte
der
Gerichtsdiener
. "Und jetzt wird es ja noch
ärger
,
bisher
hat er sie nur zu sich
getragen
, jetzt
trägt
er sie, was ich
allerdings
längst
erwartet
habe, auch zum
Untersuchungsrichter
." "Hat
denn
ihre
Frau
gar
keine
Schuld
dabei",
fragte
K
., er
mußte
sich bei dieser
Frage
bezwingen
, so sehr
fühlte
auch er jetzt die
Eifersucht
. "Aber
gewiß
",
sagte
der
Gerichtsdiener
, "sie hat sogar die
größte
Schuld
. Sie hat sich ja an
ihn
gehängt
. Was
ihn
betrifft
, er
läuft
allen
Weibern
nach. In diesem
Hause
allein ist er schon aus
fünf
Wohnungen
, in die er sich
eingeschlichen
hat,
hinausgeworfen
worden
. Meine
Frau
ist
allerdings
die
Schönste
im
ganzen
Haus
, und
gerade
ich
darf
mich nicht
wehren
." "Wenn es sich so
verhält
, dann
gibt
es
allerdings
keine
Hilfe
",
sagte
K
. "Warum
denn
nicht?"
fragte
der
Gerichtsdiener
. "Man
müßte
den
Studenten
, der ein
Feigling
ist,
einmal
, wenn er meine
Frau
anrühren
will, so
durchprügeln
, daß er es
niemals
mehr
wagt
. Aber ich
darf
es nicht, und
andere
machen
mir den
Gefallen
nicht,
denn
alle
fürchten
seine
Macht
. Nur ein Mann wie Sie
könnte
es tun." "Wieso
denn
ich?"
fragte
K
.
erstaunt
. "Sie sind doch
angeklagt
",
sagte
der
Gerichtsdiener
. "Ja",
sagte
K
., "aber
desto
mehr
müßte
ich doch
fürchten
, daß er, wenn auch vielleicht nicht
Einfluß
auf den
Ausgang
des
Prozesses
, so doch
wahrscheinlich
auf die
Voruntersuchung
hat." "Ja,
gewiß
",
sagte
der
Gerichtsdiener
, als
sei
die
Ansicht
K
.
s
genau
so richtig wie seine eigene. "Es werden aber bei uns in der
Regel
keine
aussichtslosen
Prozesse
geführt
." "Ich bin nicht ihrer
Meinung
",
sagte
K
., "das
soll
mich aber nicht
hindern
,
gelegentlich
den
Studenten
in
Behandlung
zu
nehmen
." "Ich
wäre
Ihnen sehr
dankbar
",
sagte
der
Gerichtsdiener
etwas
förmlich
, er
schien
eigentlich
doch nicht an die
Erfüllbarkeit
seines
höchsten
Wunsches
zu
glauben
. "Es
würden
vielleicht",
fuhr
K
.
fort
, "auch noch
andere
Ihrer
Beamten
und vielleicht sogar alle das
gleiche
verdienen
." "Ja, ja",
sagte
der
Gerichtsdiener
, als
handle
es sich um etwas
Selbstverständliches
. Dann
sah
er
K
. mit einem
zutraulichen
Blick
an, wie er es
bisher
trotz
aller
Freundlichkeit
nicht
getan
hatte, und
fügte
hinzu: "Man
rebelliert
eben
immer." Aber das
Gespräch
schien
ihm
doch ein wenig
unbehaglich
geworden
zu
sein
,
denn
er
brach
es ab,
indem
er
sagte
: "Jetzt
muß
ich mich in der
Kanzlei
melden
.
Wollen
Sie
mitkommen
?" "Ich habe dort nichts zu tun",
sagte
K
. "Sie
können
die
Kanzleien
ansehen
. Es wird sich niemand um Sie
kümmern
." "Ist es
denn
sehenswert
?"
fragte
K
.
zögernd
, hatte aber
große
Lust
,
mitzugehen
. "Nun",
sagte
der
Gerichtsdiener
, "ich
dachte
, es
würde
Sie
interessieren
." "
Gut
",
sagte
K
.
schließlich
, "ich
gehe
mit." Und er
lief
schneller
als der
Gerichtsdiener
die
Treppe
hinauf.
Beim
Eintritt
wäre
er fast
hingefallen
,
denn
hinter der
Tür
war noch eine
Stufe
. "Auf das
Publikum
nimmt
man nicht viel
Rücksicht
",
sagte
er. "Man
nimmt
überhaupt
keine
Rücksicht
",
sagte
der
Gerichtsdiener
, "
sehen
Sie nur hier das
Wartezimmer
." Es war ein
langer
Gang
, von dem aus
roh
gezimmerte
Türen
zu den
einzelnen
Abteilungen
des
Dachbodens
führten
. Obwohl kein
unmittelbarer
Lichtzutritt
bestand
, war es doch nicht
vollständig
dunkel
,
denn
manche
Abteilungen
hatten gegen den
Gang
zu statt
einheitlicher
Bretterwände
bloße
,
allerdings
bis zur
Decke
reichende
Holzgitter
, durch die
einiges
Licht
drang
und durch die man auch
einzelne
Beamte
sehen
konnte, wie sie an
Tischen
schrieben
oder
geradezu
am
Gitter
standen
und durch die
Lücken
die
Leute
auf dem
Gang
beobachteten
. Es
waren
,
wahrscheinlich
weil
Sonntag
war, nur wenig
Leute
auf dem
Gang
. Sie
machten
einen sehr
bescheidenen
Eindruck
. In fast
regelmäßigen
Entfernungen
voneinander
saßen
sie auf den zwei
Reihen
langer
Holzbänke
, die zu
beiden
Seiten
des
Ganges
angebracht
waren
. Alle
waren
vernachlässigt
angezogen
, obwohl die
meisten
nach dem
Gesichtsausdruck
, der
Haltung
, der
Barttracht
und
vielen
,
kaum
sicherzustellenden
kleinen
Einzelheiten
den
höheren
Klassen
angehörten
.
Da
keine
Kleiderhaken
vorhanden
waren
, hatten sie die
Hüte
,
wahrscheinlich
einer dem
Beispiel
des
anderen
folgend
, unter die
Bank
gestellt
. Als die,
welche
zunächst
der
Tür
saßen
,
K
. und den
Gerichtsdiener
erblickten
,
erhoben
sie sich zum
Gruß
,
da
das die
Folgenden
sahen
,
glaubten
sie auch
grüßen
zu
müssen
, so daß alle beim
Vorbeigehen
der
beiden
sich
erhoben
. Sie
standen
niemals
vollständig
aufrecht
, der
Rücken
war
geneigt
, die
Knie
geknickt
, sie
standen
wie
Straßenbettler
.
K
.
wartete
auf den ein wenig hinter
ihm
gehenden
Gerichtsdiener
und
sagte
: "Wie
gedemütigt
die
sein
müssen
." "Ja",
sagte
der
Gerichtsdiener
, "es sind
Angeklagte
, alle, die Sie hier
sehn
, sind
Angeklagte
." "
Wirklich
!"
sagte
K
. "Dann sind es ja meine
Kollegen
." Und er
wandte
sich an den
nächsten
, einen
großen
,
schlanken
, schon fast
grauhaarigen
Mann. "
Worauf
warten
Sie hier?"
fragte
K
.
höflich
. Die
unerwartete
Ansprache
aber
machte
den Mann
verwirrt
, was um so
peinlicher
aussah
,
da
es sich
offenbar
um einen
welterfahrenen
Menschen
handelte
, der
anderswo
gewiß
sich zu
beherrschen
verstand
und die
Überlegenheit
, die er sich über viele
erworben
hatte, nicht
leicht
aufgab
. Hier aber
wußte
er auf eine so
einfache
Frage
nicht zu
antworten
und
sah
auf die
anderen
hin, als
seien
sie
verpflichtet
,
ihm
zu
helfen
, und als
könne
niemand von
ihm
eine
Antwort
verlangen
, wenn diese
Hilfe
ausbliebe
.
Da
trat
der
Gerichtsdiener
hinzu und
sagte
, um den Mann zu
beruhigen
und
aufzumuntern
: "Der
Herr
hier
fragt
ja nur,
worauf
Sie
warten
.
Antworten
Sie doch." Die
ihm
wahrscheinlich
bekannte
Stimme
des
Gerichtsdieners
wirkte
besser
: "Ich
warte
-"
begann
er und
stockte
.
Offenbar
hatte er diesen
Anfang
gewählt
, um
ganz
genau
auf die
Fragestellung
zu
antworten
,
fand
aber jetzt die
Fortsetzung
nicht. Einige der
Wartenden
hatten sich
genähert
und
umstanden
die
Gruppe
, der
Gerichtsdiener
sagte
zu ihnen: "
Weg
,
weg
,
macht
den
Gang
frei
." Sie
wichen
ein wenig
zurück
, aber nicht bis zu ihren
früheren
Sitzen
. Inzwischen hatte sich der
Gefragte
gesammelt
und
antwortete
sogar mit einem
kleinen
Lächeln
: "Ich habe
vor
einem
Monat
einige
Beweisanträge
in meiner
Sache
gemacht
und
warte
auf die
Erledigung
." "Sie
scheinen
sich ja viele
Mühe
zu
geben
",
sagte
K
. "Ja",
sagte
der Mann, "es ist ja meine
Sache
." "Jeder
denkt
nicht so wie Sie",
sagte
K
., "ich zum
Beispiel
bin auch
angeklagt
, habe aber, so
wahr
ich
selig
werden will, weder einen
Beweisantrag
gestellt
, noch auch sonst
irgend
etwas
Derartiges
unternommen
.
Halten
Sie
denn
das
für
nötig
?" "Ich
weiß
nicht
genau
",
sagte
der Mann wieder in
vollständiger
Unsicherheit
; er
glaubte
offenbar
,
K
.
mache
mit
ihm
einen
Scherz
, deshalb hätte er
wahrscheinlich
am
liebsten
, aus
Furcht
,
irgendeinen
neuen
Fehler
zu
machen
, seine
frühere
Antwort
ganz
wiederholt
,
vor
K
.
s
ungeduldigem
Blick
aber
sagte
er nur: "Was mich
betrifft
, ich habe
Beweisanträge
gestellt
." "Sie
glauben
wohl
nicht, daß ich
angeklagt
bin?"
fragte
K
. "
Obitte
,
gewiß
",
sagte
der Mann, und
trat
ein wenig zur
Seite
, aber in der
Antwort
war nicht
Glaube
,
sondern
nur
Angst
. "Sie
glauben
mir also nicht?"
fragte
K
. und
faßte
ihn
,
unbewußt
durch das
demütige
Wesen
des
Mannes
aufgefordert
, beim
Arm
, als
wolle
er
ihn
zum
Glauben
zwingen
. Aber er
wollte
ihm
nicht
Schmerz
bereiten
, hatte
ihn
auch nur
ganz
leicht
angegriffen
, trotzdem
schrie
der Mann auf, als habe
K
.
ihn
nicht mit zwei
Fingern
,
sondern
mit einer
glühenden
Zange
erfaßt
. Dieses
lächerliche
Schreien
machte
ihn
K
.
endgültig
überdrüssig
;
glaubte
man
ihm
nicht, daß er
angeklagt
war, so war es
desto
besser
; vielleicht
hielt
er
ihn
sogar
für
einen
Richter
. Und er
faßte
ihn
nun zum
Abschied
wirklich
fester
,
stieß
ihn
auf die
Bank
zurück
und
ging
weiter. "Die
meisten
Angeklagten
sind so
empfindlich
",
sagte
der
Gerichtsdiener
. Hinter ihnen
sammelten
sich jetzt fast alle
Wartenden
um den Mann, der schon zu
schreien
aufgehört
hatte, und
schienen
ihn
über den
Zwischenfall
genau
auszufragen
.
K
.
entgegen
kam
jetzt ein
Wächter
, der
hauptsächlich
an einem
Säbel
kenntlich
war, dessen
Scheide
,
wenigstens
der
Farbe
nach, aus
Aluminium
bestand
.
K
.
staunte
darüber
und
griff
sogar mit der
Hand
hin. Der
Wächter
, der wegen des
Schreiens
gekommen
war,
fragte
nach dem
Vorgefallenen
. Der
Gerichtsdiener
suchte
ihn
mit
einigen
Worten
zu
beruhigen
, aber der
Wächter
erklärte
, doch noch selbst
nachsehen
zu
müssen
,
salutierte
und
ging
weiter mit sehr
eiligen
, aber sehr
kurzen
,
wahrscheinlich
durch
Gicht
abgemessenen
Schritten
.
K
.
kümmerte
sich nicht
lange
um
ihn
und die
Gesellschaft
auf dem
Gang
,
besonders
da
er etwa in der
Hälfte
des
Ganges
die
Möglichkeit
sah
,
rechts
durch eine
türlose
Öffnung
einzubiegen
. Er
verständigte
sich mit dem
Gerichtsdiener
darüber
, ob das der
richtige
Weg
sei
, der
Gerichtsdiener
nickte
, und
K
.
bog
nun
wirklich
dort ein. Es war
ihm
lästig
, daß er immer einen oder zwei
Schritte
vor
dem
Gerichtsdiener
gehen
mußte
, es konnte
wenigstens
an diesem
Ort
den
Anschein
haben, als ob er
verhaftet
vorgeführt
werde
. Er
wartete
also
öfters
auf den
Gerichtsdiener
, aber dieser
blieb
gleich
wieder
zurück
.
Schließlich
sagte
K
., um seinem
Unbehagen
ein
Ende
zu
machen
: "Nun habe ich
gesehen
, wie es hier
aussieht
, ich will jetzt
weggehen
." "Sie haben noch nicht alles
gesehen
",
sagte
der
Gerichtsdiener
vollständig
unverfänglich
. "Ich will nicht alles
sehen
",
sagte
K
., der sich
übrigens
wirklich
müde
fühlte
, "ich will
gehen
, wie
kommt
man zum
Ausgang
?" "Sie haben sich doch nicht schon
verirrt
?"
fragte
der
Gerichtsdiener
erstaunt
, "Sie
gehen
hier bis zur
Ecke
und dann
rechts
den
Gang
hinunter
geradeaus
zur
Tür
." "
Kommen
Sie mit",
sagte
K
., "
zeigen
Sie mir den
Weg
, ich
werde
ihn
verfehlen
, es sind hier so viele
Wege
." "Es ist der
einzige
Weg
",
sagte
der
Gerichtsdiener
nun schon
vorwurfsvoll
, "ich kann nicht wieder mit Ihnen
zurückgehen
, ich
muß
doch meine
Meldung
vorbringen
und habe schon viel
Zeit
durch Sie
versäumt
." "
Kommen
Sie mit!"
wiederholte
K
. jetzt
schärfer
, als habe er
endlich
den
Gerichtsdiener
auf einer
Unwahrheit
ertappt
. "
Schreien
Sie doch nicht so",
flüsterte
der
Gerichtsdiener
, "es sind ja hier
überall
Büros
. Wenn Sie nicht allein
zurückgehen
wollen
, so
gehen
Sie noch ein
Stückchen
mit mir oder
warten
Sie hier, bis ich meine
Meldung
erledigt
habe, dann will ich ja
gern
mit Ihnen wieder
zurückgehen
." "Nein, nein",
sagte
K
., "ich
werde
nicht
warten
, und Sie
müssen
jetzt mit mir
gehen
."
K
. hatte sich noch
gar
nicht in dem
Raum
umgesehen
, in dem er sich
befand
,
erst
als jetzt eine der
vielen
Holztüren
, die
ringsherum
standen
, sich
öffnete
,
blickte
er hin. Ein
Mädchen
, das
wohl
durch
K
.
s
lautes
Sprechen
herbeigerufen
war,
trat
ein und
fragte
: "Was
wünscht
der
Herr
?" Hinter ihr in der
Ferne
sah
man im
Halbdunkel
noch einen Mann sich
nähern
.
K
.
blickte
den
Gerichtsdiener
an. Dieser hatte doch
gesagt
, daß sich niemand um
K
.
kümmern
werde
, und nun
kamen
schon zwei, es
brauchte
nur wenig und die
Beamtenschaft
wurde
auf
ihn
aufmerksam
,
würde
eine
Erklärung
seiner
Anwesenheit
haben
wollen
. Die
einzig
verständliche
und
annehmbare
war die, daß er
Angeklagter
war und das
Datum
des
nächsten
Verhörs
erfahren
wollte
,
gerade
diese
Erklärung
aber
wollte
er nicht
geben
,
besonders
da
sie auch nicht
wahrheitsgemäß
war,
denn
er war nur aus
Neugierde
gekommen
oder, was als
Erklärung
noch
unmöglicher
war, aus dem
Verlangen
,
festzustellen
, daß das
Innere
dieses
Gerichtswesens
ebenso
widerlich
war wie
sein
Äußeres
. Und es
schien
ja, daß er mit dieser
Annahme
recht
hatte, er
wollte
nicht weiter
eindringen
, er war
beengt
genug von dem, was er
bisher
gesehen
hatte, er war
gerade
jetzt nicht in der
Verfassung
, einem
höheren
Beamten
gegenüberzutreten
, wie er hinter jeder
Tür
auftauchen
konnte, er
wollte
weggehen
, und zwar mit dem
Gerichtsdiener
oder allein, wenn es
sein
mußte
.
Aber
sein
stummes
Dastehen
mußte
auffallend
sein
, und
wirklich
sahen
ihn
das
Mädchen
und der
Gerichtsdiener
derartig
an, als ob in der
nächsten
Minute
irgendeine
große
Verwandlung
mit
ihm
geschehen
müsse
, die sie zu
beobachten
nicht
versäumen
wollten
. Und in der
Türöffnung
stand
der Mann, den
K
.
früher
in der
Ferne
bemerkt
hatte, er
hielt
sich am
Deckbalken
der
niedrigen
Tür
fest
und
schaukelte
ein wenig auf den
Fußspitzen
, wie ein
ungeduldiger
Zuschauer
. Das
Mädchen
aber
erkannte
doch
zuerst
, daß das
Benehmen
K
.
s
in einem
leichten
Unwohlsein
seinen
Grund
hatte, sie
brachte
einen
Sessel
und
fragte
: "
Wollen
Sie sich nicht
setzen
?"
K
.
setzte
sich
sofort
und
stützte
, um noch
besseren
Halt
zu
bekommen
, die
Ellbogen
auf die
Lehnen
. "Sie haben ein wenig
Schwindel
, nicht?"
fragte
sie
ihn
. Er hatte nun ihr
Gesicht
nahe
vor
sich, es hatte den
strengen
Ausdruck
, wie
ihn
manche
Frauen
gerade
in ihrer
schönsten
Jugend
haben. "
Machen
Sie sich
darüber
keine
Gedanken
",
sagte
sie, "das ist hier nichts
Außergewöhnliches
, fast jeder
bekommt
einen
solchen
Anfall
, wenn er zum
erstenmal
herkommt
. Sie sind zum
erstenmal
hier? Nun ja, das ist also nichts
Außergewöhnliches
. Die
Sonne
brennt
hier auf das
Dachgerüst
, und das
heiße
Holz
macht
die
Luft
so
dumpf
und
schwer
. Der
Ort
ist deshalb
für
Büroräumlichkeiten
nicht sehr
geeignet
, so
große
Vorteile
er
allerdings
sonst
bietet
. Aber was die
Luft
betrifft
, so ist sie an
Tagen
großen
Parteienverkehrs
, und das ist fast jeder
Tag
,
kaum
mehr
atembar
. Wenn Sie dann noch
bedenken
, daß hier auch
vielfach
Wäsche
zum
Trocknen
ausgehängt
wird - man kann es den
Mietern
nicht
gänzlich
untersagen
-, so werden Sie sich nicht mehr
wundern
, daß Ihnen ein wenig
übel
wurde
. Aber man
gewöhnt
sich
schließlich
an die
Luft
sehr
gut
. Wenn Sie zum
zweiten-
oder
drittenmal
herkommen
, werden Sie das
Drückende
hier
kaum
mehr
spüren
.
Fühlen
Sie sich schon
besser
?"
K
.
antwortete
nicht, es war
ihm
zu
peinlich
, durch diese
plötzliche
Schwäche
den
Leuten
hier
ausgeliefert
zu
sein
,
überdies
war
ihm
,
da
er jetzt die
Ursachen
seiner
Übelkeit
erfahren
hatte, nicht
besser
,
sondern
noch ein wenig
schlechter
. Das
Mädchen
merkte
es
gleich
,
nahm
, um
K
. eine
Erfrischung
zu
bereiten
, eine
Hakenstange
, die an der
Wand
lehnte
, und
stieß
damit eine
kleine
Luke
auf, die
gerade
über
K
.
angebracht
war und
ins
Freie
führte
. Aber es
fiel
so viel
Ruß
herein
, daß das
Mädchen
die
Luke
gleich
wieder
zuziehen
und mit ihrem
Taschentuch
die
Hände
K
.
s
vom
Ruß
reinigen
mußte
,
denn
K
. war zu
müde
, um das selbst zu
besorgen
. Er
wäre
gern
hier
ruhig
sitzengeblieben
, bis er sich zum
Weggehen
genügend
gekräftigt
hatte, das
mußte
aber um so
früher
geschehen
,
je
weniger
man sich um
ihn
kümmern
würde
. Nun
sagte
aber
überdies
das
Mädchen
: "Hier
können
Sie nicht
bleiben
, hier
stören
wir den
Verkehr
-"
K
.
fragte
mit den
Blicken
,
welchen
Verkehr
er
denn
hier
störe
- "Ich
werde
Sie, wenn Sie
wollen
,
ins
Krankenzimmer
führen
.
Helfen
Sie mir,
bitte
",
sagte
sie zu dem Mann in der
Tür
, der auch
gleich
näher
kam
. Aber
K
.
wollte
nicht
ins
Krankenzimmer
,
gerade
das
wollte
er ja
vermeiden
, weiter
geführt
zu werden,
je
weiter er
kam
,
desto
ärger
mußte
es werden. "Ich kann schon
gehen
",
sagte
er deshalb und
stand
, durch das
bequeme
Sitzen
verwöhnt
,
zitternd
auf. Dann aber konnte er sich nicht
aufrecht
halten
. "Es
geht
doch nicht",
sagte
er
kopfschüttelnd
und
setzte
sich
seufzend
wieder nieder. Er
erinnerte
sich an den
Gerichtsdiener
, der
ihn
trotz
allem
leicht
hinausführen
könnte
, aber der
schien
schon
längst
weg
zu
sein
,
K
.
sah
zwischen dem
Mädchen
und dem Mann, die
vor
ihm
standen
,
hindurch
, konnte aber den
Gerichtsdiener
nicht
finden
.
"Ich
glaube
",
sagte
der Mann, der
übrigens
elegant
gekleidet
war und
besonders
durch eine
graue
Weste
auffiel
, die in zwei
langen
,
scharfgeschnittenen
Spitzen
endigte
, "das
Unwohlsein
des
Herrn
geht
auf die
Atmosphäre
hier
zurück
, es wird daher am
besten
und auch
ihm
am
liebsten
sein
, wenn wir
ihn
nicht
erst
ins
Krankenzimmer
,
sondern
überhaupt
aus den
Kanzleien
hinausführen
." "Das ist es",
rief
K
. und
fuhr
vor
lauter
Freude
fast noch in die
Rede
des
Mannes
hinein, "mir wird
gewiß
sofort
besser
werden, ich bin auch
gar
nicht so
schwach
, nur ein wenig
Unterstützung
unter den
Achseln
brauche
ich, ich
werde
Ihnen nicht viel
Mühe
machen
, es ist ja auch kein
langer
Weg
,
führen
Sie mich nur zur
Tür
, ich
setze
mich dann noch ein wenig auf die
Stufen
und
werde
gleich
erholt
sein
, ich
leide
nämlich
gar
nicht unter
solchen
Anfällen
, es
kommt
mir selbst
überraschend
. Ich bin doch auch
Beamter
und an
Büroluft
gewöhnt
, aber hier
scheint
es doch zu
arg
, Sie
sagen
es selbst.
Wollen
Sie also die
Freundlichkeit
haben, mich ein wenig zu
führen
, ich habe
nämlich
Schwindel
, und es wird mir
schlecht
, wenn ich allein
aufstehe
." Und er
hob
die
Schultern
, um es den
beiden
zu
erleichtern
,
ihm
unter die
Arme
zu
greifen
.
Aber der Mann
folgte
der
Aufforderung
nicht,
sondern
hielt
die
Hände
ruhig
in den
Hosentaschen
und
lachte
laut
. "
Sehen
Sie",
sagte
er zu dem
Mädchen
, "ich habe also doch das
Richtige
getroffen
. Dem
Herrn
ist nur hier nicht
wohl
, nicht im
allgemeinen
." Das
Mädchen
lächelte
auch,
schlug
aber dem Mann
leicht
mit den
Fingerspitzen
auf den
Arm
, als hätte er sich mit
K
. einen zu
starken
Spaß
erlaubt
. "Aber was
denken
Sie
denn
",
sagte
der Mann noch immer
lachend
, "ich will ja den
Herrn
wirklich
hinausführen
." "Dann ist es
gut
",
sagte
das
Mädchen
,
indem
sie ihren
zierlichen
Kopf
für
einen
Augenblick
neigte
. "
Messen
Sie dem
Lachen
nicht
zuviel
Bedeutung
zu",
sagte
das
Mädchen
zu
K
., der, wieder
traurig
geworden
,
vor
sich
hinstarrte
und keine
Erklärung
zu
brauchen
schien
, "dieser
Herr
- ich
darf
Sie doch
vorstellen
?" (der
Herr
gab
mit einer
Handbewegung
die
Erlaubnis
) - "dieser
Herr
also ist der
Auskunftgeber
. Er
gibt
den
wartenden
Parteien
alle
Auskunft
, die sie
brauchen
, und
da
unser
Gerichtswesen
in der
Bevölkerung
nicht sehr
bekannt
ist, werden viele
Auskünfte
verlangt
. Er
weiß
auf alle
Fragen
eine
Antwort
, Sie
können
ihn
, wenn Sie
einmal
Lust
dazu haben,
daraufhin
erproben
. Das ist aber nicht
sein
einziger
Vorzug
,
sein
zweiter
Vorzug
ist die
elegante
Kleidung
. Wir, das
heißt
die
Beamtenschaft
,
meinten
einmal
, man
müsse
den
Auskunftgeber
, der
immerfort
, und zwar als
erster
, mit
Parteien
verhandelt
, des
würdigen
ersten
Eindrucks
halber
, auch
elegant
anziehen
. Wir
anderen
sind, wie Sie
gleich
an mir
sehen
können
,
leider
sehr
schlecht
und
altmodisch
angezogen
; es hat auch nicht viel
Sinn
,
für
die
Kleidung
etwas zu
verwenden
,
da
wir fast
unaufhörlich
in den
Kanzleien
sind, wir
schlafen
ja auch hier. Aber, wie
gesagt
,
für
den
Auskunftgeber
hielten
wir
einmal
schöne
Kleidung
für
nötig
.
Da
sie aber von unserer
Verwaltung
, die in dieser
Hinsicht
etwas
sonderbar
ist, nicht
erhältlich
war,
machten
wir eine
Sammlung
- auch
Parteien
steuerten
bei - und wir
kauften
ihm
dieses
schöne
Kleid
und noch
andere
. Alles
wäre
jetzt
vorbereitet
, einen
guten
Eindruck
zu
machen
, aber durch
sein
Lachen
verdirbt
er es wieder und
erschreckt
die
Leute
." "So ist es",
sagte
der
Herr
spöttisch
, "aber ich
verstehe
nicht,
Fräulein
, warum Sie dem
Herrn
alle
unsere
Intimitäten
erzählen
oder
besser
,
aufdrängen
,
denn
er will sie ja
gar
nicht
erfahren
.
Sehen
Sie nur, wie er,
offenbar
mit seinen
eigenen
Angelegenheiten
beschäftigt
,
dasitzt
."
K
. hatte nicht
einmal
Lust
, zu
widersprechen
, die
Absicht
des
Mädchens
mochte
eine
gute
sein
, sie war vielleicht darauf
gerichtet
,
ihn
zu
zerstreuen
oder
ihm
die
Möglichkeit
zu
geben
, sich zu
sammeln
, aber das
Mittel
war
verfehlt
. "Ich
mußte
ihm
ihr
Lachen
erklären
",
sagte
das
Mädchen
. "Es war ja
beleidigend
." "Ich
glaube
, er
würde
noch
ärgere
Beleidigungen
verzeihen
, wenn ich
ihn
schließlich
hinausführe
."
K
.
sagte
nichts,
sah
nicht
einmal
auf, er
duldete
es, daß die zwei über
ihn
wie über eine
Sache
verhandelten
, es war
ihm
sogar am
liebsten
. Aber
plötzlich
fühlte
er die
Hand
des
Auskunftgebers
an einem
Arm
und die
Hand
des
Mädchens
am
anderen
. "Also auf, Sie
schwacher
Mann",
sagte
der
Auskunftgeber
. "Ich
danke
Ihnen
beiden
vielmals
",
sagte
K
.,
freudig
überrascht
,
erhob
sich
langsam
und
führte
selbst die
fremden
Hände
an die
Stellen
, an denen er die
Stütze
am
meisten
brauchte
. "Es
sieht
so aus",
sagte
das
Mädchen
leise
in
K
.
s
Ohr
,
während
sie sich dem
Gang
näherten
, "als ob mir
besonders
viel daran
gelegen
wäre
, den
Auskunftgeber
in ein
gutes
Licht
zu
stellen
, aber man
mag
es
glauben
, ich will doch die
Wahrheit
sagen
. Er hat kein
hartes
Herz
. Er ist nicht
verpflichtet
,
kranke
Parteien
hinauszuführen
, und tut es doch, wie Sie
sehen
. Vielleicht ist niemand von uns
hartherzig
, wir
wollten
vielleicht alle
gern
helfen
, aber als
Gerichtsbeamte
bekommen
wir
leicht
den
Anschein
, als ob wir
hartherzig
wären
und
niemandem
helfen
wollten
. Ich
leide
geradezu
darunter." "
Wollen
Sie sich nicht hier ein wenig
setzen
?"
fragte
der
Auskunftgeber
, sie
waren
schon im
Gang
und
gerade
vor
dem
Angeklagten
, den
K
.
früher
angesprochen
hatte.
K
.
schämte
sich fast
vor
ihm
,
früher
war er so
aufrecht
vor
ihm
gestanden
, jetzt
mußten
ihn
zwei
stützen
, seinen
Hut
balancierte
der
Auskunftgeber
auf den
gespreizten
Fingern
, die
Frisur
war
zerstört
, die
Haare
hingen
ihm
in die
schweißbedeckte
Stirn
. Aber der
Angeklagte
schien
nichts davon zu
bemerken
,
demütig
stand
er
vor
dem
Auskunftgeber
, der über
ihn
hinwegsah
, und
suchte
nur seine
Anwesenheit
zu
entschuldigen
. "Ich
weiß
",
sagte
er, "daß die
Erledigung
meiner
Anträge
heute
noch nicht
gegeben
werden kann. Ich bin aber doch
gekommen
, ich
dachte
, ich
könnte
doch hier
warten
, es ist
Sonntag
, ich habe ja
Zeit
und hier
störe
ich nicht." "Sie
müssen
das nicht so sehr
entschuldigen
",
sagte
der
Auskunftgeber
, "Ihre
Sorgsamkeit
ist ja
ganz
lobenswert
, Sie
nehmen
hier zwar
unnötigerweise
den
Platz
weg
, aber ich will Sie trotzdem,
solange
es mir nicht
lästig
wird,
durchaus
nicht
hindern
, den
Gang
Ihrer
Angelegenheit
genau
zu
verfolgen
. Wenn man
Leute
gesehen
hat, die ihre
Pflicht
schändlich
vernachlässigten
,
lernt
man es, mit
Leuten
, wie Sie sind,
Geduld
zu haben.
Setzen
Sie sich." "Wie er mit den
Parteien
zu
reden
versteht
",
flüsterte
das
Mädchen
.
K
.
nickte
,
fuhr
aber
gleich
auf, als
ihn
der
Auskunftgeber
wieder
fragte
: "
Wollen
Sie sich nicht hier
niedersetzen
?" "Nein",
sagte
K
., "ich will mich nicht
ausruhen
." Er hatte das mit
möglichstes
Bestimmtheit
gesagt
, in
Wirklichkeit
hätte es
ihm
sehr
wohlgetan
, sich
niederzusetzen
. Er war wie
seekrank
. Er
glaubte
auf einem
Schiff
zu
sein
, das sich in
schwerem
Seegang
befand
. Es war
ihm
, als
stürze
das
Wasser
gegen die
Holzwände
, als
komme
aus der
Tiefe
des
Ganges
ein
Brausen
her, wie von
überschlagendem
Wasser
, als
schaukle
der
Gang
in der
Quere
und als
würden
die
wartenden
Parteien
zu
beiden
Seiten
gesenkt
und
gehoben
.
Desto
unbegreiflicher
war die
Ruhe
des
Mädchens
und des
Mannes
, die
ihn
führten
. Er war ihnen
ausgeliefert
,
ließen
sie
ihn
los
, so
mußte
er
hinfallen
wie ein
Brett
. Aus ihren
kleinen
Augen
gingen
scharfe
Blicke
hin und her, ihre
gleichmäßigen
Schritte
fühlte
K
., ohne sie
mitzumachen
,
denn
er
wurde
fast von
Schritt
zu
Schritt
getragen
.
Endlich
merkte
er, daß sie zu
ihm
sprachen
, aber er
verstand
sie nicht, er
hörte
nur den
Lärm
, der alles
erfüllte
und durch den
hindurch
ein
unveränderlicher
hoher
Ton
, wie von einer
Sirene
, zu
klingen
schien
. "
Lauter
",
flüsterte
er mit
gesenktem
Kopf
und
schämte
sich,
denn
er
wußte
, daß sie
laut
genug, wenn auch
für
ihn
unverständlich
,
gesprochen
hatten.
Da
kam
endlich
, als
wäre
die
Wand
vor
ihm
durchrissen
, ein
frischer
Luftzug
ihm
entgegen
, und er
hörte
neben sich
sagen
: "
Zuerst
will er
weg
, dann aber kann man
ihm
hundertmal
sagen
, daß hier der
Ausgang
ist, und er
rührt
sich nicht."
K
.
merkte
, daß er
vor
der
Ausgangstür
stand
, die das
Mädchen
geöffnet
hatte.
Ihm
war, als
wären
alle seine
Kräfte
mit
einemmal
zurückgekehrt
, um einen
Vorgeschmack
der
Freiheit
zu
gewinnen
,
trat
er
gleich
auf eine
Treppenstufe
und
verabschiedete
sich von dort aus von seinen
Begleitern
, die sich zu
ihm
hinabbeugten
. "
Vielen
Dank
",
wiederholte
er,
drückte
beiden
wiederholt
die
Hände
und
ließ
erst
ab, als er zu
sehen
glaubte
, daß sie, an die
Kanzleiluft
gewöhnt
, die
verhältnismäßig
frische
Luft
, die von der
Treppe
kam
,
schlecht
ertrugen
. Sie
konnten
kaum
antworten
, und das
Mädchen
wäre
vielleicht
abgestürzt
, wenn nicht
K
.
äußerst
schnell
die
Tür
geschlossen
hätte.
K
.
stand
dann noch einen
Augenblick
still
,
strich
sich mit
Hilfe
eines
Taschenspiegels
das
Haar
zurecht
,
hob
seinen
Hut
auf, der auf dem
nächsten
Treppenabsatz
lag
- der
Auskunftgeber
hatte
ihn
wohl
hingeworfen
- und
lief
dann die
Treppe
hinunter, so
frisch
und in so
langen
Sprüngen
, daß er
vor
diesem
Umschwung
fast
Angst
bekam
. Solche
Überraschungen
hatte
ihm
sein
sonst
ganz
gefestigter
Gesundheitszustand
noch
nie
bereitet
.
Wollte
etwa
sein
Körper
revolutionieren
und
ihm
einen
neuen
Prozeß
bereiten
,
da
er den
alten
so
mühelos
ertrug
? Er
lehnte
den
Gedanken
nicht
ganz
ab, bei
nächster
Gelegenheit
zu einem
Arzt
zu
gehen
,
jedenfalls
aber
wollte
er - darin konnte er sich selbst
beraten
- alle
künftigen
Sonntagvormittage
besser
als diesen
verwenden
.
zurück
-
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