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Vielleicht
haben die vorausgegangenen Überlegungen einen zu abstrakten Eindruck
hinterlassen. Dennoch war es notwendig, auf ihnen zu bestehen, denn von ihnen
leiten wir die Merkmale des wirklichen Vertrauens ab.
Das Vertrauen, schreibt
Saint-Jure, ist „in einem so hohen Grad fest, beständig und gleichbleibend, daß
nichts auf der Welt es niederreißen, ja nicht einmal erschüttern kann“ 6.
Stellt euch die
beängstigendsten, schlimmsten Fälle des irdischen Daseins vor; scheinbar
unüberwindliche Schwierigkeiten im geistlichen Leben: Nichts davon wird den
Frieden der zuversichtlichen Seele ändern ... Unvorhersehbare Katastrophen
können die Ruinen ihres Glücks um sie herum anhäufen; beherrschter als der
Weise des Altertums wird diese Seele die Ruhe bewahren: „Impavidum ferient
ruinae“ 7.
Sie wird sich schlicht und
einfach dem Herrn zuwenden und sich mit um so mehr Sicherheit auf ihn stützen,
als sie sich von der menschlichen Hilfe verlassen fühlt. Mit noch größerer Inbrunst wird sie beten und
im Dunkel der Heimsuchung ihren Weg weitergehen, um in der Stille die Stunde
Gottes abzuwarten.
Ein solches Vertrauen ist
selbstverständlich selten anzutreffen; wenn es aber nicht dieses Minimum an
Vollkommenheit erreicht, verdient es nicht den Namen Vertrauen.
In der Heiligen Schrift und im
Leben der Heiligen finden wir übrigens erhabene Beispiele dieser Tugend. Ohne
Hab und Gut, ohne Familie und am eigenen Körper leidend, lag Job in seinem
kläglichsten Elend da, während ihm seine Freunde und sogar seine Frau den
Schmerz mit ihren grausamen Reden nur noch erhöhten. Er aber ließ sich nicht zur Verzweiflung
bringen; kein Murren mischte sich unter sein Stöhnen. Gedanken des Glaubens
hielten ihn aufrecht. „Mag er mich töten, ich harre seiner! 8 ließ er von sich vernehmen.
Ein bewundernswertes Vertrauen,
das Gott herrlich belohnt hat. Die Prüfung ging vorüber: Job wurde wieder
gesund, gewann erneut ein großes Vermögen und führte schließlich ein wohlhabenderes Leben
als zuvor.
Auf einer seiner Reisen fiel der
heilige Martin einmal Räubern in die Hände. Die Banditen beraubten ihn aller
Habe und waren im Begriff, ihn zu erschlagen, als sie plötzlich von der Gnade
der Reue getroffen oder von einem geheimnisvollen Entsetzen ergriffen wurden
und ihn gegen alle Erwartungen frei ließen. Später fragte man den berühmten Bischof, ob er in
dieser gefährlichen Lage denn keinerlei Furcht verspürt habe. „Nein“,
antwortete er darauf, „denn ich wußte, daß das Eingreifen Gottes umso gewisser
als menschliche Hilfe unwahrscheinlicher war.“
Die meisten Christen ahmen
leider diese Beispiele leider nicht nach. Gerade in der Zeit der Prüfung sind
sie am weitesten von Gott entfernt. Viele stoßen den Ruf um Hilfe nicht aus,
den Gott von ihnen erwartet, um ihnen zu Hilfe zu eilen. Verhängnisvolle
Nachlässigkeit! – „Die göttliche Vorsehung“, pflegte Ludwig von Granada zu
sagen, „will die außerordentlichen
Schwierigkeiten unseres Lebens selbst lösen, während sie den Nebenursachen die
Lösung der gewöhnlichen Schwierigkeiten überlässt“ 9. Doch muß man um Gottes Hilfe bitten. Er gibt sie uns
gern. „Das Kind ist der Amme, deren Milch es saugt, keineswegs lästig, im
Gegenteil, es bringt ihr Erleichterung.“ 10
Es gibt auch Christen, die in
schweren Stunden zwar mit Inbrunst beten, aber nicht mit Beständigkeit. Wenn
sie nicht sofort Erhörung finden, fallen sie aus einer überspannten Hoffnung in
eine sinnlose Niedergeschlagenheit. Sie verkennen die Wege der Gnade. Gott
behandelt uns wie Kinder: Manchmal stellt er sich taub, nur weil es ihm
Vergnügen bereitet, von uns angerufen zu werden ... Warum so schnell den Mut
verlieren, wenn es im Gegenteil nur darauf ankommt, mit mehr Nachdruck zu
bitten? ...
So lehrt uns der heilige Franz
von Sales: „Die göttliche Vorsehung schiebt die Hilfe hinaus, um unser
Vertrauen herauszufordern. „Wenn unser himmlischer Vater uns nicht immer das
gibt, worum wir ihn bitten, dann geschieht dies, um uns bei sich zu behalten
und uns Gelegenheit zu geben, mit liebevoller Gewalt auf unserer Bitte zu
bestehen, wie er es den zwei Jüngern von Emmaus deutlich gemacht hat, bei denen
er erst am Abend blieb, und zwar erst nachdem sie ihn dazu zwangen“ 11.
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