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Nicht den Mut zu verlieren, wenn
sich das Trugbild der menschlichen Hoffnungen verflüchtigt ... nur mit der
Hilfe des Himmels zu rechnen, wäre das nicht schon eine sehr große Tugend? ...
Die kraftvolle Schwinge des
wirklichen Vertrauens stößt jedoch in noch höhere Regionen vor. Dahin gelangt sie
mit Hilfe einer Art verfeinerten Heldentums und erreicht damit den höchsten
Grad der Vollkommenheit.
Der besteht darin, daß sich die
Seele glücklich schätzt, wenn sie aller menschlichen Unterstützung entsagen
muß, von Verwandten, Freunden, allen Geschöpfen verlassen ist, die ihr nicht
helfen wollen oder können, die ihr keinen Rat geben noch ihr mit ihrer Begabung
oder ihrer Glaubwürdigkeit dienen können, die keinen Weg mehr sehen, ihr zu
Hilfe zu kommen ... 17. Welch tiefe
Weisheit läßt eine solche Freude in so grausamen Umständen erkennen! ...
Um unter den Schlägen, die
eigentlich unsere Energie brechen sollten, das Halleluja anstimmen zu können,
muß man das Herz des Herrn zutiefst kennen, muß blindlings an seine barmherzige
väterliche Liebe und seine allmächtige Güte glauben, muß sich absolut sicher
sein, daß er für sein Eingreifen gerade den Augenblick ausweglosester
Situationen wählt ...
Nach seiner Bekehrung hat der
heilige Franz von Assisi die Ruhmesträume, die ihn vorher geblendet hatten,
verachtet. Er floh die weltlichen Zusammenkünfte und zog sich in die Wälder
zurück, um sich über lange Zeit dem Gebet hinzugeben; er verteilte reichlich
Almosen ... Dieser Wandel mißfiel seinem Vater, der den Sohn vor die höchste
kirchliche Autorität des Bistums schleppte und ihn anklagte, seine Güter zu
verschleudern. In Gegenwart des verwunderten Bischofs verzichtete daraufhin
Franziskus auf das väterliche Erbe; er entledigte sich sogar der Kleider, die
er von seiner Familie hatte; er entäußerte sich aller Dinge! ... Und es überkam ihn ein
übermenschliches Glück, das ihn ausrufen ließ: „Jetzt kann ich dich endlich
mehr den je Vater unser im Himmel nennen!“
Hier sieht man, wie die Heiligen
handeln.
Ihr vom Unglück getroffenen
Seelen, murrt nicht in der Verlassenheit, in der ihr euch befindet! Gott
verlangt keine sichtbare Freude von euch, denn unsere Schwachheit erlaubt uns
diese nicht. Belebt nur euren Glauben neu, habt Mut und gebt euch nach den
Worten des heiligen Franz von Sales in der „feinen Spitze der Seele“ Mühe,
Freude zu verspüren.
Die göttliche Vorsehung hat euch
das richtige Zeichen gegeben, an dem man erkennt, daß ihre Stunde gekommen ist:
Sie hat euch jede Unterstützung entzogen. Damit ist der Augenblick gekommen,
der Beunruhigung der Natur zu widerstehen. Im innerlichen Stundengebet seid ihr
an die Stelle gekommen, wo es gilt, das Magnifikat zu singen und den Weihrauch
aufsteigen zu lassen: „Freuet euch allezeit im Herrn; nochmals sage ich,
freuet euch: Der Herr ist nahe!“ 18
Folgt diesem Rat und es wird
euch zum Vorteil gereichen. Wenn sich der göttliche Meister von einem derart
großen Vertrauen nicht
rühren lassen würde, wäre er nicht der, den die Evangelien so mitleidvoll
zeigen und der angesichts unserer Leiden schmerzlich bewegt war.
Eine privilegierte Seele ließ der Herr einmal wissen: „Wenn
ich auch gütig zu allen bin, so bin ich doch sehr gütig zu denen, die
auf mich vertrauen. Weißt du, welche Seelen aus meiner Güte den größten Gewinn ziehen? Diejenigen,
die am meisten erwarten... Die vertrauenden Seelen rauben mir meine
Gnaden!...“ 19.
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