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Sind diese Worte wörtlich zu
verstehen und in ihrem engeren Sinn auszulegen? Gibt uns Gott nur das unbedingt
Notwendige: ein Stück trockenes Brot, einen Becher Wasser, ein paar Lappen, deren
unser Elend dringend bedarf? Nein, der Vater im Himmel behandelt seine Kinder
nicht mit geiziger Sparsamkeit. Wer so denkt, lästert die göttliche Güte; das
hieße, wenn ich so sagen
darf, die Gewohnheiten Gottes verkennen. Denn bei der Ausübung seiner
Vorsehung zeigt er sich, wie übrigens auch in seinem Schöpfungswerk, äußerst freigiebig.
Wenn er seine Welten durch die
Räume wirft, schafft er aus dem Nichts Tausende von Sternen. Ist in der
Milchstraße, diesem immensen
Himmelsbereich leuchtender Nächte, nicht jedes Sandkorn eine ganze Welt?
Wenn er die Vögel ernährt, lädt
er sie an die überaus reich gedeckte Tafel der Natur. Er hält für sie den
Weizen bereit, der die Ähren füllt, alle Arten von Körnern, die in der
Pflanzenwelt reifen, die Früchte, die der Herbst in den Wäldern vergoldet, die
Saat, die der Bauer in die Furchen streut. Eine nicht enden wollende Vielzahl
an Nahrung für diese bescheidenen Tierchen! ...
Wenn er
die Pflanzen hervorbringt, wie schmückt er sie mit Blüten! Wie Edelsteine bearbeitet
er ihre Krone, in ihren Kelch schüttet er herrliche Düfte, die Blütenblätter
webt er aus einer so zarten und glänzenden Seide, daß die Künste der
industriellen Herstellung nie an ihre Schönheiten heranreichen.
Und wenn es nun um den Menschen
geht, um sein Meisterwerk, um den Adoptivbruder des fleischgewordenen Wortes,
wird dann Gott nicht eine noch viel freigebigere Großzügigkeit walten lassen? ...
Wir können also von der
unanfechtbaren Wahrheit ausgehen, daß die göttliche Vorsehung reichlich für die
zeitlichen Bedürfnissen des Menschen sorgt.
Es wird natürlich auf Erden
immer Reiche und Arme geben, und während die einen im Überfluß leben, müssen
andere arbeiten und sparsam mit ihren Mitteln umgehen. Dennoch stellt der
himmlische Vater allen so viel zur Verfügung, daß sie innerhalb der jeweiligen
Umstände in einem gewissen Wohlstand leben können.
Kehren wir nun zu dem Vergleich
zurück, den Jesus anwendet. Gott kleidet zwar die Lilien mit aller Pracht, aber
dieses weiße,
duftende Kleid entspricht der Natur der Lilie. Das Kleid des Veilchens ist
schon viel bescheidener; doch auch ihm gibt Gott nach Maßgabe seiner besonderen Natur.
Und beide Blumen erblühen süß im Sonnenlicht, ohne daß ihnen etwas fehlte.
So hält es Gott auch mit den
Menschen. Einige von ihnen hat er in die oberen Gesellschaftsschichten
hineingestellt, andere in weniger glänzende Verhältnisse; beiden aber läßt er
das Notwendige zukommen, damit sie in Würde ihre Position einnehmen.
Hier wird man nun einwenden, wie
unbeständig jedoch die gesellschaftlichen Verhältnisse seien. Ist es in unseren
Krisenzeiten nicht leichter, sozial zu sinken als aufzusteigen oder das gleiche
Niveau beizubehalten?
Ohne Zweifel. Die göttliche
Vorsehung schenkt jedoch jedem genau die Hilfe, die er braucht: Für große Übel schickt sie große Heilmittel. Was uns die
wirtschaftlichen Katastrophen nehmen, können wir mit Fleiß und Arbeit wiedergewinnen. In
den seltenen Fällen, in denen die eigene Tätigkeit unmöglich gemacht wird,
haben wir das Recht, von Gott einen außerordentlichen Eingriff zu erwarten.
Meiner Ansicht nach schafft Gott
im Allgemeinen keine Gefallenen. Im Gegenteil, er will, daß wir uns mit
Klugheit entwickeln, aufsteigen, wachsen. Wenn er manchmal einen sozialen
Abstieg zuläßt, so will er dies nur aus einem Wollen heraus, das nach einem Akt
unseres freien Willens liegt. Meistens entsteht ein solcher Niedergang aus
unseren persönlichen oder erblichen Fehlern heraus. Gewöhnlich ist er eine
natürliche Folge von Faulheit, Verschwendung und unterschiedlichster
Leidenschaften.
Aber auch der einmal gefallene
Mensch kann sich mit Hilfe der göttlichen Vorsehung wieder erheben und durch
seine Anstrengungen die verlorene Stellung zurückgewinnen.
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