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Die
göttliche Vorsehung, die auch den Vogel auf dem Zweig ernährt, sorgt für unseren
Körper. Was bedeutet aber dieser elende Leib? Eine zerbrechliche, zum Tode
verurteilte Gestalt, die dereinst den Würmern zum Fraß dienen wird.
Im Taumel
des Lebens sehen wir uns alle auf dem Weg zu Geschäften, zu Vergnügungen ...;
und doch bringt uns jeder Schritt dem Ende näher; wir selbst schleppen unseren
Körper an den Rand den Grabes.
Wenn sich
nun Gott so um diesen vergänglichen Körper kümmert, mit wieviel mehr Eifer wird
er dann nicht erst für die unsterblichen Seelen sorgen? Er bereitet für sie
seine Gnadenschätze vor, deren Reichtum unser Vorstellungsvermögen weit
übertrifft; zu ihrer Heiligung und Rettung läßt er ihnen überreiche Hilfe
zukommen.
Wir
werden uns hier jedoch nicht näher mit den Heiligungsmitteln beschäftigen, die uns
der Glaube zur Verfügung stellt.
Ich
möchte einfach nur zu den unruhigen Seelen sprechen, die man überall antreffen
kann. Mit dem Evangelium in der Hand werde ich ihnen zeigen, wie unberechtigt
ihre Befürchtungen sind. Weder die Schwere ihrer Vergehen noch die Vielzahl
ihrer Rückfälle darf sie erschüttern.
Im
Gegenteil, je mehr sie das Gewicht ihres eigenen Elends spüren, um so mehr
müssen sie sich auf Gott stützen. Verliert nicht das Vertrauen! ... Wie schlimm
auch euer Zustand sein mag, selbst wenn ihr ein langes liederliches Leben
hinter euch habt, mit Hilfe der Gnade könnt ihr euch bekehren und höchste
Vollkommenheit erreichen.
Unendlich
ist die Barmherzigkeit Gottes: Nichts vermag sie zu ermüden, nicht einmal die
Vergehen, die uns als die entwürdigendsten und verbrecherischsten vorkommen.
In seinem
sterblichen Leben hat der Meister immer wieder die Sünder mit wahrhaft
göttlicher Güte aufgenommen; er hat ihnen niemals seine Vergebung versagt.
Angetrieben
durch die Inbrunst ihrer Reue und ohne sich um weltliche Rücksichten zu
kümmern, tritt Maria Magdalena in den Festsaal. Sie wirft sich Jesus zu Füßen und benetzt diese mit ihren Tränen. Simon, der
Pharisäer, betrachtet diese Szene voller Ironie und ist zutiefst entrüstet:
„Wenn dieser Mensch ein Prophet wäre“, denkt er, „würde er sehr wohl wissen,
was das für eine Frau ist. Er würde sie voller Verachtung wegschicken ...“. Der
Heiland schickt sie aber nicht weg. Er nimmt ihre Seufzer, ihr Weinen und all
die sichtbaren Zeichen demütiger Reue entgegen. Er reinigt sie von ihren Makeln
und überhäuft sie mit übernatürlichen Gaben. Und sein heiliges Herz läuft über
von immenser Freude, während in den Höhen, im Reiche seines Vaters, die Engel
vor Freude und Lob frohlocken: Eine Seele, die verloren war, ist wiedergefunden;
diese Seele war tot und nun ist sie dem wahrhaften Leben zurückgegeben...
Der
Meister gibt sich nicht damit zufrieden, liebevoll die armen Sünder
aufzunehmen, er verteidigt sie sogar. Ist dies nicht sein Auftrag? Ist er nicht
zu unserem Fürsprecher bestellt worden? 14
Eines
Tages schleppen sie eine Unglückliche herbei, die bei ihrer Sünde ertappt
worden war. Das harte mosaische Gesetz verurteilt sie ausdrücklich: Die
Schuldige hat die Qual des langsamen Steinigungstodes zu sterben. Die
Schriftgelehrten und die Pharisäer warten nun ungeduldig auf die Entscheidung
des Heilandes. Wenn er ihr vergibt, werden ihn seine Feinde zurechtweisen, weil
er die Überlieferung Israels mißachtet. Was wird er also tun? ...
Ein
einziges Wort kommt über seine Lippen, und dieses Wort genügt, die stolzen
Pharisäer zu verwirren und die Sünderin zu retten.
„Wer
von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie!“ 15
Eine
Antwort voller Weisheit und Erbarmen. Als diese überheblichen Männer sie hören,
erröten sie vor Scham ... Betreten entfernt sich einer nach dem andern; die
Alten fliehen zuerst ...
„Und
Jesus blieb allein zurück und die Frau, die in der Mitte stand. Wo sind deine
Ankläger, fragte er. Hat dich keiner verurteilt? Sie sagte: Keiner, Herr. Da
sprach Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von
jetzt an nicht mehr!“ 16
Wenn
Sünder zu ihm kommen, geht ihnen Jesus entgegen. Wie der Vater des verlorenen
Sohnes wartet er auf die Rückkehr des Undankbaren. Wie der gute Hirt macht er
sich auf die Suche nach dem verirrten Schaf, und wenn er es findet, nimmt er es
auf seine göttlichen Schultern und bringt es blutend zurück in den Stall.
Oh, er
wird seinen Wunden nicht wehtun; wie ein guter Samariter wird er sie behandeln,
mit symbolischem Wein und Öl. Er wird in seine Wunden den Balsam der Buße gießen
und, um es zu stärken, reicht er ihm den Kelch der Eucharistie.
Schuldbehaftete
Seelen, habt keine Angst vor dem Heiland; gerade für euch ist er vom Himmel
herabgestiegen. Wiederholt nie den Verzweiflungsschrei Kains: „Meine Schuld
ist zu groß, als daß mir
vergeben werden könnte.“ 17 Das würde bedeuten, daß ihr das Herz Jesu
verkennt ...
Jesus hat
Magdalena gereinigt und Petrus hat er die dreifache Verleugnung verziehen; dem
guten Schächer hat er den Himmel geöffnet. Ich sage euch, wenn ihn Judas nach
dem Verbrechen aufgesucht hätte, hätte der Herr ihn mit Barmherzigkeit
empfangen. Wie sollte er dann nicht auch euch vergeben?! ...
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