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P. Thomas de Saint Laurent
Das Buch vom Vertrauen

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  • III
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III

 

Es gibt ängstliche Seelen, die an ihrem Heil zweifeln. Sie denken zu sehr an die vergangenen Fehler, an die heftigen Versuchungen, die manchmal über uns alle kommen. Sie vergessen dabei die barmherzige Güte Gottes. Diese Ängstlichkeit kann zu einer wahren Versuchung der Verzweiflung werden.

In seiner Jugend erlebte der heilige Franz von Sales eine solche Erprobung: Er fürchtete, nicht in den Himmel berufen zu sein. Mehrere Monate verbrachte er in dieser inneren Qual. Schließlich befreite ihn ein heroisches Gebet: Der Heilige warf sich vor einem Marienaltar in den Staub und bat die Heilige Jungfrau, ihn ihren Sohn auf Erden mit einer so glühenden Liebe lieben zu lernen, als er befürchtete, ihn in der Ewigkeit nicht lieben zu können.

In einem derartigen Leiden steckt eine Glaubenswahrheit, die uns ungeheuren Trost schenken sollte. Nur die Todsünde kann uns wirklich verderben.

Diese aber können wir stets meiden; und sollten wir doch einmal das Unglück haben, sie zu begehen, können wir uns immer noch mit Gott versöhnen. Ein sofortiger Akt ehrlicher Reue wird uns reinigen, während wir der pflichtgemäßen Beichte entgegensehen, der wir so schnell wie möglich nachkommen müssen.

Gewiß sollte der arme menschliche Wille stets seiner Schwäche gegenüber mißtrauisch sein. Der Heiland wird uns jedoch nie die Gnaden vorenthalten, deren wir bedürfen. Er wird vor allem auch alles Mögliche tun, um uns bei der Erfüllung unserer allerwichtigsten Aufgabe, nämlich der Rettung unserer Seele, beizustehen.

Das ist die große Wahrheit, die Christus mit seinem Blut besiegelt hat und die wir nun gemeinsam in seiner Leidensgeschichte nachlesen wollen.

Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, wie es dazu kam, daß sich die Pharisäer des Herrn bemächtigen konnten? Meint ihr vielleicht, daß sie dies mit List oder mit Gewalt geschafft haben? Könnt ihr euch vorstellen, daß Jesus in dem großen Sturm besiegt wurde, weil er der schwächere war?

Gewiß nicht! Die Feinde kamen nicht gegen ihn an. Während seiner dreijährigen Lehrtätigkeit hatten sie wiederholt versucht, ihn zu töten. In Nazareth wollten sie ihn in einen Abgrund stürzen; mehrmals hatten sie zu Steinen gegriffen, um ihn zu steinigen. Die göttliche Weisheit hat aber die Pläne dieser ruchlosen Wut immer wieder durchkreuzt. Der mächtige Arm Gottes hat ihren Arm zurückgehalten, so daß sich Jesus stets in aller Ruhe entfernen konnte, ohne daß ihm jemand ein Leid hätte zufügen können.

In Gethsemani braucht er den Soldaden des Tempels, die gekommen sind, sich seiner zu bemächtigen, nur seinen Namen zu nennen, und schon stürzt die ganze Abordnung seltsam entsetzt zu Boden. Und sie können erst wieder aufstehen, als er es ihnen erlaubt.

Wenn Christus gefangen genommen und gekreuzigt wurde, wenn er geopfert wurde, so nur deshalb, weil er es in der Fülle seiner Freiheit und seiner Liebe zu uns so wollte. Oblatus est quia voluit.“ 18

Wenn der Meister ohne Zögern sein ganzes Blut für uns vergossen hat, wenn er für uns gestorben ist, wie könnte er uns dann Gnaden verweigern, die nicht absolut notwendig sind und die er uns selbst mit seinen Schmerzen verdient hat?

Diese Gnaden hat Jesus in seiner Barmherzigkeit den schuldbeladensten Seelen während seines schmerzhaften Leidens angeboten. Zwei seiner Apostel hatten ein ungeheures Verbrechen begangen: Beiden hat er Vergebung angeboten.

Judas hatte ihn verraten und gibt ihm nun seinen heuchlerischen Kuß. Aber Jesus wendet sich mit bewegender Herzlichkeit an ihn, nennt ihn seinen Freund; liebevoll versucht er sein vom Geiz verhärtetes Herz zu erweichen. Freund, bist du dazu gekommen?“ „Judas, mit einem Kuß verrätst du den Menschensohn?“ 19  Dies ist die letzte Gnade des Meisters für den Undankbaren.

Nie werden wir das ganze Ausmaß der Kraft dieser Gnade erfassen. Und dennoch weist Judas sie zurück: Er geht in sein Verderben, weil er es förmlich vorzieht.

Petrus hielt sich für sehr stark ... Er hatte geschworen, dem Meister bis in den Tod  zu folgen, und nun verläßt er ihn, als er ihn in den Händen der Soldaten sieht. Er folgt ihm nur noch von weitem. Zitternd betritt er den Hof des Hohen Priesterlichen Palastes. Dreimal verleugnet er seinen Herrn, weil er den Spott einer Magd fürchtet. Schwörend behauptet er, „diesen Menschennicht zu kennen. Da kräht der Hahn ... Jesus dreht sich um und schaut ihn mit Augen voll barmherzigen, süßen Tadels an. Ihre Blicke treffen sich ... Es war die Gnade, eine blitzartige Gnade, die dieser Blick Petrus entgegen trug. Der Apostel hat sie auch nicht abgewiesen: Er ging sofort hinaus und beweinte bitterlich seinen Fehler.

Wie Judas und Petrus bietet uns der Herr stets die Gnade der Reue und der Bekehrung an. Wir können sie annehmen oder abweisen. Wir sind frei. Wir haben zwischen dem Guten und dem Bösen zu entscheiden, zwischen dem Himmel und der Hölle. Die Rettung liegt in unseren Händen.

Der Heiland bietet uns nicht nur seine Gnade an, er tut noch mehr: Er legt beim himmlischen Vater Fürsprache für uns ein. Er ruft die Schmerzen in Erinnerung, die er für unsere Erlösung erlitten hat. Er verteidigt uns ihm gegenüber; er entschuldigt unsere Fehler: Vater, ruft er in seiner Sterbensangst aus, Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ 20

Während seines Leidens wünschte der Meister so sehr unsere Erlösung, daß er nicht einen Augenblick aufhörte, an uns zu denken.

Auf dem Kalvarienberg schenkte er den Sündern seinen letzten Blick; dem guten Schächer gilt eines seiner letzten Worte. Am Kreuz breitet er weit seine Arme aus, um anzuzeigen, mit welcher Liebe er jede Reue in seinem überquellenden Herzen entgegennimmt.

 




18 Isaias, LIII, 7.



19 Amice, ad quid venisti? Matthäus, XXIV, 50. – Juda, osculo Filium hominis tradis?” Lukas, XXII, 48.



20 Pater, demitte illis: non enim sciunt quid faciunt. Lukas, XXIII, 34.






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