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In Wahrheit ist der Herr eben
anbetungswürdig gut: Sein Herz kann uns nicht leiden sehen, ohne zu
bluten. Diese Güte läßt ihn, noch bevor ihn irgendeine Bitte erreicht hat,
einige seiner größten
Wunder aus eigenem Antrieb wirken.
Die Menge folgt ihm bereits drei
Tage lang durch die öde Bergwelt Palästinas und, um ihn zu hören, vergessen die
Leute völlig die Sorge um Essen und Trinken. Der Herr aber ruft die Apostel zu
sich: „Seht diese armen Menschen“, sagt er zu ihnen, „ich kann sie nicht
einfach so wegschicken – sie würden auf dem Weg ermatten. Mich erbarmt des
Volkes.“ 9 Und er vermehrt die wenigen Brote, die den Jüngern
übrig geblieben waren.
Ein anderes Mal befand er sich,
begleitet von einer großen Menge, auf dem Weg in das Städtchen Naim. Als er fast
die Tore der Stadt erreicht hat, stößt er auf einen Leichenzug. Bei dem Toten handelte es sich
um einen jungen Mann, den man zu seiner letzten Heimstätte begleitete; er war
der einzige Sohn einer armen Witwe. Da sie nun nichts mehr vom Leben zu
erwarten hatte, folgte die Frau zutiefst traurig und mutlos dem Leichnam ihres
Sohnes. Angesichts dieses stummen Schmerzes fühlte sich der Meister im
Innersten gerührt. In seinem Mitleid sprach er: „Arme Mutter, weine nicht
mehr!“ 10 Dann trat er an die Bahre, auf der der Tote lag,
und gab ihn lebend seiner Mutter zurück.
Von der Prüfung verletzte
Seelen, vom Zweifel oder vielleicht von der Reue geplagte Gewissen, von Tod
oder Verrat gequälte Seelen – ihr alle, die ihr leidet, glaubt ihr etwa, Jesus
habe kein Mitleid mit eurem Schmerz?... Das hieße, seine ungeheuer große Liebe verkennen! Er kennt euer
Elend; er sieht es; sein Herz erbarmt sich euer. Euch gilt heute sein Ruf des
Mitleids; für euch wiederholt er seine an die Mutter der Stadt Naim gerichteten
Worte: „Weine nicht mehr, ich bin die Ergebenheit, ich bin der Friede, ich bin
die Auferstehung und das Leben!“
Dieses Vertrauen, das uns die
göttliche Güte wie selbstverständlich einflößen sollte, verlangt der Herr
ausdrücklich von uns. Er macht es zur wesentlichen Bedingung seiner Wohltaten.
Wir sehen ihn im Evangelium formelle Vertrauensbezeigungen verlangen, bevor er
bestimmte Wunder wirkt.
Warum erweist er, der sonst so
liebevoll ist, sich scheinbar so hart gegenüber der Kananäerin, die ihn um die Heilung
ihrer Tochter anfleht? Er weist sie mehrmals zurück; sie aber läßt sich nicht
entmutigen. Sie fleht nur noch inständiger; nichts vermag ihr
unerschütterliches Vertrauen zu verringern. Gerade das aber wollte Jesus: „Frau,
groß ist dein Glaube“, bemerkt er mit freudiger Bewunderung, um dann
hinzuzufügen: Es geschehe dir, wie du verlangst.“ 11
„Fiat tibi sicut vis.“ Das Vertrauen führt zur
Verwirklichung unserer Wünsche: Der Herr selbst behauptet dies.
Wie befremdlich ist doch die
Verwirrung der menschlichen Vernunft! Wir glauben an die Wunder des
Evangeliums, denn schließlich sind wir überzeugte Katholiken. Wir glauben, daß
Christus nichts von seiner Macht eingebüßt hat, nachdem er in den Himmel aufgestiegen ist. Wir
glauben an seine Güte, die er sein ganzes Leben lang bezeugt hat ... Und
trotzdem sind wir nicht fähig, uns dem Vertrauen auf hin hinzugeben!
Wie schlecht kennen wir das Herz
Jesu! Wir bestehen darauf, es nach unseren schwachen Herzen zu beurteilen. Im
Grunde sieht es so aus, als wollten wir seine Unermeßlichkeit auf unsere
kleinlichen Ausmaße
reduzieren. Es fällt uns schwer, dieses unglaubliche Erbarmen mit den Sündern
zuzugeben, weil wir selbst nachtragend und langsam im Verzeihen sind.
Wir vergleichen seine unendliche Zärtlichkeit mit unserer armseligen Zuneigung
... wir verstehen nichts von dem verzehrenden Feuer, das sein Herz in ungeheure
Liebesglut verwandelte, von dieser heiligen Leidenschaft für die Menschen, die
ihn völlig ergriffen hat, von dieser unendlichen Nächstenliebe, die ihn von der
Demütigung der Krippe zum Opfer auf Golgotha führte.
Leider können wir nicht mit dem
Apostel Johannes in der Fülle unseres Glaubens sagen: „Wir glauben, Herr, an
deine Liebe!“ – „Credidimus caritati.“ 12
Göttlicher Meister, in Zukunft
wollen wir uns ganz deiner liebevollen Leitung überlassen. Dir vertrauen wir
die Sorge um unsere materielle Zukunft an. Nicht wissend, was uns diese von
Bedrohungen überschattete Zukunft bringen wird, geben wir uns in die Hände
deiner Vorsehung.
Deinem Herzen vertrauen wir
unseren Kummer an. Oft bereitet er uns große Qual. Aber du stehst uns bei
und linderst ihn.
Deiner Barmherzigkeit
überantworten wir unsere sittlichen Schwächen. Die menschliche Schwachheit läßt
uns alle Ohnmacht befürchten. Du aber, Herr, wirst uns stützen und uns vor
schwerem Fall bewahren.
Wie dein Lieblingsjünger, der
sein Haupt an deine Brust legte, so wollen wir an deinem göttlichen Herzen
ruhen und nach dem Wort des Psalmisten werden wir dort in süßem Frieden schlummern, denn wir
werden durch dich, o Jesus, von einem unabänderlichen Vertrauen getragen
werden.
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