|
32
DIE ANATTA-LEHRE
Unser sogenanntes
individuelles Dasein ist, ebenso wie die gesamte Welt, nichts weiter als ein
bloßer Prozeß dieser in den fünf Daseinsgruppen zusammengefaßten, sich
unaufhörlich verändernden geistigen und körperlichen Vorgänge. Dieser Prozess
war bereits für unermeßliche Zeiten vor dieser unserer augenfälligen Geburt im
Gange und wird sich auch nach dem Tode für unermeßliche Zeiten fortsetzen. Die
vorhergehenden Texte haben gezeigt, daß diese fünf Daseinsgruppen weder einzeln
noch in ihrer Gesamtheit eine wirkliche, in sich bestehende Ich-Einheit (attá)
bilden und daß auch außerhalb dieser Gruppen keinerlei Ichheit oder Wesenheit
als deren Besitzer zu finden ist. Der Glaube an eine wirkliche und beharrende
Ichheit, Persönlichkeit oder an eine "ewige Seele" muß daher
angesichts der ausnahmslosen Veränderlichkeit und Bedingtheit alles Geschehens
als eine bloße Illusion gelten.
Gerade wie das, was wir als
,Wagen' bezeichnen, unabhängig von Achsen, Rädern, Deichsel usw. kein Dasein
hat; oder wie ,Haus' bloß ein konventioneller Ausdruck (vohára-vacana)
ist für Baumaterialien, die auf eine gewisse Weise zusammengefügt einen Raum
ergeben, aber das Haus unabhängig von diesen Dingen nicht da ist: genau so ist
das, was wir in konventioneller Weise als ,Wesen, bezeichnen, als Individuum,
Person, Ich usw. in Wirklichkeit (paramatthena) bloß ein beständig
wechselnder Prozeß geistiger und körperlicher Phänomene und hat an sich
keinerlei Existenz.
Dies ist die berühmte
Anatta- oder Nicht-ich-Lehre des Buddha, d. i. die Lehre von der
Unpersönlichkeit und Substanzlosigkeit alles Geschehens. Es ist dies die
Kernlehre des ganzen Buddhismus, die für das wahre Verständnis und damit auch
für die Verwirklichung der Buddha-Lehre unerläßlich ist. Die Anattá-Lehre ist
das notwendige Ergebnis der in der Lehre von den Daseinsgruppen (khandha)
vollzogenen gründlichen Analyse der Wirklichkeit, die mit den hier gegebenen
Texten nur angedeutet werden konnte. Die Anatta-Lehre schließt nicht nur den
Gedanken des ,Ich', Sondern auch den des ,Mein' aus; d. h. sie besagt, daß die
Daseinsgruppen weder ein Selbst bilden (anattá), noch einem außerhalb
ihrer vorgestellten Selbst angehören (anattaniya).
Über die Khandha-Lehre vgl. Vis. XIV und B.Wtb.
|