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S.15.3
SAMSARA
Unausdenkbar ist ein Anfang
dieser Daseinsrunde, nicht zu entdecken ist ein Beginn der von Unwissenheit
gehemmten und von Begehren gefesselten Wesen, die immer wieder den Samsára
durcheilen, den Samsára durchwandern. Was glaubt ihr, o Jünger, was ist wohl
mehr: der Tränenstrom, den ihr auf dieser langen Daseinsrunde, mit
Unerwünschtem vereint und von Erwünschtem getrennt, klagend und weinend
vergossen habt oder das Wasser der vier Weltmeere? Lange Zeit hindurch habt ihr
den Tod von Vater und Mutter, Sohn und Tochter erfahren, den Verlust von
Verwandten und Schätzen, das Unglück der Krankheit. Und dabei habt ihr mehr
Tränen vergossen, als sich Wasser in den vier Weltmeeren befindet. So habt ihr
denn lange Zeiten hindurch Leiden erfahren, Qualen erfahren, das Unglück der
Krankheit erfahren und das Leichenfeld vergrößert, wahrlich genug, um sich von
allen Daseinsgebilden abzuwenden, loszulösen und zu befreien!
Samsára, wtl. ,wiederholtes
Wandern', Daseinswanderung" Daseinsrunde, ist die Bezeichnung für das ewig
rastlose, auf- und abwogende Meer des Daseins, das Abbild des unaufhörlichen
Prozesses des immer und immer wieder Geborenwerdens, Alterns, Leidens und
Sterbens. Genauer gesagt. Samsára ist die ununterbrochene Kette der von
Augenblick zu Augenblick beständig wechselnden, durch unabsehbare Zeiten
hindurch sich aneinander reihenden fünf Daseinsgruppen, worin eine einzelne
sogenannte Lebensdauer nur einen verschwindend kleinen Bruchteil ausmacht. Um
die erste Wahrheit wirklich zu verstehen, hat man also seinen Blick auf den
Samsára zu richten und nicht etwa bloß auf einen kleinen Bruchteil desselben,
denn dieser mag als einzelne Erscheinung in der Tat weniger leidvoll sein.
Die erste Wahrheit bezieht
sich nicht etwa bloß auf das aktuelle Leiden, d. h. das Leiden als körperliches
oder geistiges Schmerzgefühl, sondern lehrt, daß infolge des universalen
Gesetzes der Vergänglichkeit alle Dinge, selber die höchsten Glückszustände,
dem Wechsel und Untergang unterworfen, also elend, unzulänglich und
unbefriedigend sind und ohne Ausnahme den Keim des Leidens in sich tragen.
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