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A.VI.63
Den Willen (cetaná)
bezeichne ich als das Wirken (kamma), denn mit dem Willen wirkt man
die Tat in Werken, Worten und Gedanken . . . Es gibt Taten, ihr Jünger, die in
der Hölle reifen, . . . im Tierschoß reifen, . . . im Gespensterreich reifen, .
. . in der Menschenwelt reifen, . . . in der Himmelswelt reifen . . . Dreierlei
aber ist das Ergebnis der Taten: entweder bei Lebzeiten reifend, oder in der
nächsten Geburt, oder bei einer späteren Gelegenheit.
A.X.205
Eigner und Erben ihres Wirkens
sind die Wesen, ihrem Wirken entsprungen, mit ihrem Wirken verknüpft, haben ihr
Wirken zur Zuflucht und werden das gute und schlechte Wirken, das sie verüben,
zum Erbe haben.
A.III.33
Und wo immer die Wesen ins Dasein
treten, dort werden ihre Taten (kamma) zur Reife kommen. Und wo immer
ihre Taten zur Reife kommen, dort werden sie die Früchte jener Taten ernten,
sei es in diesem Leben oder im nächsten, oder in irgend einem späteren Leben.
S.22.99
Es wird eine Zeit kommen, ihr
Jünger, wenn das große Weltmeer versiegt, austrocknet, nicht mehr da ist. Es
wird eine Zeit kommen, ihr Jünger, wenn diese gewaltige Erde vom Feuer verzehrt
wird, zunichte wird, nicht mehr da ist. Nicht aber, sage ich, ihr Jünger, gibt
es ein Ende des Leidens für die von Unwissenheit (avijjá) gehemmten
und von Begehren (tanhá) gefesselten Wesen, die diese Daseinsrunde
durcheilen, diese Daseinsrunde durchwandern.
BEGEHREN
Die zweite Edle Wahrheit
zeigt, daß die Entstehung des Leidens und der Leidenswelt in uns selber liegt.
Damit ist gleichzeitig die Möglichkeit der Erlösung (3. Wahrheit) und eines
Weges zu ihr (4. Wahrheit) gegeben. Begehren (tanhá) ist der Urheber
des Daseins und des Wiederseins. Dieses Dasein aber ist, wie wir gesehen haben,
kein wirkliches, beharrendes "Sein", sondern ein Werdeprozeß (bhava),
dessen Verlauf eben durch den Charakter, die Stärke und die Richtung des
Begehrens bestimmt wird.
KARMA
Denn das Begehren ist es,
das allem lebensbejahenden Wirken des Menschen (kamma, Skr. karma)
zugrunde liegt; und dieses Wirken in Werken, Worten und Gedanken ist es, das je
nach seiner Beschaffenheit den Charakter und das Geschick des Menschen bestimmt
und ihn die Folgen dieses Wirkens in immer erneuten Existenzen erfahren läßt.
Das Dasein oder besser der "Werdeprozeß«, gliedert sich also in einen
aktiven, verursachenden Karma-Prozeß (kamma-bhava), und seine
Auswirkung, den Wiedergeburts-Prozeß (uppatti-bhava). Auch hier, in
der Betrachtung von Karma, darf die Anattá-Lehre nicht außer Acht gelassen
werden. Ebenso wie die auf dem Wasserspiegel eines Teiches dahineilende Welle
nichts weiter ist als ein durch den Wind erzeugter und sich als fortgesetztes
Sichheben und Sichsenken äußernder Vorgang: genau so ist es keine wirkliche
Ichheit, die das Meer des Daseins durcheilt, sondern nur ein durch Begehren
erzeugter Werdeprozeß, der je nach der Art des karmischen Wirkens bald als
Mensch, bald als Tier oder unsichtbares Wesen in Erscheinung tritt, wobei das
sich beständig wiederholende Aufleben und Absterben dieser Wesen mit den
unaufhörlichen Hebungen und Senkungen des Wassers verglichen werden mag. Die
Karma-Lehre hat daher hier, in der Behandlung der 2. Wahrheit von der
Leidens-Entstehung, ihren gebührenden Platz. — Es sei nochmals betont, daß
Karma das Wirken selber bedeutet und nicht etwa das Ergebnis des Wirkens oder
gar des Schicksals des Menschen ist, wie es vielfach angenommen wird.
In der buddhistischen Lehre
bezeichnet Karma den die Wiedergeburt erzeugenden oder beeinflussenden
heilsamen oder unheilsamen Willen (kusala- oder akusala-cetaná),
sowie die damit verbundenen Geistesfaktoren.
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