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M.22
Wenn es das Ich wirklich gäbe,
dann gäbe es auch etwas, das zu dem Ich gehörte. Da aber in Wahrheit und
Wirklichkeit weder ein Ich noch etwas zu einem Ich Gehörendes anzutreffen ist,
ist es da nicht eine vollständige Narrenlehre, zu behaupten: ,Das ist die Welt,
das bin ich; nach dem Tode werde ich fortbestehen, beständig sein, dauernd,
ewig, keinem Wechsel unterworfen, werde mir also ewiglich gleich bleiben'?
M.2
Das nennt man ein Sichverrennen
in Ansichten, ein Dickicht der Ansichten, eine Wildnis der Ansichten, ein
Puppenspiel der Ansichten, ein Wirrsal der Ansichten, eine Fessel der
Ansichten. In die Fessel der Ansichten aber verstrickt, wird der unwissende Weltling
nicht befreit von Wiedergeburt, Altern und Sterben, von Sorge, Jammer, Schmerz,
Trübsal und Verzweiflung, wird er nicht befreit vom Leiden, das sage ich.
Der wissende edle Jünger aber,
der die Edlen achtet, die edle Lehre kennt und darin gezügelt ist, der die
Guten achtet, die Lehre der Guten kennt und darin gezügelt ist, der weiß, was
erwägenswert ist und was nicht. Dies wissend erwägt er das Erwägenswerte, nicht
das nicht Erwägenswerte. Was das Leiden ist, die Entstehung des Leidens, die
Erlöschung des Leidens und der zur Leidens-Erlöschung führende Pfad, diese
Dinge erwägt er.
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