Volle
menschliche Entfaltung
68. Die volle
menschliche Entfaltung — die Entfaltung jedes Menschen und des ganzen Menschen,
besonders des bedürftigsten und aus der Gemeinschaft ausgegrenzten — steht
im Zentrum der Evangelisierung. »Zwischen Evangelisierung und menschlicher
Entfaltung — Entwicklung und Befreiung — bestehen in der Tat enge Verbindungen.
Verbindungen anthropologischer Natur,
denn der Mensch, dem die Evangelisierung gilt, ist kein abstraktes Wesen,
sondern sozialen und wirtschaftichen Problemen unterworfen. Verbindungen
theologischer Natur, da man ja den Schöpfungsplan nicht vom
Erlösungsplan trennen kann, der hineinreicht bis in die konkreten
Situationen des Unrechts, das es zu bekämpfen, und der Gerechtigkeit, die
es wiederherzustellen gilt. Verbindungen schlieblich jener ausgesprochen
biblischen Ordnung, wie sie die der Liebe ist: Wie könnte man in der Tat
das neue Gebot der Liebe verkünden, ohne in der Gerechtigkeit und im
Frieden das wahre, echte Wachstum des Menschen zu fördern?«.117
So wählte der Herr Jesus, als er in der
Synagoge von Nazaret sein öffentliches Wirken aufnahm, zur
Erläuterung seiner Sendung den messianischen Text aus dem Buch des Jesaja:
»Der Geist des Herrn ruht auf mir: denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich
gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den
Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht: damit
ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe« (Lk
4, 18-19; vgl. Jes 61, 1-2).
Der Herr sieht sich also als den, der
gesandt worden ist, um das Elend der Menschen zu lindern und jede Form von
Ausgrenzung zu bekämpfen. Er ist gekommen, den Menschen zu befreien; er
ist gekommen, um unsere Leiden auf sich zu nehmen und unsere Krankheiten zu
tragen: »In der Tat galt der ganze Dienst Jesu der Aufmerksamkeit für alle
jene in seiner Umgebung, die von einem Leiden betroffen waren: Menschen in Leid
und Schmerz, Lahme, Aussätzige, Blinde, Taube, Stumme (vgl. Mt 8,
17)«.118 »Es ist unmöglich, dab das Werk der Evangelisierung die
äusserst schwierigen und heute so stark erörterten Fragen
vernachlässigen kann und darf, die die Gerechtigkeit, die Befreiung, die
Entwicklung und den Frieden in der Welt betreffen«:119 die Befreiung, die die
Evangelisierung verkündet, »kann sich nicht einfach auf die begrenzte
wirtschaftliche, politische, soziale oder kulturelle Dimension
beschränken, sondern mub den ganzen Menschen in allen seinen Dimensionen
sehen, einschlieblich seiner Öffnung auf das Absolute hin, das Gott
ist«.120
Zu Recht führt das II. Vatikanische
Konzil aus: »In Verfolgung ihrer eigenen Heilsabsicht vermittelt die Kirche
nicht nur den Menschen das göttliche Leben, sondern läbt dessen
Widerschein mehr oder weniger auf die ganze Welt fallen, vor allem durch die
Heilung und Hebung der menschlichen Personwürde, durch die Festigung des
menschlichen Gemeinschaftsgefüges, durch die Erfüllung des
alltäglichen menschlichen Schaffens mit tieferer Sinnhaftigkeit und
Bedeutung. So glaubt die Kirche durch ihre einzelnen Glieder und als ganze viel
zu einer humaneren Gestaltung der Menschenfamilie und ihrer Geschichte
beitragen zu können«.121 Die Kirche verkündet das Reich Gottes und
beginnt es nach dem Beispiel Jesu zu verwirklichen, denn »die Natur des Reiches
[ist] die Gemeinschaft aller Menschen untereinander und mit Gott«.122 So ist
»das Reich Quelle der völligen Befreiung und des ganzen Heiles für
die Menschen: Die Kirche lebt und geht mit ihnen in tiefer und wahrer Solidarität
mit der Menschheitsgeschichte«.123
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