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Jesus Christus: die
Wahrheit vom Menschen
13. Wie kann die Menschheit
Jesu und das einzigartige Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes unser
Menschsein erleuchten? Der menschgewordene Gottessohn offenbart nicht nur
vollkommen den Vater und dessen Heilsplan, sondern macht auch »dem Menschen den
Menschen selbst voll kund«.(43) Seine Worte und Werke, vor allem sein Tod und seine Auferstehung,
sind ein tiefer Einblick in das, was Menschsein bedeutet. In Jesus erkennt der
Mensch schließlich die Wahrheit über sich selbst. Das so vollkommen
menschliche Leben Jesu, ganz der Liebe und dem Dienst am Vater und an der
Menschheit gewidmet, offenbart die Berufung jedes Menschen, Liebe zu empfangen
und zu geben. In Jesus erstaunt uns die unendliche Fähigkeit des menschlichen
Herzens, Gott und die Menschen zu lieben, auch wenn das mit tiefstem Leid
verbunden sein kann. Vor allem am Kreuz bricht Jesus die Macht der selbstzerstörerischen
Ablehnung der Liebe, zu der die Sünde uns verleitet. Seinerseits antwortet
der Vater, indem er Jesus zum Erstgeborenen derer erhebt, die er bestimmt hat,
an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzunehmen (vgl. Röm 8,29).
Von jenem Augenblick an wurde Jesus ein für allemal zur Offenbarung und
Erfüllung einer – nach dem Plan Gottes – wiederbelebten und erneuerten
Menschheit. Daher erkennen wir in Jesus die Größe und Würde
jeder Person vor Gott, der den Menschen nach seinem Abbild erschaffen hat (vgl.
Gen 1,26), und den Ursprung der neuen Schöpfung, der wir kraft
seiner Gnade teilhaftig geworden sind.
Das II. Ökumenische
Konzil lehrt, daß »er, der Sohn Gottes, sich in seiner Menschwerdung
gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt hat«.(44) In dieser tiefgreifenden
Erkenntnis sahen die Synodenväter die höchste Quelle der Hoffnung und
der Kraft für die von Mühsal und Ungewißheit bedrängte Bevölkerung
Asiens. Wenn Männer und Frauen mit tiefem Glauben auf das Geschenk der
Liebe Gottes antworten, dann bringt seine Gegenwart Liebe und Frieden in jedes
Menschenherz und wandelt es von innen heraus. In Redemptor hominis
schrieb ich: »Die Erlösung der Welt – dieses ehrfurchtgebietende Geheimnis
der Liebe, in dem die Schöpfung erneuert wird – ist in ihrer tiefsten
Wurzel die Fülle der Gerechtigkeit in einem menschlichen Herzen: im Herzen
des Erstgeborenen Sohnes, damit sie Gerechtigkeit der Herzen vieler Menschen
werden kann, die ja im Erstgeborenen Sohn von Ewigkeit vorherbestimmt sind,
Kinder Gottes zu werden, berufen zur Gnade und zur Liebe.«(45)
Die Sendung Jesu hat nicht
nur die Gemeinschaft zwischen Gott und der Menschheit wiederhergestellt,
sondern eine neue Gemeinschaft von den durch die Sünde einander
entfremdeten Menschen gestiftet. Über alle Spaltungen hinaus ermöglicht
Jesus jedem ein brüderliches Leben durch die Anerkennung des einen Vaters
im Himmel (vgl. Mt 23,9). In ihm ist eine neue Harmonie begründet,
in der »es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann
und Frau gibt; denn ihr alle seid ›einer‹ in Christus Jesus« (vgl. Gal
3,28). »Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile [Juden und
Heiden] und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft
nieder« (Eph 2,14). In allem, was Jesus gesagt und getan hat, war er die
Stimme, die Hand und der Arm des Vaters, der alle Kinder Gottes in einer
einzigen Gemeinschaft der Liebe versammelte; er betete, damit seine Jünger
eins seien wie er und der Vater (vgl. Joh 17,11), und einige seiner
letzten Worte waren: »Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch
geliebt. Bleibt in meiner Liebe! … Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie
ich euch geliebt habe« (Joh 15,9,12). Vom Gott der Gemeinschaft
ausgesandt, begründete Jesus in seiner Person die Gemeinschaft zwischen
Himmel und Erde, denn er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Wir glauben, daß
»Gott mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen wollte, um durch ihn alles zu
versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen,
der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut« (vgl . Kol 1,19–20).
In der Person des menschgewordenen Gottessohnes und in der allein ihm als Sohn
anvertrauten Sendung des Dienstes und der Liebe für das Leben aller kann
Rettung gefunden werden. Zusammen mit der Kirche in aller Welt verkündet
die Kirche Asiens die Wahrheit des Glaubens: »Denn: Einer ist Gott, Einer auch
Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als
Lösegeld hingegeben hat für alle« (1 Tim 2,5–6).
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