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Jesus Christus in
Asien verkünden
20. Die Kirche in Asien ist
durchaus bereit, ihre Pflicht zur Verkündigung auszuüben, denn sie
weiß, »daß sowohl bei den einzelnen als auch bei den Völkern
durch das Wirken des Geistes schon eine – wenn auch unbewußte – Erwartung
da ist, die Wahrheit über Gott, über den Menschen, über den Weg
zur Befreiung von Sünde und Tod zu erfahren«(68) . Dieses Beharren auf der Verkündigung
rührt weder von einem sektiererischen Impuls noch von einem
proselytistischen Geist noch von irgend einer Haltung der Überlegenheit
her. Die Kirche verkündet das Evangelium allein aus Gehorsam dem Gebot
Christi gegenüber im Bewußtsein, daß jeder das Recht hat, die
Frohbotschaft Gottes zu hören, der sich in Jesus Christus offenbart und
schenkt (69) .
Den höchsten Dienst, den die Kirche den asiatischen Völkern leisten
kann, ist, Zeugnis von Christus abzulegen, weil sie so auf deren Suche nach dem
Absoluten eine Antwort gibt und die Wahrheit sowie jene Werte enthüllt,
die ihnen eine ganzheitliche menschliche Entwicklung garantieren. Die Kirche
ist sich der ganzen Bandbreite der verschiedenen Situationen in Asien zutiefst
bewußt und will sich, »von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten« (Eph
4,15). In diesem Sinne verkündet sie die Frohbotschaft in Achtung und
freundlicher Wertschätzung all denen gegenüber, die ihr zuhören.
Es ist eine Verkündigung, die das Recht des Gewissens respektiert und die
Freiheit nicht verletzt, da nämlich der Glaube stets eine freie Antwort
des Individuums erfordert (70) . Doch hebt die Achtung nicht die Notwendigkeit einer expliziten
Verkündigung des Evangeliums in seinem ganzen Umfang auf. Besonders im
Zusammenhang mit dem Reichtum an Kultur und der Vielfalt der Religionen in
Asien muß hervorgehoben werden, daß »weder die Achtung und Wertschätzung
noch die Vielschichtigkeit der aufgeworfenen Fragen für die Kirche eine
Aufforderung darstellen können, eher zu schweigen, als Jesus Christus vor
den Nichtchristen zu verkünden«(71) . Während meiner Indienreise im Jahre
1986 habe ich auch klar zum Ausdruck gebracht: »Die Annäherung der Kirche
an andere Religionen geschieht mit aufrichtiger Achtung […] Diese Achtung ist
zweifach: Achtung vor dem Menschen auf seiner Suche nach Antworten auf die
tiefsten Fragen seines Lebens und Achtung vor dem Wirken des Geistes im
Menschen.«(72)
Durchaus haben auch die Synodenväter das Wirken des Heiligen Geistes
innerhalb der asiatischen Gesellschaft, der asiatischen Kulturen und Religionen
erkannt, wodurch der Vater das Herz der Völker Asiens auf die Fülle
des Lebens in Christus vorbereitet (73).
Trotzdem haben auch vor den
zuerst stattfindenden Konsultationen zur Synode viele Bischöfe auf die Schwierigkeiten
aufmerksam gemacht, die bei der Verkündigung Jesu als einzigem Retter entstehen.
Während der Synode wurde die Situation wie folgt beschrieben: »Manche Anhänger
der großen Religionen Asiens haben keine Schwierigkeiten damit, Jesus als
eine Ausdrucksform des Göttlichen oder Absoluten oder als einen
›Erleuchteten‹ zu akzeptieren. Es ist für sie jedoch schwierig, ihn als
die einzige Offenbarung des Göttlichen anzusehen.«(74) Und tatsächlich steckt ja
auch der angestrengte Versuch, das Geschenk des Glaubens an Jesus als den
einzigen Retter zu teilen, voller philosophischer, kultureller und
theologischer Schwierigkeiten, und zwar ganz besonders im Lichte der
Glaubenswahrheiten der großen asiatischen Religionen, die so eng mit den
kulturellen Werten und spezifischen Weltanschauungen verknüpft sind.
Die Konzilsväter sind
der Meinung, daß die Schwierigkeiten noch dadurch erschwert werden, daß
Jesus oft als ein Nichtasiate betrachtet wird. Es ist paradox, daß viele
Menschen dieses Kontinents dazu neigen, Jesus, der auf asiatischem Boden geboren
wurde, eher als einen Abendländer als einen Asiaten zu betrachten. Im
Grunde war es unvermeidlich, daß die Botschaft des von den abendländischen
Missionaren verkündeten Evangeliums auch durch die Kulturen der Herkunftsländer
beeinflußt wurde. Und das haben die Synodenväter auch als eine
Tatsache zur Kenntnis genommen, die man sich im Zusammenhang mit der Geschichte
der Evangelisierung vergegenwärtigen muß. Gleichzeitig ergriffen sie
diesbezüglich aber auch die Gelegenheit, um »in besonderer Weise der eigenen
Dankbarkeit allen Missionaren und Missionarinnen gegenüber Ausdruck zu
verleihen – ob Laien oder Kleriker, Ausländer oder Einheimische –, welche
die Botschaft Jesu Christi und das Geschenk des Glaubens mitgebracht hatten.
Ein besonderer Dank gilt auch allen Schwesterkirchen, die Missionare nach Asien
entsandt haben und das auch weiterhin tun«(75).
Für diejenigen, die
das Evangelium verkünden, kann die Erfahrung des hl. Paulus eine
Orientierungshilfe sein, der einen Dialog mit den philosophischen, kulturellen
und religiösen Werten seiner Zuhörer aufnahm (vgl. Apg
14,13–17;17,22–31). Auch die ökumenischen Konzilien mußten bei der
Formulierung der für die Kirche verpflichtenden Lehren auf den ihnen zur
Verfügung stehenden sprachlichen, philosophischen und kulturellen
Grundstock zurückgreifen, aber dieser Grundstock wurde dann ein Teil des
Erbes der Universalkirche, da er sich als fähig erwies, die Christologie
in geeigneter und allgemein verbindlicher Weise zum Ausdruck zu bringen. Es ist
ein Teil des Glaubenserbes, das bei der Begegnung mit den verschiedenen
Kulturen angepaßt und stets gemeinsam vertreten werden muß (76) . Daher stellt die Aufgabe,
Jesus so zu verkündigen, daß die asiatischen Völker sich mit
ihm identifizieren können, und gleichzeitig der theologischen Lehre der
Kirche und den eigenen asiatischen Wurzeln treu zu bleiben, eine enorme
Herausforderung dar.
Die Darstellung Jesu
Christi als dem einzigen Retter erfordert eine Pädagogik, welche die
Menschen Schritt für Schritt zur vollen Aneignung des Mysteriums hinführt.
Selbstverständlich wird man, je nach dem, ob es sich um die
Erstevangelisierung von Nichtchristen oder um die Verkündigung an gläubige
Menschen handelt, in der Art und Weise, wie man auf diese Menschen zugeht,
unterscheiden müssen. Bei der Erstverkündigung zum Beispiel müßte
»die Darstellung Jesu Christi so erfolgen, daß er als die Erfüllung
jener Sehnsucht verkündigt wird, die in den Mythen und im Volksglauben der
Ureinwohner Asiens zum Ausdruck kommt«(77) . Im allgemeinen ist die den
asiatischen Kulturformen verwandte Erzählform als Methode vorzuziehen. In
der Tat kann die Verkündigung Jesu Christi durch die Erzählung seiner
Lebensgeschichte wirkungsvoll und aktuell gestaltet werden, wie dies ja auch
das Evangelium tut. Die ontologischen Begriffe, die bei der Darstellung Jesu
stets vorausgesetzt und zum Ausdruck gebracht werden müssen, können
durch Einbeziehung historischer oder auch kosmischer Perspektiven eine
Bereicherung erfahren, weil dadurch ein Bezug hergestellt wir d. Die Kirche, so
haben es die Synodenväter hervorgehoben, muß für die neuen und überraschenden
Wege offen sein, durch die das Antlitz Jesu heutzutage in Asien dargestellt
werden kann (78).
Die Synode hat empfohlen,
daß die zukünftige Katechese »eine evokative Pädagogik
anwendet, die sich der für die asiatische Lehrmethodik so
charakteristischen Geschichten, Gleichnisse und Symbole bedient«(79) . Der Dienst Jesu selbst ist
eindeutig durch den persönlichen Kontakt gekennzeichnet. Das
wiederum verlangt von jemandem, der in der Evangelisierung tätig ist, sich
in die Situation des Zuhörers zu versetzen und seine Verkündigung
durch geeignete Formen und Redeweisen dessen Reifegrad anzupassen. Diesbezüglich
haben die Synodenväter mehrmals die Notwendigkeit unterstrichen, das
Evangelium so zu verkünden, daß dabei die Sensibilität der Völker
Asiens berücksichtigt wird, was bedeutet, daß man ein der
asiatischen Mentalität und den asiatischen Kulturen verständliches
Bild von Jesus entwirft, welches aber auch gleichzeitig der Heiligen Schrift
und der Tradition treu bleibt. Ein solches Bild ist zum Beispiel: »Jesus
Christus, der Meister der Weisheit, der Heilende, der Befreier, der Seelenführer,
der Erleuchtete, der mit den Armen Mitfühlende, der barmherzige Samariter,
der gute Hirt, der Gehorsame.«(80) Jesus könnte als die menschgewordene Weisheit Gottes
dargestellt werden, dessen Gnade die »Saat« der göttlichen Weisheit zur
Reife bringt, die bereits im Leben und in den Religionen der Völker Asiens
enthalten ist (81) .
Bei all dem Leid, von dem die Völker Asiens heimgesucht sind, könnte
Jesus am besten als der Retter verkündet werden, »der das Dasein all jener
mit Sinn erfüllt, die unsäglichen Schmerz und Leid erdulden«(82).
Der Glaube, den die Kirche
ihren Söhnen und Töchtern in Asien als Geschenk überläßt,
kann nicht in die Schranken des menschlichen Verstandes und der Ausdrucksweise
irgendeiner menschlichen Kultur gezwängt werden, da er dieselbe übersteigt
und in Wahrheit jede Kultur dazu herausfordert, sich zu neuen Höhen des
Verstehens und des Ausdrucks aufzuschwingen. Gleichzeitig waren sich die
Synodenväter jedoch auch der dringenden Notwendigkeit der Kirchen in Asien
bewußt, das Mysterium Christi ihren Völkern gemäß deren
kulturellen Kriterien und Denkweisen nahezubringen, wobei sie auch
unterstrichen, daß eine solche Inkulturation des Glaubens auf diesem
Kontinent eine Wiederentdeckung des asiatischen Antlitzes Jesu mit sich bringt,
wobei man einen Modus finden muß, durch den die asiatischen Völker
die universale Heilsbedeutung des Mysteriums Christi und seiner Kirche
begreifen können (83) . Man sollte in unserer heutigen Zeit jenem hohen Verständnisgrad
für die Völker und Kulturen nachstreben, für den Männer wie
Giovanni da Montecorvino, Matteo Ricci und Roberto de Nobili ein Beispiel sind,
um nur einige zu nennen.
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