|
Die Herausforderung
der Inkulturation
21. Die Kultur ist der
Lebensbereich, in dem der Mensch unmittelbar mit dem Evangelium konfrontiert
wird. Da Kultur das Resultat des Lebens und Wirkens einer Gruppe von Menschen
ist, werden auch die Personen, die dieser Gruppe angehören, in hohem Maße
von der Kultur geformt, in der sie leben. Und da sowohl die Menschen als auch
die Gesellschaft sich verändern, verändert sich mit ihnen auch die
Kultur. Indem sich die Kultur wandelt, wandelt sie auch die Menschen und die
Gesellschaft. Angesichts dieser Tatsache wird deutlich, inwieweit auch Evangelisierung
und Inkulturation in natürlicher und enger Beziehung zueinander stehen.
Das Evangelium und die Evangelisierung lassen sich selbstverständlich
nicht mit Kultur identifizieren; sie sind vielmehr von ihr unabhängig.
Aber doch erreicht das Reich Gottes Menschen, die zutiefst an eine Kultur
gebunden sind; noch kann die Errichtung des Reiches Gottes darauf verzichten,
Elemente aus der menschlichen Kultur zu entleihen. Daher hat Paul VI. die Kluft
zwischen Evangelium und Kultur das Drama unserer heutigen Zeit genannt, das
tiefe Auswirkungen sowohl auf die Evangelisierung als auch auf die Kulturen hat
(84).
Bei dem Prozeß der
Begegnung mit den verschiedenen Kulturen der Welt vermittelt die Kirche, die
Kulturen von innen her erneuernd, nicht nur ihre Wahrheit und ihre Werte,
sondern sie schöpft auch aus deren schon existierenden positiven
Elementen. Das ist der verpflichtende Weg für die, die in der
Evangelisierung tätig sind, das heißt, die den christlichen Glauben
weitergeben und ihn zu einem Teil des Kulturguts eines Volkes machen.
Andererseits können auch die verschiedenen Kulturen, wenn sie einmal geläutert
und im Lichte des Evangeliums erneuert sind, zum wahren Ausdruck des einen
christlichen Glaubens werden. »Ihrerseits wird die Kirche durch die
Inkulturation immer verständlicheres Zeichen von dem, was geeigneteres
Mittel der Mission ist.«(85) Dieses Einbeziehen in die Kulturen gehörte stets zur
Pilgerschaft der Kirche innerhalb der Geschichte, sie ist jedoch gerade
heutzutage von besonderer Dringlichkeit angesichts der Vielfalt der Völker,
Religionen und Kulturen in Asien, wo das Christentum allzuoft als eine fremde
Religion betrachtet wird.
In Anbetracht dieser
Tatsache sollte man sich in Erinnerung rufen, was auch wiederholt auf der Synode
zur Sprache kam, nämlich, daß der erste Handelnde bei der
Inkulturation des Glaubens in Asien der Heilige Geist ist (86) . Derselbe Geist, der uns zur
ganzen Wahrheit hinführt, macht auch einen fruchtbaren Dialog mit den
kulturellen und religiösen Werten unterschiedlicher Völker möglich,
unter denen er in gewisser Weise gegenwärtig ist, insofern er den Männern
und Frauen aufrichtigen Herzens die Kraft verleiht, Übel und Nachstellung
des Bösen zu überwinden, und jedem die Möglichkeit bietet, am Ostergeheimnis
teilzuhaben in einer Weise, die nur Gott kennt (87) . Die Gegenwart des Heiligen
Geistes bewirkt, daß sich dieser Dialog in Wahrheit, Aufrichtigkeit,
Demut und Achtung vollzieht (88) . »Indem sie anderen die Frohbotschaft von der Erlösung
anbietet, bemüht sich die Kirche, deren Kulturen zu verstehen. Sie bemüht
sich, die Gedanken und Herzen ihrer Zuhörer, ihre Werte und Gebräuche,
ihre Probleme und Schwierigkeiten, ihre Hoffnungen und Erwartungen zu erfahren.
Hat sie die verschiedenen Aspekte der Kultur einmal kennengelernt und
verstanden, dann kann sie den Heilsdialog beginnen; sie kann voll Achtung, aber
klar und mit Überzeugung die Frohbotschaft von der Erlösung all jenen
anbieten, die aus freien Stücken zuhören und Antwort geben wollen.«(89) Daher dürfen die Völker
Asiens, die den christlichen Glauben zu ihrem machen wollen, nicht nur
versichert sein, daß ihre Hoffnungen und Erwartungen, ihre Ängste
und Leiden von Jesus angenommen sind, sondern auch, daß genau an diesem
Punkt das Geschenk des Glaubens und die Kraft des Geistes in das tiefste Innere
ihres Lebens eindringen.
Es ist Aufgabe der Hirten,
mit dem ihnen eigenen Charisma diesen Dialog mit Vernunft einzuleiten.
Gleichzeitig spielen auch die Experten in religiösen oder weltlichen
Disziplinen innerhalb des Inkulturationsprozesses eine wichtige Rolle. Aber
es muß auch der Prozeß selbst das ganze Gottesvolk mit einbeziehen,
da nämlich das Leben der Kirche als solches den verkündigten und
angenommenen Glauben sichtbar werden lassen muß. Um sicher zu gehen, daß
es in angemessener Weise geschieht, haben die Synodenväter einige Bereiche
wie theologische Reflexion, Liturgie, Ausbildung der Priester und Ordensleute,
Katechese und Spiritualität herausgearbeitet, welche besonderer
Aufmerksamkeit bedürfen (90).
|