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Ioannes Paulus PP.II
Ecclesia in Asia

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  • KAPITEL I
    • Religiöse und kulturelle Realitäten
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Religiöse und kulturelle Realitäten

6. Asien ist der größte Kontinent der Erde, auf dem etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung leben, während sich auf China und Indien allein fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung konzentriert. Auffallend ist in Asien vor allem die Verschiedenartigkeit seiner Völker, »Erben alter Kulturen, Religionen und Traditionen«.(9) Aber auch die enorme zahlenmäßige Größe der Bevölkerung Asiens ist unweigerlich beeindruckend, ebenso das bunte Mosaik seiner vielen Kulturen, Sprachen, Überzeugungen und Traditionen – zweifellos ein wesentlicher Teil der Geschichte und des Erbgutes der menschlichen Familie.

Asien ist auch die Wiege der großen Weltreligionen wie Judentum, Christentum, Islam und Hinduismus. Hier entstanden viele weitere spirituelle Traditionen, wie Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus, Parsismus, Jainismus, Sikh und Shintoismus. Außerdem sind Millionen von Menschen Anhänger traditioneller oder Stammesreligionen auf unterschiedlicher Stufe, was Riten, Strukturen und formelle religiöse Unterweisung angeht. Die Kirche begegnet diesen Traditionen mit größter Hochachtung und bemüht sich um einen aufrichtigen Dialog mit deren Anhängern. Die von ihnen gelehrten religiösen Werte erwarten ihre Erfüllung in Jesus Christus.

Die Bevölkerung Asiens ist stolz auf ihre religiösen und charakteristischen kulturellen Werte, wie beispielsweise die Liebe zur Stille und Kontemplation, Einfachheit, Harmonie, Loslösung, Gewaltlosigkeit, der Sinn für harte Arbeit, Disziplin, Genügsamkeit, der Drang nach Wissen und philosophischer Erkenntnis.(10) Hochgeachtet sind Werte wie Achtung vor dem Leben, Mitgefühl für alle Lebewesen, Naturverbundenheit, respektvolle Haltung der Kinder gegenüber den Eltern, alten Menschen, den Vorfahren sowie ein ausgeprägter Gemeinschaftsgeist.(11) Insbesondere betrachtet man die Familie als unerläßliche Quelle der Kraft, als engverbundene, von starkem Solidaritätsgeist gekennzeichnete Gemeinschaft.(12) Die Völker Asiens sind bekannt für die religiöse Toleranz und den Geist friedlicher Koexistenz. Ohne Spannungen und harte Konflikte leugnen zu wollen, kann dennoch gesagt werden, daß Asien oft eine große Anpassungsfähigkeit und eine natürliche Offenheit für die gegenseitige Bereicherung der Völker in einer Vielfalt von Religionen und Kulturen bewiesen hat. Darüber hinaus zeigen die Religionen Asiens trotz der Beeinflussung durch Modernisierung und Verweltlichung eine große Vitalität und Erneuerungsfähigkeit, wie die Reformbewegungen innerhalb der verschiedenen Religionsgruppen beweisen. Viele, insbesondere unter den Jugendlichen, zeigen ein tiefes Verlangen nach spirituellen Werten, was das Aufkommen neuer religiöser Bewegungen deutlich macht.

All das ist Ausdruck einer das asiatische Wesen kennzeichnenden natürlichen spirituellen Eingebung und moralischen Weisheit, jener Kern, um den sich das wachsende Bewußtsein bildet, »Asiaten» zu sein. Dieses Bewußtsein läßt sich weniger durch Gegensätzlichkeit oder Opposition finden und festigen als vielmehr durch Komplimentarität und Harmonie. In einem solchen Rahmen der Komplimentarität und Harmonie kann die Kirche das Evangelium auf eine Art und Weise verkünden, die sowohl der ihr eigenen Tradition als auch dem asiatischen Wesen entspricht.




9) Propositio 1.


10) Vgl. Bischofssynode, Sonderversammlung für Asien, Lineamenta, 3.


11) Vgl. ebd.


12) Vgl. Propositio 32.





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