33. Ist es nicht vielleicht ein
»Zeichen der Zeit«, daß man heute in der Welt trotz der weitreichenden
Säkularisierungsprozesse ein verbreitetes Bedürfnis nach
Spiritualität verzeichnet, das größtenteils eben in einem
erneuerten Gebetsbedürfnis zum Ausdruck kommt? Auch die anderen
Religionen, die nunmehr in den alten Christianisierungsgebieten weit verbreitet
sind, bieten ihre eigenen Antworten auf dieses Bedürfnis an und tun dies
manchmal mit gewinnenden Methoden. Da uns die Gnade gegeben ist, an Christus zu
glauben, den Offenbarer des Vaters und Retter der Welt, haben wir die Pflicht
zu zeigen, in welche Tiefe die Beziehung zu ihm zu führen vermag.
Die große mystische Tradition der Kirche im Osten wie im Westen hat
diesbezüglich viel zu sagen. Sie zeigt, wie das Gebet Fortschritte machen
kann. Als wahrer und eigentlicher Dialog der Liebe kann er die menschliche
Person ganz zum Besitz des göttlichen Geliebten machen, auf den
Anstoß des Heiligen Geistes hin bewegt und als Kind Gottes dem Herzen des
Vaters überlassen. Dann macht man die lebendige Erfahrung der
Verheißung Christi: »Wer mich liebt, wird von meinem himmlischen Vater
geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren« (Joh 14,21).
Es handelt sich um einen Weg, der ganz von der Gnade gehalten ist und dennoch
einen starken geistlichen Einsatz verlangt. Er kennt auch schmerzvolle
Reinigungen (die »dunkle Nacht«), führt aber in verschiedenen
möglichen Weisen zur unsagbaren Freude, die von den Mystikern als
»bräutliche Vereinigung« erlebt wurde. Wie kann man an dieser Stelle unter
so vielen strahlenden Zeugnissen die Lehre des heiligen Johannes vom Kreuz und
der heiligen Theresia von Avila übergehen?
Ja, liebe Schwestern und Brüder, unsere christlichen Gemeinden
müssen echte »Schulen« des Gebets werden, wo die Begegnung mit
Christus nicht nur im Flehen um Hilfe Ausdruck findet, sondern auch in
Danksagung, Lob, Anbetung, Betrachtung, Zuhören, Leidenschaft der
Gefühle bis hin zu einer richtigen »Liebschaft« des Herzens. Ein
intensives Gebet also, das jedoch nicht von der historischen Aufgabe ablenkt:
Denn während es auf Grund seiner Natur das Herz der Gottesliebe
öffnet, öffnet es dieses auch der Liebe zu den Brüdern und
befähigt sie, die Geschichte nach Gottes Plan aufzubauen. 18
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